2017 im Rückspiegel Ein paar Gedankensplitter

Rückspiegel 2017

Schau ich auf die zahlreichen Beiträge, die sich in den letzten Tagen mit der Rückschau auf das Lesejahr 2017 beschäftigen, dann könnte ich zu dem Schluss kommen, die falschen Bücher gelesen zu haben. Denn mit einer Top Ten-, Top Eight-, Top Six- oder auch nur Top Five-Liste jener Bücher, von denen man annimmt, sie blieben in besonderer Weise haften, kann ich nicht dienen. Das mag daran liegen, viele der in diesen Listen auftauchenden Titel in der Tat nicht gelesen zu haben, so dass ich mir darüber kein eigenes Urteil bilden kann. Ich bin also mitnichten in der Postion, generell über Leseerträge urteilen oder gar den Literaturjahrgang 2017 wie bei einer Weinprobe verkosten und begutachten zu können. Was ich aber feststellen kann und auch muss, ist der Umstand, dass ich selbst nur zwei Bücher zu nennen in der Lage bin, von dessen längerfristiger Wirkung ich überzeugt bin, Bücher, die ich auch jetzt noch in einer mir spürbaren Weise mtinehme und die meinen Blick auf Dinge mir merklich beeinflussen.

Eines davon ist nicht einmal ein literarisches Werk, zumindest nicht im engeren Sinne. Aber Pieter Steinz‘ Der Sinn des Lesens zeichnet auf so wunderbare Weise die sich verwebenden, manchmal verschlingenden Fäden zwischen Leben und Literatur nach, zeigt das Lesen als eine Form von Überlebenspraxis, wo manch anderes schon aussichtslos zu werden droht, die eben nicht nur anrührt (was schon nicht wenig wäre), sondern Wege weist.

Das zweite dann doch ein Roman, ein viel gelobter, ein Preisträger sogar: Robert Menasses Die Hauptstadt. Der Roman ragt ästhetisch aus vielen anderen Erzähltexten des letzten Jahres heraus, er zeichnet hochinteressante Charaktere, entwirft ein eindrucksvolles Stadtpanorama, schafft vielleicht sogar ein neues Romangenre, ja selbst der ab und an kritisierten Kriminalhandlung kann ich etwas abgewinnen. Vor allem aber hat Die Hauptstadt mir einen erweiterten Blick auf die EU verschafft, einen Blick auf die Menschen, die dieses Apparat in Gang halten, und nicht zuletzt auf Strukturen, welche Gelächter und zugleich Kopfschütteln erzeugen, auf Strukturen, von denen man aber zugleich spürt, dass es ohne sie um Europa viel schlechter bestellt wäre.

Mehr Nachhaltiges ist vorerst nicht zu verzeichnen. Zugegeben, Jan Costin Wagners letzter Kimmo-Joentaa-Roman hat stark beeindruckt; die Lektüre liegt aber erst kurz zurück, so dass ich über eine längerfristige Bedeutung nichts sagen mag. Mit Martin Walsers Statt etwas oder Der letzte Rank, diesem herkömmliche literarische Formen hinter sich lassende Erzähltext, kann ich, je länger ich mich damit beschäftige, immer mehr anfangen. Aber da fürchte ich zu sehr den Vorwurf der Walser-Marotte, als dass ich mich dazu zu einer urteilenden Aussage durchringen wollte.

Also, mehr nicht? Doch. Nur ein einziges Buch habe ich wirklich abgebrochen, weil ich es unsäglich fand in seiner betulichen und mit Bildungsinhalten botoxierten Trivialität: Navid Kermanis Sozusagen Paris. So sehr ich den Autor als intellektuelle Stimme in Deutschland schätze, bei der Lektüre seines Romans war nach rund 40 Seiten Schluss; das ging nicht.

Aber der einzige Abbruch. Und insofern war das vergangene 2017 für mich sicher kein schlechtes literarisches Jahr. Natürlich, dabei waren auch zu Ende gelesene Enttäuschungen, vor allem Juli Zehs Leere Herzen. Aber es gab immer noch reichlich Texte, über die zu klagen unfair und unschicklich wäre.

Apropos unschicklich. Ja, da gibt es etwas, das mir in den Rückblicken der letzten Tage auf unangenehme Weise vermehrt begegnet: die Verrisspose. Da werden Bücher in ein Ranking des Vergessens gestellt, nicht nur Romane, sondern Autoren mit Dümmlichkeit in Verbindung gesetzt, da werden Titel als schlechteste Bücher 2017 bezeichnet, begleitet von einem Beitragsbild, das Mülltonnen zeigt. Sorry, aber das einzige, was derlei Beiträge illustrieren, ist die Bereitschaft, wodurch auch immer motiviert, sich an unsäglichen Praktiken der Literaturkritik zu orientieren, die man früher wie heute mit den sogenannten Großkritikern assoziiert. Dabei haben Blogger, davon bin ich überzeugt, doch andere Möglichkeiten als die, sich auf solche Weise auf ein Terrain jenseits der Literatur zu begeben. Auch in 2018!

2 Kommentare

  1. Du erinnerst mich daran, endlich mal Jan Costin Wagner zu lesen. Der schwirrt schon länger in meinem Hinterkopf umher. Und wie ich bereits auf Facebook kommentiert habe: Unterschreibe ich gern Deine letzten Anmerkungen. Ich habe nichts gegen kritische Berichte. Ich mag nur nicht die Hau-Drauf-Mentalität der Klicks und Aufmerksamkeit wegen. Viele Grüße und ein gutes Lesejahr 2018

  2. An dieser Stelle möchte ich mich noch einmal bedanken für deine damalige Besprechung von „Der Sinn des Lesens“, das ich ohne dich nicht wahrgenommen hätte. Und nun ist es auch für mich zu einem der wichtigsten Bücher des vergangenen Jahres geworden und taucht entsprechend in meinem Rückblick auf. Auf weitere anregende Lektüre! Anna

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