Assaf Gavron: Achtzehn Hiebe

Gavron, Achtzehn Hiebe

In Tel Aviv hat es einen Anschlag mit Toten und Verletzten gegeben. Relativ schnell werden die Attentäter gefasst und vor Gericht gestellt. Die Urheberschaft für den Anschlag wird ihnen nachgewiesen; sie werden zum Tode verurteilt. Einer der Attentäter, so stellt sich heraus, ist allerdings minderjährig so dass die Rechtslage es verbietet, die grausige Höchststrafe an ihm zu vollstrecken. Eine kaum minder makabre Kompensation wird stattdessen angeordnet: der junge Mann wird zu 18 Peitschenhieben verurteilt – und auch diese Strafe wird exekutiert.

Dieses Szenario bildet den Ausgangspunkt der Geschichte, die Assaf Gavron erzählt. Gibt man sie so verknappt wieder, wie oben versucht, und blendet dabei weitere Zusammenhänge aus, dann entsteht angesichts der politischen Lage im Nahen Osten und des endlosen gewalttätigen Konflikts leicht die Vorstellung, es handele sich um drakonische Maßnahmen des israelischen Staates gegen palästinensische Widerstandskämpfer. So ist es nicht, aber es verdeutlicht, wie sehr doch dem Roman Gavrons eine aktuelle politische und gesellschaftliche Note eingewoben ist. Denn er erinnert an eine Zeit, in der jüdische Untergrundkämpfer in Palästina in der sogenannten „Mandatszeit“ als Terroristen galten und von der herrschenden britischen Staatsgewalt entsprechend behandelt wurden. Sie befanden sich, dieser Vergleich drängt sich auf,  in jener Lage, die heute die Lebenssituation der Palästinenser prägt. Dass diese Assoziation den heimischen Lesern noch bewusster ist als den Lesern hierzulande und anderswo, darf man wohl annehmen.

Dennoch ist das wohl nur eine zweite Lesartebene. die mitschwingt. Der skizzierte Ausgangspunkt ist nämlich historisch überliefert und im Kollektivbewusstsein der Isrealis fest verankert, wie Gavron selbst in einem Spiegel-Interview geschildert hat. Denn auf die Bestrafungsaktion durch die britische Mandatsmacht im Jahr 1946 folgte die Racheaktion des jüdischen Untergrunds, wohl unter wesentlicher Beteiligung des späteren Ministerpräsidenten Menachem Begin. Er war seit 1943 Kommandeur der Untergrundorganisation Irgun Zwai Leumi gewesen, die auch unter dem Namen Etzel bekannt war und so auch im Roman bezeichnet wird. Diese Racheaktion bestand darin, zwei britische Militärangehörige zu kidnappen und ebenfalls mit 18 Hieben auszupeitschen. Ob nun diese Aktion, wie im Roman mehrfach angenommen, ausschlaggebend war für den Rückzug der Briten aus ihrem Mandat oder doch nicht viel mehr der Anschlag der Etzel auf das King David Hotel, dem Sitz der britischen Verwaltung, 1946 und die explodierenden Kosten der Mandatschaft, sei dahin gestellt. Gavron jedenfalls bindet an diesen Plot eine an das Genre des Kriminalromans angelehnte spannende Geschichte von Liebe und Verrat.

Hauptfigur ist Eitan Ennoch, der dem Gavron-Leser schon aus dem 2008 auf Deutsch erschienenen Romans Ein schönes Attentat bekannt ist. Ennoch war für kurze Zeit zum nationalen Helden geworden, weil er innerhalb kürzester Zeit drei Bombenanschläge überlebt hatte. Seine plötzliche Popularität wie auch sein Versuch, Licht in die Zusammenhänge dieser Attentate zu bekommen, hinterließen in seinem Leben aber kaum mehr  als  völliges Chaos. Gavron gelang mit diesem Roman ein erhellendes Panorama des israelisch-palästinensischen Dilemmas, das vergnüglich zu lesen war und (leider) auch zehn Jahre nach seinem Erscheinen an Aktualität nichts eingebüßt hat.

In seinem neuen Roman Achtzehn Hiebe nun ist Eitan Ennoch, der wieder als Ich-Erzähler auftritt, mittlerweile Taxifahrer. Eines Tages fährt er eine deutlich über achtzig Jahre alte Dame, Lotta Perl, von ihrer Seniorenresidenz zum bekannten Trumpeldorfriedhof in Tel Aviv, wo sie das Grab ihres Geliebten aufsuchen möchte. Diese Fahrt macht Ennoch fortan täglich, man kommt ins Gespräch. Dabei erfährt er, dass es sich bei dem Geliebten, Edward O’Leary, um einen ehemaligen Mandatssoldaten handelte, der, nachdem die Liebe zwischen ihm und Lotta Perl gescheitert war, das Land verlassen, erst vor kurzem zurückgekehrt und plötzlich verstorben war. Lotta Perl äußert den Verdacht, er sei umgebracht worden, und engagiert Ennoch, von dessen Lebenszusammenhängen sie mittlerweile weiß, um Licht ins Dunkel dieser Geschichte zu bringen.

Die Geschichte nimmt Fahrt auf, als Lotta Perl selbst verschwindet und eine weitere Tote entdeckt wird. Gemeinsam mit seinem, schon aus Ein schönes Attentat bekannten Freund Bar gelingt es, Hintergründe und Zusammenhänge der mysteriösen Vorgänge freizulegen, die bis in die Mandatszeit zurückreichen und dort ihre Wurzeln haben. Ohne zu viel verraten zu wollen, sei erwähnt, dass dabei die Geschichte zweier Liebespaare,die mit Kränkungen und mit Verrat endet, verzahnt wird mit politischen Entwicklungen, deren Folgen sich bis in die Gegenwart der betroffenen Personen hinein nicht vollständig geklärt werden, sondern im Gegenteil am Ende drei Tote zurück lassen.

Diese Zusammenhänge in der Kriminalhandlung zu Tage treten zu lassen, ist ein Verdienst des Romans, ohne schwere Krimikost zu sein. Denn Gavron gelingt es, die Geschichte mit Ennochs Lebensalltag zu verbinden. Dieser Erzählstrang, der den 44-jährigen zwischen Beruf, seinen warmherzigen Bemühungen um seine Tochter Noga, die bei der geschiedenen Mutter lebt, und seinen sexuellen Eskapaden zeigt, bricht die drückende Atmosphäre der Kriminalhandlung immer wieder auf. Das macht das Ganze zu einem durchaus unterhaltsamen Roman, ohne trivial zu werden. Wer Achtzehn Hiebe in einem Rutsch durchlesen kann, wird vielleicht die eine oder andere erneute Zusammenfassung der gewonnenen Einsichten und Erkenntnisse, die im Gespräch durchgearbeitet werden, als allzu redundant empfinden. Wer zu einer solch zügigen Lektüre aber keine Gelegenheit hat, wird eher dankbar sein, wieder schnell in die Erzählfäden hineinzufinden. Sich darauf einzulassen und ihnen zu folgen, lohnt allemal.


Assaf Gavron: Achtzehn Hiebe. Roman. – Aus dem Hebräischen von Barbara Linner. – München: Luchterhand Literaturverlag 2018 (22,- €)

Das Beitragsbild zeigt eine Nachtansicht der Skyline von Tel Aviv, wo der Roman zum größten Teil spielt.

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