Christoph Hein: Verwirrnis

Hein, Verwirrnis

Verwirrnis ist ein Wort, das der Duden nicht verzeichnet. Eine Neuschöpfung also, so könnte man annehmen und sich über den scheinbaren Manierismus wundern. Warum nicht schlicht „Verwirrung“? Neu ist der Begriff aber nicht, im Gegenteil. Denn das Grimmsche Wörterbuch verzeichnet ihn noch, wenn auch nur mit einigen wenigen und außerdem sehr alten Belegstellen. Demnach ist das Wort seit geraumer Zeit schlicht nicht mehr gebräuchlich, in der alltäglichen Sprachanwendung mehr oder minder vergessen und durch „Verwirrung“ abgelöst. Allerdings: die Suffixe -ung und -nis sind keine Kennzeichen von Nominalisierungen auf gleichem semantischem Level. Die Endung -nis, darauf weisen einschlägige linguistische Beiträge hin, benennt in der Regel relativ abstrakte Begriffsinhalte; man denke nur an solche wie Erkenntnis, Wildnis oder Geheimnis. Das Suffix -ung ist wiederum semantisch wesentlich breiter aufgestellt. Man muss die linguistischen Feinheiten hier nicht weiter treiben, um feststellen zu können, dass „Verwirrung“ und „Verwirrnis“ nicht das gleiche meinen. Erstgenannter Begriff beschreibt einen zeitlich eingrenzbaren Zustand oder eine Situation, Verwirrnis einen umfassenderen Befund, der schwerer zu fassen und weniger augenscheinlich greifbar ist. Es ist etwas Größeres oder Tiefergreifendes als die bloße Verwirrung. Verwirrnis ist zugleich ein alter, ein abgelegter Begriff, einer der aus der Zeit gefallen zu sein scheint – ebenso wie die Hauptfigur in Christoph Heins gleichnamigem Roman.

Friedeward Ringeling sei, so erzählt der Roman gleich zu Beginn, „ein Original“ gewesen, „ein kostbares Relikt aus der Welt der Großmütter, Kutschen und Hauskonzerte“.  Aus der Zeit gefallen, ja, aber nicht zuletzt auch gerade weil er so sehr in den Zeitverhältnissen drinsteckte, mag man ergänzen. Auf gut 300 Seiten breitet der Roman dessen Lebensgeschichte aus. Er liest sich weithin wie eine Biographie und spart zumindest bei den Eckdaten nicht mit exakten Daten. Geboren wurde Friedeward Ringeling am 1. September 1933 und er starb am 18. Juni 1993. Dazwischen wird ein Leben ausgespannt, das ganz linear mit Rückgriff auf einige behutsame, wie nebenher eingesetzte Raffungen erzählt wird. Schaut man auf die Erzählweise, so könnte man, gäbe es keine gegenläufigen inhaltlichen Bezüge, glauben, der Roman sei wie seine Hauptfigur ebenfalls aus der Zeit gefallen, sei ein Erzählprodukt aus dem 19. Jahrhundert.

Formavantgardisten mögen das kritisch sehen. Kaum zu leugnen aber ist, dass das Erzählverfahren aufgeht. Es erzeugt einen ausgesprochen starken Sog, immer weiter lesen zu wollen, und zieht den Leser in die Lebensgeschichte dieses Außenseiters hinein. Heins Chronikstil mit dem Bemühen um nüchterne, sich jeder Wertung enthaltenden Äquidistanz zum Stoff kann auch schiefgehen. Zumindest in Teilen muss man das wohl für Heins letzten Roman Trutz konstatieren. Hier aber geht die Strategie auf. Es gibt, anders eben als im Vorgänger, keine einzige Figur, die konturlos bleibt; es sei denn, wie etwa der nur als „Goethe-höchstselbst“ bezeichnete Leipziger Literaturprofessor Hans Mayer, der bewusst so angelegt ist statt ihn zu benennen, als den ihn aber jeder erkennt, der ein wenig Kenntnis hat von der Leipziger Germanistenschule der 50er und 60er Jahre im letzten Jahrhundert. Auch die sporadisch, aber pointiert gesetzten Dialoge greifen; Erzählsituationen werden plastisch aufgebaut und wirken umso eindrücklicher. Kurz: So antiquiert die Erzählweise auf den ersten Blick vielleicht erscheinen mag, so stimmig und so wirksam ist sie.

Mit großer und ebenso berührender Eindringlichkeit erzählt Hein die Geschichte des Friedeward Ringeling als lebenslanges Ringen um seine Würde. Seine Homosexualität, die er von frühauf lernt, im Verborgenen zu halten, ist dabei zwar ein wichtiger Aspekt, aber vielleicht doch nur die vordergründige Ausgestaltung, an der sich die Frage nach einem Leben in Selbstachtung entfaltet. Er stammt aus einem zutiefst katholischen Elternhaus und muss schon früh unter dem Vorwand von Anstand und Sitte und daraus obskur abgeleiteter Erziehungsnotwendigkeit schwere Misshandlungen durch den Vater erdulden. Der hält die Züchtigung mit einem sogenannten „Siebenstriemer“, nichts anderes als einer bestimmten Art von Peitsche, für ein angemessenes Mittel, seine Kinder zu erziehen. Die beiden älteren Geschwister fliehen regelrecht aus dem Elternhaus, während Friedeward als Nachkömmling den barbarischen Übergriffen seitens des Vaters ausgesetzt bleibt. Nicht nur die körperlichen Schmerzen, sondern auch die Demütigungen prägen sich früh ins kindliche Bewusstsein und ebenso früh sieht man das Kind im Ringen um Strategien zwischen Hass auf den Vater, Aushalten und Anpassung zur Strafvermeidung.

Dieses Muster ist vorgeprägt, bevor Friedeward seine Homosexualität entdeckt, sich eine heimlich geliebte  Liebe zum Klassenkameraden Wolfgang entwickelt, diese schließlich durch einen unglücklichen Zufall vom Vater entdeckt wird und es zur Eskalation kommt. Auch wenn es mittelfristig gelingt, dessen Misstrauen gegenüber seinem Sohn zu zerstreuen, so wird mit der ersten erzwungenen Trennung des Paares letztlich eine Entwicklung in Gang gebracht, die die beiden Männer endgültig voneinander trennen wird. Wie in zahlreichen Romanen gelingt es Hein, die Individualgeschichte dieser Beziehung anzubinden an die Entwicklung der beiden deutschen Staaten, die Teilung, den Mauerbau, Entspannungsphasen in den 70er Jahren und schließlich der Wiedervereinigung.

In allen Lebensphasen bleibt aber prägend das Bemühen, die eigene sexuelle Orientierung geheim zu halten. Es ist bedrückend zu lesen, wie sehr sich eine Person verbiegen und anpassen muss, auch noch als in der DDR (früher als in der Bundesrepublik) Homosexualität nicht mehr unter Strafe steht. Aber mit einer Strafrechtsreform ändert man eben noch keine Verhältnisse, zumindest nicht schnell.

Friedeward Ringeling schlägt einen akademischen Weg ein, einen Weg, der es ihm zunächst ermöglicht, das Elternhaus verlassen zu können. Er kann schließlich erfolgreich als Germanist in Leipzig reüssieren und einen Lehrstuhl besetzen. Aber auch dieser Weg ist geprägt durch dauerhafte Taktiererei und Verschleierung. Was zunächst ein Sprungbrett war, um sich von den privaten Drangsalen durch die eigene Familie zu befreien, wird nun zu dem Raum, vor dem Homosexualität verborgen bleiben muss, um keine Angriffsfläche zu bilden. Das geschieht an einem Institut, so der bittere Hintergrund, an dem der berühmte Institutsleiter selbst homosexuell war. Das wird aber nirgendwo im Roman erwähnt.

Ohnehin geht die akademische Karriere Friedewald Ringelings weiter, auch nachdem Hans Mayer 1963 die DDR verlässt. In diesen Zusammenhängen wird Verwirrnis zu einem Universitätsroman, der zeigt, wie es der Hauptfigur hier gelingt, sich nicht zu verbiegen und trotz allem sich ein großes internationales Renommee zu erarbeiten. Seine fortbestehende Solidarität mit dem ehemaligen Doktorvater  wird ihm schließlich zu einem doppelten Verhängnis. Sie bringt ihn in einen einmaligen, vollkommen harmlosen und von Ringeling geradezu ins Groteske gekehrten Kontakt zum Staatssicherheitdienst. Weil dieser aber aktenkundig wird, wird er schließlich nach der Wiedervereinigung zum Problem. Um sich  vom Vorwurf der Kollaboration befreien und seinen Lehrstuhl behalten zu können, müsste sich Ringeling zumindest halböffentlich zu seiner Homosexualität bekennen. Hier aber würde eine Grenze überschritten, die er nicht zu überschreiten willens ist.

In seiner gebückten Aufrichtigkeit und seiner ungebeugten Integrität zeigt Hein einen Menschen, der den Leser noch geraume Zeit beschäftigt, auch wenn er das Buch schon wieder zugeklappt hat. Nur von „Verwirrung“ zu sprechen, wäre da schon fasst ein Euphemismus. Wenn Christoph Hein im Interview selbst darauf verweist, dass die Figur beispielhaft dafür sei, dass man Prägungen nie ablegen könne, das Zeitgeschichtliche seines Romans aber nur eine Art Raum für die Figuren bilde, in dem sie sich bewegen, dann untertreibt er, so sympathisch die Bescheidenheit sein mag. In der Verschränkung von Individual- und Zeitgeschichte und seiner beklemmenden Eindringlichkeit liegt die Leistung dieses Romans, den man nicht zuletzt aufgrund der erzählerischen Ausgestaltung der Hauptfigur vielleicht als einen der besten in Heins mittlerweile stattlichen Gesamtwerk ansehen kann.


Christoph Hein: Verwirrnis. Roman. – Berlin: Suhrkamp Verlag 2018 (22.-€)

Bildnachweis: Das für das Beitragsbild verwendete Foto steht unter der Creative Commens Lizenz: Bundesarchiv, Bild 183-P0307-001 / Raphael (verehel. Grubitzsch), Waltraud / CC-BY-SA 3.0.

Es zeigt die Karl-Marx-Universität in Leipzig im Jahr 1975.

2 Kommentare

  1. Ein wundervoller facettenreicher Beitrag, bei dem ich viel gelernt habe. Für mich war das Erstaunliche, mit welch einfachen sprachlichen Mitteln es Hein gelingt, die Leser in die Geschichte zu ziehen, Emotionen hervorzurufen. Da gibt es Szenen, die sind sprachlich recht karg, aber sehr berührend und graben sich förmlich ein. Im Nachhinein kam bei mir der Gedanke, dass es da eine Parallele zwischen John Williams „Stoner“ und „Verwirrnis“ gibt: Beide beschreiben ein Leben in all den Höhen und Tiefen und ja, die Geschichte eines Wissenschaftlers. Im Übrigen hatte ich während meines Germanistik-Studiums in Leipzig mit Manfred Diersch einen Dozenten, der sehr anschaulich von Hans Mayer und seinen berühmten Vorlesungen erzählen konnte. Er war einer seiner Studenten. Das ist mir sehr in Erinnerung geblieben. Viele Grüße und meine Besprechung folgt in Kürze

  2. Peter Peters

    Vielen Dank für den Hinweis auf „Stoner“; der Zusammenhang leuchtet mir sofort ein.

    Anfang der 80er Jahre hatte ich als Student das Glück, Hans Mayer in Aachen bei einem Vortrag erleben zu dürfen. Ich weiß nicht mehr, worum es ging; vielleicht um Büchner, aber das kann auch eine haltlose Gedächtniskonstruktion sein. Woran ich mich allerdings erinnere, war seine Vortragsweise. Dass er frei redete und offensichtlich nur ein paar Stichpunkte auf einem Blatt stehe hatte (wie in „Verwirrnis“ erwähnt) – vielleicht passt hier tatsächlich der Begriff „Zettel“ -, das kann ich bestätigen. Es war phänomenal.

    Danke für deine Rückmeldung und viele Grüße.

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