Kategorie: Prosa

Beiträge zur aktuellen Prosa

Ingo Schulze: Die rechtschaffenen Mörder

Bücher, die über die Macht des Buches handeln, zumindest solche, die fiktionaler Art sind, finden nur in den allerseltensten Fällen mein Interesse. Ich erinnere mich an deutlich mehr Bücher, die ich nur aus Höflichkeit zu Ende gelesen habe oder las, weil alle sie lasen, oder – im Regelfall – schnell weggelegt habe, als an solche, die mir ein großes Lesevergnügen bereiteten.…

Jan Costin Wagner: Sommer bei Nacht

Der Reflex war erwartbar. In den Feuilletonbesprechungen, die zeitnah zum Erscheinen von Sommer bei Nacht veröffentlicht wurden, wurde es augenscheinlich. Die Frankfurter Rundschau titelte am 13.02.2020: „Ermittler mit pädophiler Neigung“. Einen Tag später stellte Deutschlandfunk Kultur Jan Costin Wagners neuen Roman mit der Schlagzeile vor: „Ein Pädophiler auf der Jagd nach einem Pädophilen“.…

Gøhril Gabrielsen: Die Einsamkeit der Seevögel

Die Aufgabe, die ich mir gestellt habe, ist klar und konkret,
ich muss mich nur auf Fakten konzentrieren. […]
Der Anblick ist überwältigend. Hier sind wir.
Ich und die Elemente in der Welt. Vereint.

Schnörkelloser ist der Titel des Romans im norwegischen Original: „Ankomst“, wohl am schlichtesten und dennoch richtig mit ‚Ankunft‘ übersetzt.…

Peggy Mädler: Legende vom Glück des Menschen

Ich bin mir nicht sicher, ob man von einem Tag,
der vergangen ist, noch etwas anderes
wissen kann – als eine Geschichte.

Auf dem Umschlag mäandert ein blaues Garnknäuel durch das Bild und verbindet Vorder- und Hintergrund. Drei FIguren befinden sich auf der Linie, die der Faden beschreibt. Die Frau mit dem Koffer im Hintergrund wendet dem Betrachter den Rücken zu und scheint das Bild nach hinten verlassen zu wollen.…

Eugen Ruge: Metropol

Wie anfangen? Wenn alle, so scheint es, gelobt haben. Wenn alles, so scheint es, gelobt wurde. Wenn man sich dem Loben nicht so recht anzuschließen vermag.

Der Wunsch war da und er war durchaus nicht klein, gar nichts zu Metropol zu schreiben, weil Aufschreibenswertes nicht einfiel. Dass man im Chor der Lobsängerinnen und Lobsänger nicht mitsingen kann, ist ja nicht zwingend eine Nachricht wert.…

Friedrich Ani: Ermordung des Glücks

Sie stand auf, lächelte flüchtig, nahm das Bierglas
und ging in die Küche. Sie lehnte sich gegen den Kühlschrank
und verbot ihren Gedanken, in Herznähe zu geraten.

Stirbt ein Mensch, stirbt immer auch mehr. Stirbt ein Mensch gewaltsam, stirbt immer auch mehr gewaltsam. Mit großer Eindringlichkeit zeigt Friedrich Anis Ermordung des Glücks, wie weit ein solches Unglück reichen kann.…

Ian McEwan: Die Kakerlake

Fragmente eines ungehaltenen Gesprächs

Hier und da habe ich das auch gelesen. Es scheint ja auch so zu sein, denn im April erschien in Großbritannien Maschinen wie ich und schon ein halbes Jahr später Die Kakerlake. Aber was heißt das schon? Es wird so getan, als sei die Entstehungssdauer ein Kriterium für einen gelungenen oder eben misslungenen Roman.…

Martin Walser: Mädchenleben

Werkzusammenhänge und mehr noch Werkentstehungszusammenhänge öffnen häufig den Blick für Fragen, die sich ansonsten so ohne weiteres nicht einstellen. Sie bieten der Leserin oder dem Leser Anregungen zum erweiterten Verständnis des Textes, die im gelingenden Fall mehr sind als bloße Übungen für germanistische oder literaturwissenschaftliche Analyseexerzitien und die nicht alleine interessant sind für eine Lesegemeinde, die sich auf alles stürzt, was ein Autor oder eine Autorin verfasst.…

Theodor Fontane: Effi Briest

  1. Einführung
  2. Eine später Begegnung
  3. Frühe Uneindeutigkeiten
  4. Vor dem Gespräch
  5. Das Gespräch
  6. Was bleibt
  7. Nachlese

Mein Leben mit Innstetten

Meistens merkt man es ja nicht in dem Augenblick oder in der, relativ gesehen, kurzen Zeitspanne, in der ein Buch gelesen wird, sondern man bemerkt es erst später, dass ein literarischer Text, ein Roman, zu einem Lebensbuch geworden ist.…

Norbert Scheuer: Winterbienen

Die Authentizität des Geschriebenen zu verbürgen. indem man es reales Geschehen erscheinen lässt, etwa dadurch, dass man vom Erhalt irgendwelcher Dokumente berichtet, ist ein alter literarischer Topos. Er hat manchmal schon etwas Abgedroschenes, weil man als Leser weiß, dass man den Bekundungen nicht glauben mag, alles Erzählte sei gefunden, aber nicht erfunden.…

Axel Milberg: Düsternbrook

Hey, der traut sich was. Das war der spontane Gedanke, der mir in den Kopf schoss, als ich zum ersten Mal auf den Titel aufmerksam wurde. Die Assoziation, auf der sich dieser Gedanke gründete, war aber völlig unbegründet: Düsternbrook – Buddenbrooks. Aus dem lautlichen Gleichklang des jeweils zweiten Wortteils einen kalkulierten Zusammenhang abzuleiten, ist bei näherem Hinsehen Quatsch.…

Matthias Brandt: Blackbird

Blackbird singing in the dead of night
Take these broken wings and learn to fly
All your life
You were only waiting for this moment to arise


Blackbird singing in the dead of night
Take these sunken eyes and learn to see
All your life
You were only waiting for this moment to be free

Blackbird fly, blackbird fly
into the light of a dark black night.…

Ian McEwan: Maschinen wie ich

Zwischen 2012 und 2015 produzierte die schwedische Fernsehanstalt SVT zwei Staffeln einer Serie, die unter dem Titel „Real Humans“ auch international durchaus erfolgreich war. Im deutschen Fernsehen lief sie bei Arte. In insgesamt 20 Folgen leuchtet die Serie, die in einer nahen Zukunft in einer schwedischen Kleinstadt spielt , mit viel erzählerischer Geduld und unter weitgehendem Verzicht auf reißerische Effekte die Frage aus, was passiert, wenn Mensch und menschenähnliche Roboter ihren Alltag miteinander teilen.…

Martin Walser: Ein fliehendes Pferd

Sitzt man an einem der Außentische eines der zahlreichen Cafés an der Überlinger Seepromenade, gleich dort am Rand, wo sich die Jogger, Flaneure, Touristen vorbei bewegen, und beginnt, Martin Walsers Novelle Ein fliehendes Pferd zu lesen, so kann man sich das Aufschauen sparen. Der Blick ins Buch sieht mehr, Genaueres, und das beiläufig.…

Peggy Mädler: Wohin wir gehen

Der Zug fährt am See entlang, am Ufer schaukeln Boote. Kristine versucht sich den Sommer vorzustellen, sie stellt sich Almut in einem sonnenbeschienenen Kirchmöser vor und sieht in der Scheibe Ellis Gesicht.

Jetzt bist du der Mensch, der mich am längsten kennt, sagt das Gesicht in der Scheibe, und ist dabei voller Regentropfen.