Jan Costin Wagner: Sakari lernt, durch Wände zu gehen

Jan Costin Wagner, Sakari

Heiß ist es in diesem Sommer in Turku an der Südwestküste Finnlands. Ein junger Mann legt seine Kleidung ab und steigt in einen Brunnen, mitten in der Stadt, unmittelbar bei einem großen Einkaufszentrum. Er hat ein Messer bei sich. Beim Polizeieinsatz geht etwas schief. Einer der beteiligten Polizisten, Petri Grönholm, steigt in den Brunnen, um den offensichtlich verwirrten jungen Mann zu beruhigen. Doch der Versuch, auf Sakari – so heißt der Heranwachsende –  einzuwirken, läuft aus dem Ruder, warum, wird im Laufe des Romans nicht ganz aufgeklärt werden können. Es kommt in der zugespitzten Situation zu einer Fehlreaktion des Polizisten, der den jungen Mann erschießt.

Hier schon wird eine besondere Stärke von Jan Costin Wagners Erzählweise deutlich. Es ist nämlich gerade der Lakonismus der Schilderung, die das Schreckliche beim Leser ankommen lässt. Schrecklich ist ohne Zweifel, was da passiert, aber die Erschütterung, die einen beim Lesen befällt, hält diesmal nicht lange an. Zumindest nicht bei demjenigen, der den letzten Roman gelesen hat und sich erinnert. Nur wenige Seiten später keimt Erleichterung auf, eine Erleichterung, die mit dem bis dahin erzählten Geschehen fast nichts, mit dem Schicksal der Hauptfigur aber umso mehr zu tun hat. Sie lässt beim Lesen eine Gefühlslage entstehen, welche sich ebenso irritierend wie wunderbar durchzieht durch die Lektüre – bis zum Ende. Denn es gelingt Jan Costin Wagner in bemerkenswerter Weise, dass man sich lesend immer wieder selbst sehr stark wahrnimmt in seinen Emotionen, wenn man den fünf oder sechs Figuren, aus deren Perspektive erzählt wird, in den Tagen nach dem Tod des jungen Mannes folgt.

Das gilt vor allem für die Perspektive der Hauptfigur, Kimmo Joentaa, dem Kommissar, dem wir nun mittlerweile zum sechsten Mal folgen dürfen. “In Jan Costin Wagners neuem Roman verschmelzen Trauer und Glück auf einzigartige Weise.” Das ist eine sehr treffende Beschreibung für die oben angesprochene Wirkung des Erzählten. So wirbt der Verlag auf der Rückseite des Schutzumschlags, aber nicht für den aktuellen Sakari lernt, durch Wände zu gehen, sondern für seinen Vorgänger Tage des letzten Schnees, der 2014 erschien. Der war (und ist) ein hervorragender, ein bewegender Roman, aber wo die Verlagsredaktion damals das Glück gesehen hat, bleibt ihr Geheimnis. Er endete zwar mit einem starken Bild intensiver Zweisamkeit zwischen Kimmo und seiner erst vor wenigen Stunden geborenen Tochter, die nur aus Vorsicht noch im Brutkasten lag. Aber was vorher alles geschehen war, ist dermaßen traurig und erschütternd, dass selbst das tröstliche Schlussbild nicht mehr als Glücksmoment wirkt. Nach all dem Leid und den Schicksalsschlägen, die Kimmo Joentaa erleben musste, kann man sich nicht vorstellen, wie es lebenswert weitergehen soll.

Doch es geht weiter. Sakari lernt durch Wände zu gehen spielt nicht, wie man in der Chronologie der Erscheinungsjahre annehmen könnte, drei Jahre nach Tage des letzten Schnees, sondern neun. Letztgenannter, in dem in einem Erzählstrang ein Anders-Breivik-Epigone eine Rolle spielte, war zeitlich im Jahr 2012 oder 2013 angesiedelt, und nichts spricht dagegen, den aktuellen Roman an unsere Gegenwart heranzurücken. Kimmo Joentaas Tochter Sanna  ist aber nicht vier oder fünf, sondern neun Jahre alt. Wir begegnen einem glücklichen, unbeschwerten Kind, einem sehr liebevollen und fürsorglichen Vater und erleben die beiden in Situationen, die man durchaus als Idylle bezeichnen darf. Und das Ganze ohne eine Spur von Kitschverdacht. Diese Idylle ist nicht fragil, aber sie überdeckt auch nicht die Narben, die geblieben sind.

Die gelebten Momente sind vergangen. Die versäumten Momente auch. Aus und vorbei.
Er kennt es, er hat es gespürt, hat es erlebt, vor einer Reihe von Jahren. Einen Menschen zu verlieren, für immer. Sich zu erinnern, mit allen Fasern, und gleichzeitig zu spüren, dass der Geliebte nichts davon weiß. Weil er nicht mehr da ist. Einfach weg. Ersatzlos gestrichen. Aus und vorbei. Es könnte gut gestern gewesen sein. Oder morgen.
Und jetzt … hier und jetzt … sitzt Sanna, in einiger Ferne, am Steg, am Wasser, mit baumelnden Beinen. Sanna, die nichts von der Verantwortung weiß, die sie trägt. Sein Lebenslicht zu sein.

Es ist nicht der Gedanke an einen erfüllten Augenblick, der in die Zeitlosigkeit enthebt, dem sich Joentaa an einem Abend dieses heißen Sommers hingibt, als er nach Hause zurückgekehrt. Die Qualität des Hier und Jetzt basiert vielmehr aus der Erfahrung des Mangels und der Gefährdung, und das macht die zitierte Wahrnehmung so glaubwürdig. Zudem ist sie nicht frei von Bürde. “Lebenslicht zu sein” ist eine große Verantwortung, selbst wenn sie unausgesprochen bleibt, selbst wenn sie ungewusst ist von der Neunjährigen.

Dieses private Glück hält den Roman atmosphärisch in der Schwebe und kontrastiert die Hintergründe der Todesumstände Sakaris, die sich mit und mit erschließen und Familientragödien zutage treten lassen. Wagner schafft es dabei immer wieder mit ganz wenigen Sätzen, Zusammenhänge herzustellen zwischen Schicksalen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben.

Neun Jahre, denkt Joentaa. Ja. Ein warmer Sommer. Vor neuen Jahren ist Larissa gestorben. Und Sanna kam zur Welt. Und Sakari hat vier Tore geschossen.

Das genügt, um mit wenigen Worten nicht nur deutlich, sondern spürbar werden zu lassen, was bei Sakari schiefgelaufen sein muss. Auf Details soll hier verzichtet werden. Denn wenn auch immer wieder der Eindruck artikuliert wird, eigentlich sei das kein Krimi, so sei doch nichts verraten außer, dass es sehr wohl einer ist. Aber einer, der die Genremerkmale gekonnt aufhebt und der den Leser mitzunehmen versteht in eine beklemmende und glückliche Welt zugleich. Spannung, die man zurecht dem Krimi attestiert, wird hier in neue Dimensionen entwickelt. Lesen! Lesen! Unbedingt lesen!


Jan Costin Wagner: Sakari lernt, durch Wände zu gehen. ein Kimmo-Joentaa-Roman. – Berlin: Verlag Galiani 2017 (20.- €)

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