Friedrich Ani: Ermordung des Glücks

Sie stand auf, lächelte flüchtig, nahm das Bierglas
und ging in die Küche. Sie lehnte sich gegen den Kühlschrank
und verbot ihren Gedanken, in Herznähe zu geraten.

Stirbt ein Mensch, stirbt immer auch mehr. Stirbt ein Mensch gewaltsam, stirbt immer auch mehr gewaltsam. Mit großer Eindringlichkeit zeigt Friedrich Anis Ermordung des Glücks, wie weit ein solches Unglück reichen kann.

An einem regnerischen Novembertag kommt der 11-jährige Lennart abends nicht vom Fußballtraining nach Hause. Gut einen Monat später wird er tot, ermordet, aufgefunden. Der pensionierte Kommissar Jakon Franck übernimmt einmal mehr, den Eltern die Todesnachricht zu überbringen. Wie man schon im ersten Jakob-Franck-Krimi Der namenlose Tag erfahren hatte, war der Hauptfigur diese schwere Aufgabe schon zugefallen, als er noch im aktiven Polizeidienst gewesen war, und er übernahm sie auch späterhin. Erzähltechnisch ist das der Kniff, mit der Franck in die einzelnen Fälle einbezogen wird. Aber es ist zugleich viel, viel mehr.

Franck bewegt sich an der Schnittstelle zwischen Polizeiarbeit und privater Investigation. Entscheidend aber ist, wie er sich in diesem Raum bewegt. Er besitzt eine Gabe – so darf man sie wohl nennen -, die von großer Empathiefähigkeit und einem ausgeprägten Vorstellungsvermögen zeugt, und die er über die Jahre zu einer Art Ermittlungsmethode entwickelt hat. Er selbst nennt sie „Gedankenfühligkeit“. Wenn die Ermittlung zu stocken droht, zieht er sich in einen bestimmten Raum seiner Wohnung zurück, legt sich auf eine blaue Wolldecke und lässt seinen Gedanken freien Lauf. Diese Art von meditativem Flow öffnet ihm neue Perspektiven, neue Denkwege. Sein ehemaliger Kollege, Freund und Nachfolger im Amt bemerkt nicht ganz grundlos, dass man diese Form der Ermittlungsarbeit besser nicht der Öffentlichkeit mitteilen solle, wolle man nicht um das Ansehen der Abteilung fürchten. Aber er weiß aus jahrelanger Zusammenarbeit, der Leser des vorherigen Romans weiß es auch: es funktioniert.

Bis zu diesem Fall! Francks Methode stößt an ihre Grenzen. Die Ermittlungen stocken, kommen nicht weiter. Je länger sie dauern, je ungeduldiger, ja verzweifelter Franck in seinem Auf-der-Stelle-treten wird, desto genauer blickt der Leser auf die Umstände, die der Tod des Kindes zur Folge hat. Das gelingt Ani durch eine Vielzahl von Perspektivwechseln, die den Blick von den eigentlichen Ermittlungen abrücken und die Hintergründe beleuchten.

Der Leser erhält Einblicke in eine ebenso enge wie merkwürdige Geschwisterliebe, erlebt den völligen Zusammenbruch der Ehe von Lennarts Eltern und kann sich in die bodenlose Verzweiflung der Mutter wie auch des Vaters hineinfinden, die sich ganz unterschiedlich Bahn brechen. Man wird zudem konfrontiert mit den Lebenszusammenhängen der zahlreichen Nebenfiguren, die im Laufe der Aufklärungsarbeit befragt werden. So entsteht eine beklemmendes und doch gleichzeitig unlarmoyantes Soziogramm vom Leben der Menschen rund um den Spitzingplatz in München-Giesing, dem Tatort. Man darf wohl zurecht das, was Ani da erzählerisch vor dem Leser ausbreitet, als literarische Milieustudien bezeichnen.

Die haben aber keinen Selbstzweck, sondern sind sorgfältig eingebettet in die Konstruktion des Plots. Dabei wird alles mit einem Firnis tiefer Melancholie und Trauer überzogen. Man nimmt das stürmische, regnerische und schneematschige München gar nicht anders als tiefgrau wahr. Eine Verfilmung, die dem zweiten Fall Jakob Francks vielleicht ebenso folgen wird wie dem ersten, kann man sich eigentlich nur als Schwarz-Weiß-Film vorstellen. Auch die Lösung des Falls kann das Grau, die Melancholie und die Trauer kaum vertreiben. Es stellt sich am Ende zwar so etwas wie ein Trotz allem ein, mehr aber für die Ermittler und für Jakob Franck, für die Leidtragenden nahezu nicht. Es bleibt eine tiefe und den Leser mit bewegende Traurigkeit, die auch dann lange noch nicht schwindet, wenn die letzte Seite umgeblättert wurde.


Friedrich Ani: Ermordung des Glücks. Roman. – Berlin Suhrkamp Verlag 2017. Mittlerweile auch als Suhrkamp Taschenbuch (st 4931) erhältlich.

Vorlage für das Beitragsbild: Ioannis Ioannidis auf Pixabay

2 Kommentare

Kommentare sind geschlossen.