Ian McEwan: Die Kakerlake

Fragmente eines ungehaltenen Gesprächs

Hier und da habe ich das auch gelesen. Es scheint ja auch so zu sein, denn im April erschien in Großbritannien Maschinen wie ich und schon ein halbes Jahr später Die Kakerlake. Aber was heißt das schon? Es wird so getan, als sei die Entstehungssdauer ein Kriterium für einen gelungenen oder eben misslungenen Roman. Ich bitte darum, nicht missverstanden zu werden, ich möchte McEwans Novelle nicht das Format von Weltliteratur zuschreiben, aber wurde der „Werther“ nicht innerhalb von sechs Wochen geschrieben? Also lassen wir doch bitte dieses Gerede von der schnellen Feder.

Kann man nicht jeden verstehen, der vom Brexit nichts mehr hören will? Den, dem der Gedanke kommt: Geht in Frieden, aber geht endlich! Den, der resigniert feststellt, ihm falle zum Brexit nichts mehr ein?. McEwan immerhin ist noch etwas eingefallen, und er hat das in die Form einer literarischen Satire gegossen, die, wie ich finde, trägt, und die bei aller Bitterkeit, die sich einstellt, Lesevergnügen bereitet.

Unsere Beobachtungen decken sich in weiten Teilen. Die Metamorphose vom Menschen zum Ungeziefer, die die Erzählhandlung in Kafkas „Verwandlung“ ja erst in Gang setzt, einfach umzukehren, finde ich originell, ich kann mich zumindest nicht an einen ähnlichen erzählerischen Schachzug erinnern. Nun gut, das heißt nichts. Aber er ist durchaus auch gewagt. „Jim Sams“ – mehr anglisierter Gregor Samsa geht von der Namensgebung her wahrscheinlich kaum. Und damit öffnet man so ein Fenster, dass man als Leser immer geneigt bleibt, Parallelen zu suchen und Vergleiche zu ziehen. Das geht fast zwangsläufig nicht auf. Dieser Jim Sams, in dem man ja unschwer deutliche Züge von Boris Johnson erkennen kann, ist eben keine Angestelltenexistenz, die sich in ihrem unerträglichen Anpassungsbedürfnis ja auch ein Stück weit selbst sein Dasein abgräbt. Man muss dem Roman, so nennt ihn zumindest Diogenes, aber zugute halten, dass er die Anspielung nicht zu Tode reitet.

Das gelingt, finde ich, McEwan durch einen ausgesprochen klugen und die dargestellte politische Situation noch mehr zuspitzenden Einfall. Jim Sams ist als Premierminister zwar die prominenteste, aber nicht die einzige Kakerlake. Der größte Teil seines Kabinetts besteht aus seinen mutierten Artgenossen. Damit sind wir auf einer ganz anderen Ebene als bei Kafka. Was McEwan hier eigentlich satirisch vorführt, ist ein Staatsstreich der Kakerlaken, des Ungeziefers, das sich dann am Ende auch wieder zurückzieht, wenn der größtmögliche Schaden irreversibel eingetreten ist. Man lässt Großbritannien mit der angerichteten Scheiße dann wieder alleine.

Natürlich, ich glaube, den Brexit kann man gar nicht satirisch überzeichnen. Mehr Realsatire geht nicht. Um Dinge, die da ablaufen, deutlich zu machen, muss man einen anderen Aufhänger finden. Und das ist dieser „Reversalismus“. McEwan spinnt diese Idee so überzeugend aus, dass ich selbst unsicher wurde, ob es nicht doch irgendwelche Ökonomen gibt, die tatsächlich die Umkehrung des Geldflusses als volkswirtschaftliche Heilsidee vertreten. Ich habe es gegoogelt und werde dabei immer auf Die Kakerlake, aber auf sonst nichts verwiesen. Offenbar ist doch niemand so bescheuert anzunehmen, es sei wirtschaftlich sinnvoll, wenn man fortan für das, wofür man bisher Geld erhalten hat, Arbeit zum Beispiel, bezahlen muss, um Geld zu bekommen, wofür man bisher zahlen musste.

Ja, ja, klar. Es gibt mindestens zwei, die daran glauben. Der britische Premier und nach erstem Zögern der amerikanische Präsident Archie Tupper. Der ist ja nun wirklich bis zur vollkommenen Kenntlichkeit des Vorbilds verändert.

Die Figuren sind nicht nur bis zur Kenntlichkeit überspitzt. Es ist zu befürchten, dass das für die politischen Strukturen ebenso gilt. Nein, es wundert mich nicht, wie schnell und wie einfach politische Konflikte hochgeschaukelt werden können, wie man an dem Zwischenfall sieht, der zur Krise zwischen Großbritannien und Frankreich führt. Für den Betrachter von außen ist zu befürchten: ja, so leicht ist es. Hier werden keine Dinge satirisch überzogen, hier wird mögliche Realität geschildert.Es schaudert einen. Es gibt eine kleine Szene, in der ein Konferenzgespräch zwischen Jim Sams und der deutschen Bundeskanzlerin geschildert wird. Darin stellt sie, offensichtlich mit dem Latein ihrer nüchternen Rationalität am Ende, die einfache Frage an den Premierminister: Warum? Warum tun sie das? Der weiß darauf außer mit völlig verquaster Ideologie nicht zu antworten. Das entlarvt, aber mehr noch erschüttert es zutiefst. Denn er hat ja Erfolg.

Eine Dystopie? Nein, es bleibt immer noch Satire. Und als solche ist das Buch, ich habe das ja zu Beginn schon gesagt, sehr unterhaltsam. Ziehen Sie sich mit einer Tasse Kaffee oder, wenn sie es britisch wollen, mit einer Tasse Tee auf ihr Sofa zurück, lesen Sie das Buch und Sie werden zwei wunderbare Stunden verbringen. Nicht mehr, nicht weniger, aber das ist schon viel.

Und unter uns: Mir hat Die Kakerlake besser gefallen als Maschinen wie ich.


Ian McEwan: Die Kakerlake.Roman. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. – Zürich: Diogenes Verlag 2019.

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