Jahr: 2019

Rainer Moritz: Matratzendesaster – kurz gefasst

Literatur und Sex scheinen von je her ein schwieriges Verhältnis zueinander zu haben. Wenn nach der Lektüre von Rainer Moritz‘ Buch der Eindruck nicht trügt, dann hat zwar die explizite literarische Darstellung sexueller Handlungen seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts zugenommen. Wenig geändert aber hat sich offensichtlich die Schwierigkeit, über Sexuelles literarisch überzeugend sprechen zu können.…

Katrine Engberg: Blutmond

Engberg, Blutmond

Wer einen Krimi liest, erwartet, insofern die Aufklärung eines Verbrechens und nicht dessen Entstehung im Vordergrund steht, auch Persönliches über die Ermittler zu erfahren. Gerade in Krimireihen werden deren Lebenszusammenhänge und Entwicklungen zum Bindeglied zwischen den einzelnen Büchern und Fällen. Ja, man kann vielleicht sogar behaupten, dass solche Erzählkonstruktionen zum Erfolgsrezept gehören und mittlerweile den klassischen Detektivroman haben in den Hintergrund treten lassen.…

Regina Dieterle: Theodor Fontane – kurz gefasst

Denis Scheck nutzte gleich zweimal die Gelegenheit, um für diese groß angelegte Fontane-Biografie die Trommel zu rühren. In Lesenswert lud er die Verfasserin zum Gespräch, in Druckfrisch stellte er selbst die Biografie begeistert vor. So viel Wirkung in die Breite für Fontane zu ermöglichen, mag freuen, allein die Biografie Regina Dieterles wird so viel Euphorie nicht gerecht.…

Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht

Kent Haruf, Unsere Seelen bei Nacht

Kent Haruf, ohnehin lange Zeit außerhalb der USA nur ein literarischer Geheimtipp, gehörte auch dann noch zu jenen Autoren, die ich bestenfalls am Rande wahrnahm, nachdem er auch international zum anerkannten Schriftsteller und Bestseller geworden war. Was hatte ich mitbekommen? Ein US-amerikanischer Autor, kein umfangreiches Werk, seine Romane spielen alle in einer Kleinstadt irgendwo in einem der westlichen Staaten.…

Michel Houellebecq: Serotonin – kurz gefasst

Ist nicht zumindest für’s Erste alles über diesen Roman gesagt? Kann man sich überhaupt noch eine andere Postion erlesen als die der Meisterwerkbeschwörung, der Radikalablehnung oder der Langeweilebekundung? Jedenfalls kann man sich kurz fassen.

Der Roman erzählt im konkreten wie im übertragenen Sinne einen Road-Trip. Der Ich Erzähler, Florent-Claude Labrouste, bewegt sich in einem Mercedes-Geländewagen G 350 durch den Norden Frankreichs und durch die Niederungen seiner Depression.…

Michael Köhlmeier: Erwarten Sie nicht, dass ich mich dumm stelle.

Köhlmeier, Erwarten Sie nicht

Die Rede

Man muss die Rede hören. Dann sehen. Dann lesen. In dieser Reihenfolge.

Hören

(Ich hätte mir gewünscht, einen Audiofile der Rede gefunden zu haben, den ich hätte einbetten dürfen. Er hätte es leichter möglich gemacht, sich nur auf das Gehörte der Rede zu konzentrieren. Die Audiospur aus dem Video zu extrahieren und als separaten File zur Verfügung zu stellen, war mir aus eventuell relevanten urheberrechtlichen Gründen zu riskant.

Hilmar Klute: Was dann nachher so schön fliegt.

Klute, was dann nachher

Schon nach wenigen Seiten scheint dem Leser unmissverständlich klar, wer dem jungen Mann, der nach einer Dichterexistenz strebt, Vorbild ist: Peter Rühmkorf. Sogar der Titel des Romans zitiert eine Gedichtzeile des großen Lyrikers. Doch im Laufe der Geschichte, die der Ich-Erzähler unterbreitet, gesellen sich andere dazu: Nicolas Born und Ernst Meister etwa.…

Schreiben lernen im Sozialismus – kurz gefasst

Das Institut für Literatur „Johannes R. Becher“ sei, so die Verlagsankündigung eine „Schlüsselinstitution der DDR-Literaturhistorie“ gewesen. Allerdings, und das sollte zugleich erwähnt werden, wurde es von der Literaturwissenschaft weder während seines Bestehens, noch nach dem Ende der DDR als solche wahrgenommen – bisher. Dass sich das zu ändern vermag, belegt die Studie von Isabelle Lehn, Sascha Macht und Katja Stopka eindrucksvoll.…

Peter Härtling: Der Gedankenspieler – kurz gefasst

Besser kurz gefasst als unerwähnt! Für Peter Härtlings letzten Roman Der Gedankenspieler, den er selbst schon nicht mehr hatte endredigieren können, trifft das in besonderer Weise zu. Vor geraumer Zeit schon gelesen, zum zeitnahen Darüberschreiben nicht gekommen, drohte dem Buch ein Schicksal, das wohl vielen Büchern Härtlings ereilen wird: es droht sehr weit in den Hintergrund zu geraten.…

Wolf Haas: Junger Mann

Hass, Junger Mann

Liebe Sigrid Löffler,

Respekt, da haben sie unlängst zum Jahresende noch einmal richtig einen rausgehauen, den Text hingeknallt mit einer Verve, so als habe das unbedingt noch gesagt werden müssen, bevor das Christkind kommt und ein paar Tage später die Sektkorken und Feuerwerkskörper knallen. Schade eigentlich, dass ich Ihre Verlautbarungen erst ein paar Wochen später wahrgenommen habe; gerne hätte ich früher geantwortet.…

Mick Herron: Slow Horses – kurz gefasst

Mick Herron

Der Roman beginnt furios, so wie man es von einem Spionagethrilller erwartet, so wie man es aus James-Bond-Filmen kennt. Das Interessante aber ist, dass dieser Spannungscatcher ins Leere läuft. River Cartwright, Agent des britischen Inlandsgeheimdienstens MI5 vermasselt eine Aktion, es kommt zu einer Katastrophe in der Londoner U-Bahn; genauer: es käme zu einer Katastrophe, wäre das Ganze nicht eine Übung gewesen.…

Christian Adam: Der Traum vom Jahre Null – kurz gefasst

Adam, Stunde Null

Christian Adam knüpft zeitlich unmittelbar an sein Buch Lesen unter Hitler (2010) an. Er schreibt keine (weitere) Geschichte der Höhenkammliteratur der Nachkriegszeit. Ihn interessiert, was gelesen wurde und auf welche Weise Leseangebote ermöglicht oder erschwert wurden. Dabei wirft er einen breit streuenden Blick auf den aus den Trümmern sich entwickelnden Literaturbetrieb dieser Zeit, auf Verlagsgeschichten und auf das Leseverhalten der Bevölkerung.…

Dörte Hansen: Mittagsstunde

Hansen, Mittagsstunde

Dörte Hansens Mittagsstunde bildet in gewisser Weise einen symptomatischen Ausgang aus meinem Lesejahr 2018. Denn blicke ich zurück auf die wahrgenommenen Neuerscheinungen des vergangenen Jahres, so stellt sich der Eindruck ein, es seien doch eine ganze Reihe (zu viele?) Bücher dabei gewesen, die ich nicht einmal ungern gelesen habe, die sich im Gedächtnis aber kaum bis gar nicht verhakt haben.…