John Williams: Butcher’s Crossing

Der Ort, an dem sich die Wege der Schlächter kreuzen, das ist Butcher’s Crossing, eine Kleinstadt in Kansas, am Rande des Nirgendwo, das man den “Wilden Westen” nannte. Hier treffen sich die Büffeljäger, um die erbeuteten Bisonfelle auf den Markt zu bringen. Hier erholen sich rastlose Männer von den Strapazen ihrer Beutezüge und geben eine Menge des schnell verdienten Geldes ebenso schnell wieder aus. Butcher’s Crossing, dieser Ort, noch eine Ansammlung von Gebäuden unterschiedlicher Ausbaustufen und bestehend eigentlich nur aus einem einzigen Straßenzug,  wird zum Umschlagplatz von Angebot und Nachfrage und hofft in Erwartung des angekündigten Eisenbahnanschlusses auf weitere Prosperität.

Dorthin verschlägt es den Harvard-Absolventen Will Andrews, allerdings nicht um Geschäfte zu machen. Er hat die sichere bürgerliche Existenz eines Aufstrebenden hinter sich gelassen und ist aufgebrochen in Richtung Wildnis. Er sucht die authentische Beziehung zur Natur und hofft, sie in der Begegnung mit dem unzivilisierten Westen finden können. Beeinflusst ist er von der Naturphilosophie  Ralph Waldo Emersons. Einen Auszug aus der Essay-Sammlung “Nature” hat der Autor dem Roman vorangestellt. Im Wald sei

ein Gottesfurcht, die unsere Religion beschämt, und Realität, die unsere Helden in Mißcredit setzt. Hier finden wir, dass die Natur der Umstand ist, der jeden anderen Umstand klein für uns macht, und daß sie einem Gotte gleich alle Menschen richtet, die zu ihr kommen.

Wie das dann konkret aussieht, werden wir später sehen. Aus einer solchen Naturerwartung heraus schlägt der junge Mann jedenfalls das Angebot aus, bei einem Zwischenhändler für Felle und Leder in der Stadt beruflich einzusteigen und dort zu arbeiten. Er schließt sich statt dessen einem undurchsichtig wirkenden Mann namens Miller an. Der überredet ihn zu einer Jagdexpedition in die Gebirgszüge der Rocky Mountains in Colorado, wo er, Miller, vor Jahren in einem abgeschiedenen Tal eine riesige Büffelherde entdeckt hatte. Was Will Andrews die Hoffnung auf Naturerleben, ist Miller Aussicht auf ein zwar risikoreiches, aber bei Erfolg höchst Gewinn bringendes Geschäft. Lukrativ erscheint es deshalb, weil einerseits die Nachfrage nach Büffelleder ungebrochen zu sein scheint, mittlerweile aber die großen Bisonherden durch die seit Jahren vollkommen unkontrollierte Jagd auf die Tiere in ihren Beständen so dezimiert sind, das diese Nachfrage nicht mehr gedeckt werden kann. Wohin das geschichtlich verbürgte Gemetzel an den Bisons führte, ist sattsam bekannt. Das Tier war am dem Ende des 19. Jahrhunderts nahezu ausgerottet und gehört bis heute zu den bedrohten Tierarten.

Mit dem Aufbruch von insgesamt vier Männern nach Colorado auf der Suche nach dem versteckten Tal mit der Büffelherde endet der erste Romanteil. Selbst die aufflammende Liebe zu Francine, einer jungen Prostituierten, kann Andrews nicht abhalten. Im Gegenteil, sein Aufbruch erscheint so zusätzlich zu den erwähnten Erwartungen und Hoffnungen an diese Expedition als Flucht vor den Verlockungen des Erotischen. Der zweite des insgesamt in drei Teilen aufgebauten  Romans umfasst rund rund 2/3 der 365 Seiten. In diesem Teil entfaltet John Williams die gesamte Kunst seines Erzählens. Wie in Stoner, Williams’ grandioser Roman über den Lebensweg eines Hochschulprofessors, der vor zwei Jahren seine Wiederentdeckung erfuhr, zeigt sich Butcher’s Crossing, erstmals erschienen 1960, unbeeindruckt von den Einflüssen modernen Erzählens. Der Roman ist linear erzählt und der Erzähler ist sich seiner Möglichkeiten und Befugnisse, über die er souverän verfügt, immer bewusst. Wie Williams erzählt, mit welch feiner Psychologie er die Figuren zeichnet, wie er Fäden knüpft zwischen äußeren Handlungen, Gedanken und inneren Beweggründen, sie dadurch nicht entlarvt oder wertend bloßstellt, sondern in einer, den Leser immer wieder irritierenden, auch verunsichernden und manchmal auch bedrohlich wirkenden Unbestimmtheit belässt, das ist große Erzählkunst.

Nach einer, die vier Männer ist höchste Gefahr bringenden Expedition entdecken sie schließlich das Tal mit der Bisonherde. Was sich dann dort ereignet, ist fern von jeder naturhaften Gottesfurcht, die Emerson postulierte. Als Jäger betätigt sich eigentlich nur Miller allein, während die drei anderen die “Verarbeitung” der hingeschlachteten Tiere übernehmen. Aber diesem einen gelingt es in nur wenigen Wochen, eine aus mehreren tausend Tieren bestehende Herde nahezu auszulöschen.  Die Männer geraten in einen regelrechten Schlacht- und Blutrausch. Die erzählerisch erzeugten Bilder von unzähligen Tierkadavern, die nur ihres Fells wegen weggemetzelt wurden, graben sich tief in die Vorstellung des Lesers von abgründiger Barbarei. Miller treibt die Männer immer weiter zu einer Jagd an, die längst weit über den Bedarf hinausgeht. Es geht, dieser Eindruck drängt sich immer mehr auf, um das schiere Töten, das Vernichten der Herde, um den Blutrausch Die Anzahl der Felle übersteigt deutlich die Möglichkeiten, sie wegtransportieren zu können; die Jagd dauert viel länger als geplant. So werden die Männer schließlich überrascht vom plötzlich einbrechenden Winter und in diesem Tal von den Schneemassen eingeschlossen. Die Büffeljagd ist zum eigenen Überlebenskampf geworden und reduziert die Männer auf eine identitätslose Existenz.

Es gelang ihm nicht, sich ein Bild von sich selbst zu machen. Als wäre er ein Fremder, sah er sich wieder, wie er wenige Monate vor Butcher’s Crossing gewesen war, als er vom Flussufer westwärts in das Land geschaut hatte, in dem er nun lebte. Was hatte er damals gedacht? Was hatte er gefühlt? Wenn er jetzt daran zurückdachte, sah er sich als einen unbestimmten Jemand, der nichts tat, der keine Identität besaß.

Als mit dem einbrechenden Frühjahr der Pass aus dem Tal heraus wieder frei wird, brechen die Männer auf. Obwohl die Ochsengespanne schon viel zu überladen sind, bleiben viele Felle zurück, die man zu einem späteren Zeitpunkt holen will. Ihnen gelingt der gefährliche Abstieg aus dem Hochtal, um schließlich an der letzten verbleibenden Hürde vor dem Erreichen der Prairie zu scheitern. Beim Durchqueren eines Flusses kommt es zum Unglück. Man verliert das  Ochsengespann samt kompletter Ladung; einer der Männer stirbt.

Andrews, Miller und dessen Begleiter erreichen Butcher’s Crossing schließlich mit leeren Händen. Dort ist alles anders als beim Aufbruch im August des Vorjahres. Der Markt mit den Fellen ist vollkommen zusammengebrochen, die Eisenbahntrasse ist 50 Kilometer nördlich gebaut worden; die Stadt befindet sich im rapiden Verfall. Die Männer sind nicht nur mit nichts in den Händen zurück gekommen; ihre zurückgelassenen Felle sind vollkommen wertlos, sie im Rahmen einer erneuten Expedition herzuholen zwecklos. Miller und sein Begleiter verlieren darüber den Verstand. Will Andrews, so erscheint es dem Leser, bleibt die Hoffnung der Liebe zu Francine, die immer noch in der Stadt ist.  Für kurze Zeit finden sie zusammen, aber es zeigt sich sehr schnell, dass Andrews die bürgerlichen Formen des Zusammenlebens nicht mehr erträgt. Er bricht eines morgens heimlich auf und begibt sich auf den Weg zurück, wo er hergekommen war.

Ein Western? Ich gestehe, ich mag das Genre des Western nicht sonderlich, weder als Film, noch als Erzähltext. Letztere, so gestehe ich, kenne ich auch kaum. Aber die Frage hat sich beim Lesen nie gestellt. Gelesen habe ich das Buch viel mehr als Roman über Identität. Das ist, so scheint mir auch das Thema von Stoner, dort aber angesiedelt im bürgerlich-akademischen Milieu. Hier in Butcher’s Crossing fragt Williams nach dem Wechselverhältnis von Identität, Zivilisation und Natur. Der Mensch in seiner zivilen Gestalt kommt dabei nicht gut weg. Er zeigt sich unfähig, die Erwartungen, die Emerson als erlösende Naturhoffnung formulierte, einlösen zu können. Was hängen bleibt als Bild, durchaus als Menetekel, ist das des Menschen als selbstverlorenen “butcher”.


John Williams: Butcher’s Crossing. Roman. Aus dem Amerikanischen von Bernhard Robben. – München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2015 (21,90 €)

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