Ian McEwan: Maschinen wie ich

Zwischen 2012 und 2015 produzierte die schwedische Fernsehanstalt SVT zwei Staffeln einer Serie, die unter dem Titel „Real Humans“ auch international durchaus erfolgreich war. Im deutschen Fernsehen lief sie bei Arte. In insgesamt 20 Folgen leuchtet die Serie, die in einer nahen Zukunft in einer schwedischen Kleinstadt spielt , mit viel erzählerischer Geduld und unter weitgehendem Verzicht auf reißerische Effekte die Frage aus, was passiert, wenn Mensch und menschenähnliche Roboter ihren Alltag miteinander teilen. Dabei werden ethische Fragen wie die Ausbeutung der weithin autonom agierenden „Hubots“ oder auch die Liebe zwischen Mensch und Maschine durchgespielt.

Wer die Serie damals gesehen hat, fühlt sich bei der Lektüre von Ian McEwans Maschinen wie ich fast zwangsläufig daran erinnert, auch wenn es im Handlungsablauf keine Adaptionen oder Anlehnungen gibt. Mag sein, dass es aber dann auch eine solch auftauchende Erinnerung ist an diese so unaufgeregt und trotzdem zugleich so tief in existenzielle Zusammenhänge blickende TV-Serie, die nach dem Ende der Lektüre von McEwans Roman eine gewisse Enttäuschung hinterlässt.

Der neue Adam

Maschinen wie ich spielt in London im Jahr 1982. Charlie, die männliche Hauptfigur und zugleich der Ich-Erzähler, entpuppt sich sehr schnell als ebenso sympathischer wie zugleich etwas windiger Lebenskünstler. Er lebt in einer eher bescheidenen Wohnung und verdient sein Geld damit, an der Börse zu spekulieren. Dazu greift er auf ererbte Rücklagen zurück, kann aber von den Gewinnen eher schlecht als recht seinen Lebensunterhalt bestreiten. Immerhin reicht es jedoch noch, keinem bürgerlichen Beruf nachgehen zu müssen.

Die Handlung setzt ein, nachdem er sich für einen horrenden Preis, der seine Rücklagen fast vollständig aufbraucht, einen humanoiden Roboter kauft. Von diesen Robotern gibt es insgesamt 25 Stück, 12 männliche und 13 weibliche Exemplare. Faszination der Technik, mehr noch aber der Wunsch nach einem Freund, Helfer und Gesprächspartner haben Charlie zu dem Kauf bewogen. Außerdem will er damit seine Nachbarin Miranda beeindrucken, in die er sich verliebt hat.

Adam, der Android, ist frei programmierbar und zugleich eigenständig lernfähig, kurz gesagt ein Wesen, das wir als künstliche Intelligenz mit menschlichem Antlitz bezeichnen würden. Charlie kann Miranda dafür gewinnen, Adam mit seinerseits wie mit ihrerseits gewünschten Charaktereigenschaften zu programmieren. Dieser Maschinenmensch wird so etwas wie ihr gemeinsames „Kind“, das sich dann aufgrund seiner Lernfähigkeit zunehmend eigenständig entwickelt. Auch wenn sich schnell zeigt, dass Adam zum viel besseren und vor allem viel erfolgreicheren Börsenspekulanten wird als Charlie und große Gewinne erzielt, treten doch ebenso schnell die Tücken zutage, einen solch immens lernfähigen Hausgenossen zu haben.

Dass Adam, der offenbar auch noch gut aussieht, mit Miranda im Bett landet, erweist sich in der Folge der Romanhandlung aber letztlich sogar noch als marginales Partnerproblem zwischen Charlie und seiner Nachbarin, deren Beziehung sich trotz des Seitensprungs sogar noch intensiviert. Was sich aus der zunehmenden Autonomie des Androiden an weiteren Verwicklungen ergibt, macht den größeren Teil des Leseanreizes aus. Den kann man durchaus als Spannung bezeichnen, ohne den Roman literarisch abwerten zu wollen oder ins Krimigenre zu rücken.

Zeitgeschichte auf links gedreht

Eingebettet ist die Handlung von Maschinen wie ich in ein Erzählkonstrukt, das konsequent kontrafaktisch angelegt ist. Ja, wir befinden uns wie erwähnt im Jahr 1982, aber die fiktionalen Zeitläufte haben sich anders gestaltet als es wirklich war. Darin sind zwei einschneidende Veränderungen in der Entwicklung von besonderer Bedeutung. Im Roman hat Großbritannien den Falklandkrieg ausgesprochen kläglich verloren, befindet sich in der Folge in politischer Schockstarre, sieht sich mit einer virulenten Regierungskrise und schließlich sogar mit einem Attentat konfrontiert. In dieser Gemengelage wird der Alltag der Figuren entfaltet.

Dass Alan Turing, mittlerweile siebzigjährig, noch lebt, ist das zweite tragende Element. Der geniale Mathematiker hatte sich erfolgreich der erzwungenen chemischen Kastration widersetzt, in deren Folge er in der ‚realen“ Geschichte eine schwere Depression davontrug und 1954 Selbstmord begangen hatte. Er ist in der Romanerzählung wesentlich an der Entwicklung der humanoiden Roboter beteiligt und so etwas wie der Kopf des gesamten Projekts. Dieses Projekt aber läuft auf vielen Ebenen anders als erwartet. Man kann auch sagen: es läuft schief. Ohne zu viel verraten zu wollen, denn das ist wirklich ein spannendes Element, sei erwähnt, dass die Interaktion zwischen Mensch und Maschine sich auf vielerlei Ebenen als das zentrale Kernproblem entpuppt.

Trotz allem, trotz auch der klugen und hellsichtigen, fast schon essayistischen Passagen im Roman, in denen das Mensch-Maschine-Verhältnis auf einer Metaebene reflektiert wird, kann Maschinen wie ich nicht ganz überzeugen. Das liegt sicherlich nicht an der Thematik, auch wenn deren Dimensionen hier nicht unbedingt in neuer Weise ausgefabelt werden.

Eher drängt sich der Anschein auf, als habe Ian McEwan zu viel gewollt. Man merkt der Erzählweise an, dass es ihm offensichtlich großen Spaß gemacht, die kontrafaktische Geschichte auszuerzählen. Aber es gelingt ihm nicht in überzeugender Weise, die einzelnen Stränge miteinander zu verbinden. Am ehesten funktioniert das noch mit der Turing-Handlung, aber die politische Entwicklung in Großbritannien bleibt für den Handlungsverlauf wie für die Gesamtthematik des Romans bloße Staffage. Die kleine Kriminalhandlung, die sich aus einer durchaus traurig und tragisch zu nennenden Lebensepisode aus Mirandas Vergangenheit entspinnt, läuft als erzählerischer Fremdkörper nebenher und wird auch wenig überzeugend zum Ende geführt. So hat Ian McEwan vom Ende her gesehen viel gewollt, Aktuelles und Kluges zur Entwicklung künstlicher Intelligenz bei weitem mehr als ‚angedacht‘, es aber nicht in eine wirklich überzeugende Romanform bringen können. Schade!


Ian McEwan: Maschinen wie ich. Roman. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. – Zürich: Diogenes Verlag 2018.

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2 Kommentare

  1. Ich habe den Roman sehr gern und auch mit Gewinn gelesen, allerdings kann ich Dir zustimmen, dass der Autor unter seinen Möglichkeiten geblieben ist, vor allem stilistisch. Ich kenne die angesprochenen Reihe nicht, aber ich hatte zuvor den Klassiker „Frankenstein“ gelesen, der ja an einer Stelle auch in Erwähnung findet.

    Ich fand es hingegen interessant, dass er die künstliche Intelligenz nicht als existenzielle Bedrohung ansieht, wie beispielsweise eine Reihe fantastischer Literatur. Vielmehr hält Adam ja den Menschen den Spiegel vor, kommen die Humanoiden mit der Menschheit nicht klar, weshalb ja eine Reihe auch Selbstmord begehen.

    McEwan hätte einige Themen durchaus etwas mehr ausbauen können, denn die Szenerie, die er aufbaut, hat sehr viel mit unserer Gegenwart zu tun. Gegen Ende hat man so den Eindruck, ihn hat die Lust verloren. Bis auf den letzten Dialog zwischen Charlie und Turing. Werde in Kürze ebenfalls berichten und den Roman besprechen. Viele Grüße

    • Peter Peters

      Uneingeschränkte Zustimmung.
      Vielen Dank für deine Rückmeldung und herzliche Grüße

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