Erling Kagge: Stille. Ein Wegweiser

Kagge, Stille

Was es nicht ist

Im US-Bundesstaat Minnesota gibt es einen Ort, der als der stillste Ort überhaupt gelten kann. In den „Orfield Laboratories“ wurde ein Raum geschaffen, der 99,99% aller Geräusche absorbiert. Wer sich in dem Raum befindet, hört nichts außer sich selbst als Geräusch, sein Herz, seine Lunge, seinen Magen. Niemand hat es bisher länger als 45 Minuten in diesem Raum ausgehalten; die meisten Personen fangen schon vorher an zu halluzinieren. Genau genommen ist das aber kein Ort der Stille, sondern der Abwesenheit von Schall. Auch wenn es in seinen Schilderungen über seinen Weg zum Südpol eine Passage gibt, in der Erling Kagges Naturwahrnehmungen etwas Halluzinatorisches bekommen, meint er bei seiner schreibenden Suche nach Stille einen solchen Ort nicht.

Anders als der Untertitel suggeriert, ist sein Buch auch kein Wegweiser. Letzterer schlägt eine Richtung vor, signalisiert: Wenn du da und da hin möchtest, nimm diesen Weg, um dorthin zu gelangen. Er behauptet zwar nicht, das sei der einzige Weg, um das Ziel zu erreichen, aber der, den er weist, ist ein gewisser. Deshalb hat jeder Wegweiser einen auffordernden, appellativen Charakter: Nun geht auch in diese Richtung! Jeder, der sich schon einmal gegen die Vorschläge seines Navis entschieden hat, weiß, welche Widerstände da plötzlich stark werden können. Wegweiser in Buchform nennt man landläufig Ratgeber. Kagge aber setzt sich zum Glück nicht der Gefahr aus, dergleichen sein zu wollen. So leuchtet dieser Untertitel auch nicht ein, der mit dem norwegischen Original, so weit beurteilbar, wohl auch nichts zu tun hat. Ein Untertitel, wahrscheinlich geboren aus marktstrategischen Überlegungen; schade.

Was es ist

Schaut man auf Erling Kagges Kurzbeschreibung auf der Rückenklappe des Schutzumschlags, so gewinnt man auf den ersten Blick nicht unbedingt den Eindruck, er sei prädestiniert zur Stille. Verleger, Jurist, Kunstsammler – das sind Tätigkeiten, die eher einen hektischen Alltag vermuten lassen. Aber es gibt noch die andere Seite, den Autor und den Abenteurer, der Nord- und Südpol zu Fuß erreicht hat, der den Mount Everest bestieg, der offensichtlich die Begegnung mit sich selbst, gar das Zurückgeworfensein auf sich selbst sucht. Stille, und sei es nur dass man die Fähigkeit besitzt, sie als Erleben weitreichender Geräuscharmut auszuhalten, gehört da wohl als existenzielle Erfahrung dazu.

Das ist es auch, was Kagge in seinem schmalen Buch zu schildern unternimmt: existenzielle Erfahrungen. Stille bildet dabei so etwas wie eine Leitorientierung für seine Notate. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Der Zugriff überzeugt, überzeugt auch da, wo bei nur leichter Verschiebung von Perspektiven oder der Struktur des Textes das Ganze hätte auch schief gehen und in den Kitsch von plattitüdenhaften Allerweltseinsichten einmünden können. Denn wer erwartet, dass Kagge von einem festen Begriff von Stille ausgeht, den er in 33 Versuchen durchspielt, wird enttäuscht werden. Er umkreist ein Erleben, das in Erfahrung mündet, aber er definiert es nicht. Das ist nicht sein Anliegen.

Es ist auch nicht seine Stärke.Denn gerade in den Passagen, in denen sich Erlebnisschilderungen auf eine Aussage zubewegen, die in ihrem Redegestus eine gewisse Allgemeingültigkeit beansprucht, neigen die Sätze zum Sentenzenhaften, zu „Binsenweisheiten“, wie man ihm im Spiegel-Interview zum Buch entgegenhielt.

Beeindruckender als die ab und an festzustellende Neigung zum griffigen Aussagekondensat sind seine Schilderungen, in denen Kagge Stille erlebte: auf seinem Marsch zum Südpol, im New Yorker Untergrund oder auf dem Fußweg von zuhause zu seinem Arbeitsplatz in Oslo, um nur wenige Beispiel zu nennen. Überzeugend sind auch jene Kapitel, bei denen man als Leser zunächst nicht sofort den Zusammenhang zum Leitthema zu erkennen vermag. Gerade hier aber öffnen sich anregende Reflexionsräume. Es spricht nicht gegen, sondern gerade für Kagges mit einigen schönen Fotos durchsetzten Stille-Essay, dass der 33. und damit letzte Versuch über die Stille am meisten einleuchtet. Es ist eine leere Doppelseite.

Stille ist weiß

Man kann wohl kaum angemessen über Kagges Stille sprechen, ohne die Buchgestaltung zu erwähnen. Auffallend ist der bunte, ja schreiend bunte Einband des Buches. Er zeigt eine Kunstaktion auf dem Rosenthaler Platz in Berlin im Jahr 2011, bei der Autos farbige Spuren auf dem Asphalt hinterließen. Die Unruhe, die Hektik des alltäglichen Treibens wird sichtbar, beim Betrachten fast hörbar. Aber alles wird ummantelt von einem weißen Buchumschlag, der in ganz fein gestrichenen Buchstaben nur die notwendigsten Informationen enthält. Der Umschlag bildet so etwas wie den Stillekontrast zum Einbandbild.

Und mehr noch: Wer das Buch in Händen hat, möge es einmal neben andere Bücher halten, die selbst noch nicht so alt sind, dass deren Seiten schon zu vergilben beginnen. Beim Vergleich des Buchblocks wird sofort auffallen, dass für Stille ein Papier ausgewählt wurde, das von ganz besonderer Weiße ist. So hat hat man seitens des Verlags dem Buch ein ganz besonderes Gestaltungskonzept gegönnt. Und das hat es durchaus verdient.


Erling Kagge: Stille. Ein Wegweiser. Aus dem Norwegischen von Ulrich Sonnenberg. – Berlin: Insel Verlag 2017 (14.- €).

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