Dörte Hansen: Mittagsstunde

Hansen, Mittagsstunde

Dörte Hansens Mittagsstunde bildet in gewisser Weise einen symptomatischen Ausgang aus meinem Lesejahr 2018. Denn blicke ich zurück auf die wahrgenommenen Neuerscheinungen des vergangenen Jahres, so stellt sich der Eindruck ein, es seien doch eine ganze Reihe (zu viele?) Bücher dabei gewesen, die ich nicht einmal ungern gelesen habe, die sich im Gedächtnis aber kaum bis gar nicht verhakt haben. Dazu wird, so viel kann man jetzt schon sagen, auch die Mittagsstunde gehören.

Ein überschwängliches Lob benötigt der Roman allerdings ohnehin nicht, nicht einmal eine Leseempfehlung. Nach seinem Erscheinen im Oktober 2018 schoss er gleich an die Spitze der Spiegel-Bestsellerliste und hält sich auch zum und nach dem Jahreswechsel weiterhin ganz weit oben in diesen Literaturcharts. Es sei ihm gegönnt, denn bei aller Skepsis, die zu erläutern sein wird, ist ebenso festzuhalten, dass es weiß Gott schlimmere Zumutungen gibt auf dem literarischen Markt als Dörte Hansens zweiter Roman.

Manches im Setting des Romans erinnert an ihren Debüterfolg Altes Land, ohne dass dessen Konzept einfach fortgeschrieben worden sei. Nein, kein Teil II oder „Altes Land reloaded“. Dorf und Stadt bilden zwar auch im neuen Roman einen gewissen Kontrast, doch der ist viel stärker auf die Hauptfigur bezogen als das im Debütroman der Fall war. Erzählt wird zwar auch hier zu einem relativ späten Zeitpunkt des Romans, dass im Laufe der Jahre immer mehr Städter aufs Land drängen, um dort das zu finden, was gerade dabei ist zu verschwinden. Aber es wird hintergründiger als in Altes Land erwähnt. Dörte Hansen verzichtet auch auf die satirische Darstellung einer sich liberal und ökologisch wähnenden bürgerlichen Mittelschicht, die einen ganzen Stadtteil prägt – wie eben in Altes Land den Hamburger Stadtteil Ottensen. Der Handlungsort verschiebt sich gut 100 Kilometer weiter hoch, liegt irgendwo nördlich von Husum, da, wo kaum 100 Kilometer Land die Nordsee von der Ostsee trennt, wo gefühlt unzählige Namen von Ortschaften auf -büll enden, so eben auch das fiktive nordfriesische Brinkebüll.

Mehr noch als in Altes Land kann man Gründe finden, dieses Dorf als die eigentliche Hauptfigur des Romans zu bezeichnen. Ich habe sie nicht gezählt, aber es sind sicher ein knappes Dutzend Figuren, die Dörte Hansen vorstellt und deren Lebensgeschichte im Dorf sie verfolgt über mehrere Jahrzehnte bis, grob gesagt, in die Gegenwart. Manches zeitlich gerafft, manches, vor allem aus den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts auch ausgefabelt. Da ist der Dorfschullehrer mit seinen mag sein gut gemeinten Erziehungsmethoden, die „rustikal“ zu nennen aber sehr euphemistisch wäre; die Ladenbesitzerin, die sich ebenso entschlossen wie vergeblich gegen sich verändernde Einkaufsgewohnheiten stemmt; die bibliomane Bäckerstochter, die selbst bei Aushelfen im Geschäft und dem Füllen der Brötchentüte die Bücher nicht aus der Hand legt, oder eben auch manche Bauernfamilie, die wir begleiten in ihrem vergeblichen Beharrungsverhalten gegenüber den Entwicklungen, die die Zeit mit sich bringt und die mehr als nur das Gesicht des Dorfes verändern. Wir erleben nicht nur die Flurbereinigung in den endsechziger Jahren und die Veränderungen, die sie für das Dorf brachten, wir schauen auch, metaphorisch gesprochen, in den einen oder anderen privaten Kochtopf.

Für meinen Geschmack in den einen oder anderen Kochtopf zu viel. Irgendwann ist man der kauzigen, schrulligen, verschrobenen. irgendwie verqueren Figuren überdrüssig. Wir haben es verstanden!, würde man am liebsten der Erzählfigur zurufen, jetzt ist genug, bleib doch bei den Feddersens und erzähle ihre Geschichte zu Ende.

Den Figurenmittelpunkt bildet nämlich Ingwer Feddersen und dessen Familie. Er ist das Enkelkind von Söhnke und Ella, die Gastwirte des „Dorfkrugs“, die ihn an Mutter Statt groß zogen. Ihre mental gehandicapte Tochter war schwanger geworden, wahrscheinlich, man weiß es nicht genau, von einem der Landvermesser, die die Flurbereinigung technisch vorbereiteten. Marret Feddersen war aber nicht in der Lage, Verantwortung für das Kind übernehmen. Sehr liebevoll kümmern sich Söhnke und Ella um ihren Enkel, wachsen in die Elternrolle hinein und werden von Ingwer auch so wahrgenommen.

Dessen Biographie bildet ein Grundmuster ab, das zumindest für einen Teil der in den 60er Jahren geborene Landbevölkerung typisch war. Ingwers Kindheit spielt sich nahezu ausschließlich im Dorf und in der Gaststätte, den „Dorfkrug“, den seine Großeltern führen, ab. Prägungen wird er auch als Erwachsener nicht ablegen. Sie manifestieren sich nicht nur, aber doch nachdrücklich in den Schlagern der 60er und frühen 70er Jahre, die der Neil-Young-Fan auch als Erwachsener noch spontan abrufen und, wenn es sein muss, mitsingen kann. Er ist zugleich ein Privilegierter. Denn er kann bald das Gymnasium in der Stadt besuchen, macht dort Abitur und verlässt schließlich zum Studium in Kiel seine Heimat. Dort, an der Ostsee, macht er als Archäologe eine bescheidene akademische Karriere, lebt seit mehr als 20 Jahren in einer Dreier-WG, findet aber keine feste Familienbindung. Schließlich nimmt er kurz vor seinem 50. Geburtstag ein Sabbatjahr, geht zurück nach Brinkebüll und pflegt dort seine mittlerweile alt gewordenen Großeltern. Ella ist zudem dement. Das tut Ingwer mit sehr viel Geduld, Liebe und bewundernswerter Zuwendung. Am Ende stirbt Söhnke, Ella wird in einem Heim für Demente betreut und gepflegt, Ingwer tritt wieder seine Stelle an, fährt aber jeden Freitag von Kiel aus zurück nach Brinkebüll, wo er im „Dorfkrug“, der jetzt zu einer Erlebnisranch umgebaut wird, zwei Zimmer behält. Wie lange dieses Schwanken zwischen Bleiben und Gehen Bestand haben wird, bleibt am Ende offen.

Das alles wird weithin ohne Larmoyanz, aber nicht ohne Sentimentalität erzählt. Das, im Vergleich zu Altes Land ambitioniertere Erzählverfahren, das in seinen Rückschleifen zwischen Vergangenem und Gegenwart zu vermitteln sucht, ohne den Leser dabei zu überanstrengen, akzentuiert das Verlorene stärker als das, was bleibt. Den Vorwurf der rückgewandten Idylle kann man Mittagsstunde dabei sicher nicht machen. Zu sensibel werden die Widersprüchlichkeiten, auch die Brutalitäten in diesem Dorf angesprochen. Aber Erzählgestus und Perspektive legen doch einen Firnis über all das, so dass ein Trotz allem augenscheinlich wird, das die verlorenen Verhältnisse verklärt.

Weil es solche Dörfer nicht nur in Nordfriesland gegeben hat, gibt es in der Leserschaft ohne Zweifel einen hohen Wiedererkennungseffekt. Jörg Magenau ist nicht nur deshalb zuzustimmen, wenn er in seiner Besprechung des Romans im Deutschlandfunk lapidar feststellt, dass jene, die Altes Land mochten, Mittagsstunde lieben werden. Der Roman ist eingängig, ohne Zweifel, jedoch in weiten Teilen allzu.


Dörte Hansen: Mittagsstunde. Roman. – München: Penguin Verlag 2018 (22.- €)

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