Dominique Paravel: DIe Schönheit des Kreisverkehrs

Paravel, Kreisverkehr

Giratoire – Kreisverkehr. Dessen vermeintliche “Schönheit”, auf die der deutschsprachige Titel hinweist, spielt im Originaltitel keine Rolle und wird durch diesen Verzicht der Romanhandlung in höherem Maße gerecht als die Adaption. Der Titel Die Schönheit des Kreisverkehrs suggeriert eine ästhetische Erfahrung, die die beiden Hauptfiguren nicht erleben – und der Leser auch nicht. Das spricht nicht gegen den Roman, mitnichten. Denn die “Schönheit” eines Kreisverkehrs weckt doch die Erwartung, ein Artefakt der Verkehrsregulierung könne einen Beitrag leisten zur Verklärung einer Wirklichkeit, an der es bei Lichte besehen (oder bei Durchfahrt durch eine solche Straßenführung) nichts zu verklären gibt. Was nicht heißt, ein solcher Kreisverkehr eigne sich nicht zur metaphorischen Auffladung. Wenn Vivienne Hennesy, die weibliche Hauptfigur, jeden Kreisverkehr, den sie passiert, dreimal umfährt, bevor sie an der richtigen (manchmal auch falschen) Stelle einbiegt, um die auftretenden Fliehkräfte zu spüren, und wenn ihr männlicher Widerpart Joaquin Reyes mitten auf solch einem Kreisverkehr in ein diabetisches Koma fällt, dann nimmt man schon wahr, wie sehr doch dieser merkwürdige Ort Lebensfragen ins Bild setzen kann.

In Frankreich geschieht dies zudem vor dem Hintergrund einer besonderen Verkehrstradition. 1906 wurde der Place de l’Etoile, seit 1970 Place Charles-de-Gaulle, in einen Kreisverkehr verwandelt. Auf der so entstandenen Mittelinsel dekorierte fortan der Arc de Triomphe dieses sternenförmige Straßengebilde. Auch wenn es, so zum Beispiel in New York, schon anderswo solcherart Straßenführung gab, wurde der Place de l’Etoile doch zur Mutter aller Kreisverkehre, erst recht in Frankeich, in dem es mehr solcher Verkehrsführungen gibt als in jedem anderen Land der Erde. Da wundert es nicht, dass es einen Markt gibt für Unternehmen, die sich auf die Gestaltung von Mittelinseln spezialisiert haben. Ein solches Unternehmen ist die Savinco B.T.B., in der Joaquin Reyes als Landschaftsarchitekt angestellt ist.

Die Romanhandlung setzt ein, kurz nachdem der Firmeninhaber verstorben ist und es sich abzeichnet, dass erhebliche Umstrukturierungsmaßnahmen auch zum Abbau von Arbeitsplätzen führen werden. Umso verständlicher ist, dass Reyes misstrauisch reagiert, als ihm angekündigt wird, ihn werde eine Beraterin aus der Zentrale in Paris bei seinem Planungsgespräch mit Vertretern der (fiktiven) Gemeinde Virote im Département Drôme über einen neu zu gestaltenden Kreisverkehr begleiten. Sein Misstrauen speist sich aus der Sorge um seinen Arbeitsplatz, weil er vor Jahren bei der Einstellung verschwiegen hatte, Diabetiker zu sein, und zugleich aus der Hoffnung, diesen in Aussicht stehenden Auftrag als Chance für sein berufliches Fortkommen zu ergreifen, die er sich von einer Beraterin nicht kaputt machen lassen möchte.

Das ist die Ausgangskonstellation, als Vivienne Hennessy mit deutlicher Verspätung in der Firmendepandance in Lyon eintrifft, von wo aus man gemeinsam aufbricht in die Nähe von Montélimar. Doch Erstaunliches geschieht: Vivienne nimmt nicht, wie aufgrund des vereinbarten Termins mit der Gemeindeverwaltung zu erwarten, die A7 von Lyon durch das Rhône-Tal RIchtung Süden, sondern entscheidet sich für die durch hohes Verkehrsaufkommen überlastete N7, die Nationalstraße, die zudem weitgehend parallel zur A7 verläuft. Dass der vereinbarte Termin nicht einzuhalten ist, ist von vorneherein abzusehen. Mehrfach wird Joaquin aufgefordert, den Gemeinderat anzurufen und mit immer fadenscheiniger werdenden Ausreden die Verspätung anzukündigen. Zudem gibt sich die Fahrerin nicht einmal ansatzweise die Mühe, den Termin einzuhalten, sondern schiebt eine Pause nach der anderen ein. Das belastet nicht nur von Beginn an das Verhältnis der beiden Figuren zueinander, das bringt auch Joaquins Blutzucker gehörig durcheinander.

So entspinnt sich eine höchst interessante Road Novel durch das Departement Drôme, in dem die beiden ihr Verhältnis zueinander taxieren und ausloten, aber zugleich darum bemüht sind, ja nichts von sich preiszugeben. Das ist geschickt erzählt, wechselt doch die Erzählperspektive von Kapitel zu Kapitel zwischen den beiden Figuren hin und her. Dabei gibt es über weite Strecken Überschneidungsmengen zwischen den Kapiteln, so dass das zuletzt Erzählte des Einen im folgenden Kpitel aus der Sicht des Anderen aufgenommen wird. So entstehen erhellende Einblicke in Wahrnehmungs- und Denkweisen der beiden Kontrastfiguren, die auf den schnellen Blick gar nichts miteinander gemein zu haben scheinen. Das aber ist gerade der Punkt, der die Erzählung reizvoll macht. Intuitiv spürt man doch, dass die beiden irgendetwas verbinden muss, bei aller Unterschiedlichkeit, die sie an den Tag legen, und bei aller Antipathie, die sie füreinander zu hegen scheinen. Das dem Roman vorangestellte Motto des Romans “Ich bin im Leben fürs Abhauen”, ein Zitat der französischen Schauspielerin Arletty, lässt eine Gemeinsamkeit erahnen, die sich gegen Ende deutlicher abzeichnet. Dann erscheinen sie wie aus der Zeit gefallen, fast schon erlöst – fast.

Dominique Paravel erzählt mit großer Nähe zu ihren Figuren und schaft dabei ein intensives Maß von Eindringlichkeit. Weniger gelungen erscheinen demgegenüber jene Passagen, in denen sie die Bemühungen der Gemeinde, einen pompösen Kreisverkehr für ihr – mit Verlaub – Dorf zu bauen, satirisch auf’s Korn nimmt. Diese Passagen stecken voller Überspitzung, entlarven die Großmannssucht der Kleinbürger, sind amüsant, wirken insgesamt im Romankonstrukt aber wie ein Fremdkörper, den es nicht oder nur in deutlich geraffterer Form gebraucht hätte. Einen wirklichen Abbruch tun diese Teile dem schmalen Roman aber nicht. Sie schicken den Leser in einen Kreisverkehr und lassen ihn darin fahren, eine, vielleicht zwei Runden, führen am Ende aber doch auf eine Ausfahrt. Wohin? Der letzte Satz: Unmerklich dreht Vivienne das Lenkrad herum, öffnet den Kreis, öffnet die Zeit.


Dominique Paravel: Die Schönheit des Kreisverkehrs, Roman. Aus dem Französischen von Lis Künzli. – München: Verlag Nagel & Kimche 2017 (19.- €).

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