Kategorie: Prosa

Beiträge zur aktuellen Prosa

Brigitte Glaser: Rheinblick

Glaser, Rheinblick

Wer vom Drachenfels aus im Frühdunst Richtung Nordnordwest auf die rheinische Tiefebene blickt, wird nicht immer den Eindruck abstreifen können, da wabere, wie im Beitragsbild, noch etwas ganz anderes den Steilhang hoch als das durch den Lichteinfall gebrochene kondensierte Wasser in der Luft. Etwas, das weniger den Gesetzen der Meteorologie als mehr noch jenen Umtrieben geschuldet ist, die menschengemacht sind.…

Christoph Hein: Gegenlauschangriff

Ob die Sammlung von insgesamt 28 kurzen Texten, die unter der Gattungsbezeichnung „Anekdoten“ zusammengestellt wurden, tatsächlich Christophs Heins „persönlichstes Buch“ sind, wie der Ankündigungstext auf dem Deckelrücken behauptet, sei einmal dahingestellt. Sein autobiographischstes Buch – man möge nachsichtig umgehen mit diesem sprachlich schrägen Superlativ – ist es allemal. Hein hat zwar schon immer bereitwillig Auskunft gegeben über seine eigene Lebensgeschichte und den darin eingebetteten Ereignissen und Erfahrungen.…

Katrine Engberg: Blutmond

Engberg, Blutmond

Wer einen Krimi liest, erwartet, insofern die Aufklärung eines Verbrechens und nicht dessen Entstehung im Vordergrund steht, auch Persönliches über die Ermittler zu erfahren. Gerade in Krimireihen werden deren Lebenszusammenhänge und Entwicklungen zum Bindeglied zwischen den einzelnen Büchern und Fällen. Ja, man kann vielleicht sogar behaupten, dass solche Erzählkonstruktionen zum Erfolgsrezept gehören und mittlerweile den klassischen Detektivroman haben in den Hintergrund treten lassen.…

Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht

Kent Haruf, Unsere Seelen bei Nacht

Kent Haruf, ohnehin lange Zeit außerhalb der USA nur ein literarischer Geheimtipp, gehörte auch dann noch zu jenen Autoren, die ich bestenfalls am Rande wahrnahm, nachdem er auch international zum anerkannten Schriftsteller und Bestseller geworden war. Was hatte ich mitbekommen? Ein US-amerikanischer Autor, kein umfangreiches Werk, seine Romane spielen alle in einer Kleinstadt irgendwo in einem der westlichen Staaten.…

Hilmar Klute: Was dann nachher so schön fliegt.

Klute, was dann nachher

Schon nach wenigen Seiten scheint dem Leser unmissverständlich klar, wer dem jungen Mann, der nach einer Dichterexistenz strebt, Vorbild ist: Peter Rühmkorf. Sogar der Titel des Romans zitiert eine Gedichtzeile des großen Lyrikers. Doch im Laufe der Geschichte, die der Ich-Erzähler unterbreitet, gesellen sich andere dazu: Nicolas Born und Ernst Meister etwa.…

Wolf Haas: Junger Mann

Hass, Junger Mann

Liebe Sigrid Löffler,

Respekt, da haben sie unlängst zum Jahresende noch einmal richtig einen rausgehauen, den Text hingeknallt mit einer Verve, so als habe das unbedingt noch gesagt werden müssen, bevor das Christkind kommt und ein paar Tage später die Sektkorken und Feuerwerkskörper knallen. Schade eigentlich, dass ich Ihre Verlautbarungen erst ein paar Wochen später wahrgenommen habe; gerne hätte ich früher geantwortet.…

Dörte Hansen: Mittagsstunde

Hansen, Mittagsstunde

Dörte Hansens Mittagsstunde bildet in gewisser Weise einen symptomatischen Ausgang aus meinem Lesejahr 2018. Denn blicke ich zurück auf die wahrgenommenen Neuerscheinungen des vergangenen Jahres, so stellt sich der Eindruck ein, es seien doch eine ganze Reihe (zu viele?) Bücher dabei gewesen, die ich nicht einmal ungern gelesen habe, die sich im Gedächtnis aber kaum bis gar nicht verhakt haben.…

Henning Mankell: Der Sprengmeister (1973) / Der Sandmaler (1974)

Mankell, Sprengmeister-Sandmaler

Man muss nicht jeden Notizzettel eines Schriftstellers veröffentlichen, sei er auch noch so bekannt und bedeutend. Erst recht bedarf es nur ganz, ganz selten der Einordnung solcher Notate in das literarische Oeuvre eines Autors. Denn ein solches Unterfangen nimmt manchmal merkwürdige, ja skurrile Züge an. Bemüht sich aber ein Verlag darum, das literarische Werk eines Schriftstellers vollständig zu veröffentlichen und Lücken im Publikationsverlauf zu schließen, die gerade bei fremdsprachigen Autoren immer wieder vorkommen, dann ist das zu begrüßen.…

Günter de Bruyn: Der neunzigste Geburtstag

de Bruyn, 90. Geburtstag

Als Günter de Bruyn seinen letzten Roman Neue Herrlichkeit veröffentlichte, existierte die DDR noch. Michail Gorbatschow war noch nicht einmal Generalsekretär der KPdSU, von Glasnost und Perestroika keine Spur. Darauf musste man 1984, als das Buch zunächst nur in der (alten) Bundesrepublik erschien, noch ein Jahr warten. Dass aber der Roman ein Jahr später auch in der DDR erscheinen konnte, nachdem Gorbatschow in der Sowjetunion an die Macht gekommen war, ist wohl Zufall.…

Alex Capus: Königskinder

Capus, Königskinder

Wie kalt ist es in einem Toyota Corolla, der auf einem Gebirgspass in der Schweiz, genauer gesagt auf dem Jaunpass, bei einem überraschenden Wettersturz eingeschneit wird? Der Wagen ist, glücklicherweise auf der Bergseite, auf schneeiger Fahrbahn in den Graben gerutscht, an ein Weiterfahren ist nicht zu denken. Man wird die Nacht im Wagen verbringen müssen.…

Michael Krüger: Vorübergehende

Michael Krüger, Vorübergehende

Vorübergehende sind Mitmenschen auf Distanz. Sie kommen, aber sie kommen nicht auf dich zu. Sie gehen nicht nur, sie verschwinden. Vorübergehende sind Flüchtige, auftauchend für Momente, danach wieder weg – meistens ohne Nachhall. Das gilt auch für Vorübergehendes, für Plätze, Orte, Landschaften. Nur, dass du in Bewegung bist, und nicht das, was vorübergeht.…

Stephan Thome: Gott der Barbaren

Thome, Gott der Barbaren

Eingeständnis

Keine Ahnung!
Noch nie etwas vom Zweiten Opiumkrieg gehört?
Ja,  doch, vage, äußerst vage. Ein Konflikt, ich glaube oder vermute,
zwischen China und Großbritannien, irgendwann im 19. Jahrhundert.
Ja, Großbritannien wohl. Denn wer tummelte sich sonst in dieser Zeit
mit Kolonialambitionen in Ostasien? Wahrscheinlich ging es um
den Zugang zum Opium, wozu auch immer man das zu brauchen
glaubte.…

Alex Beer: Der zweite Reiter

Beer, Der zweite Reiter

Der historische Kriminalroman hat Konjunktur. Neu ist dieses Genre weiß Gott nicht, aber es hat spätestens mit der Gereon-Rath-Reihe von Volker Kutscher, die vor rund 10 Jahren startete, nicht nur wachsende Popularität gewonnen, sondern auch ein literarisch durchaus anspruchsvolles Niveau erreicht. Der Grund für den Erfolg liegt auf der Hand.…

Christoph Hein: Verwirrnis

Hein, Verwirrnis

Verwirrnis ist ein Wort, das der Duden nicht verzeichnet. Eine Neuschöpfung also, so könnte man annehmen und sich über den scheinbaren Manierismus wundern. Warum nicht schlicht „Verwirrung“? Neu ist der Begriff aber nicht, im Gegenteil. Denn das Grimmsche Wörterbuch verzeichnet ihn noch, wenn auch nur mit einigen wenigen und außerdem sehr alten Belegstellen.…

Theodor Fontane: L’Adultera

Fontane, L'Adultera

Machen wir uns doch nichts vor! Die Frau, die Mann und Kinder verlässt, hat es ungleich schwerer, dass die Öffentlichkeit ihrem Verhalten Verständnis entgegenbringt, als der Mann, der sich von seiner Familie abwendet. Schnell steht ein vermeintlicher Anspruch auf Rechtfertigung im Raum. Schneller entsteht ein moralischer Vorbehalt, ein zweifelndes Muss-das-denn-sein?, wenn nicht ein empörtes Wie-kann-man-nur!.