Katrine Engberg: Krokodilwächter

Engberg, Krokodilwächter

Es muss sein, immer noch und immer wieder. Wenn auch in unregelmäßigen Abständen, doch zuverlässig kommt sie hoch, die Lust, einen Kriminalroman zu lesen. Die Erwartung, die dabei entsteht, ist in sich widersprüchlich. Man erhofft sich leichtere Lesekost, das wenn möglich aber bitte als Haute Cuisine. Man möchte sich in der Spannung verlieren können, aber bitte doch nicht so, dass sie einem den Schlaf raubt. Man erwartet genremäßig Bekanntes, natürlich den Mord, den schrägen, den brutalen, dann einen Ermittler, vielleicht auch ein Ermittlerteam, auch das am besten irgendwie schräge Typen, und natürlich die Auflösung des Kriminalfalls am Ende. Und man hofft zugleich, dass das Erwartete nicht eintritt, dass der Krimi doch etwas anders aufweist als die Letztgelesenen, mehr ist als nur das Endprodukt geschüttelter Versatzstücke. Schwierig, solchen Erwartungen gerecht zu werden. Wenn ein Kriminalroman sie nicht immer erfüllt, dann liegt das nicht zwangsläufig an dessen Qualität, sondern vielleicht auch an der Widersprüchlichkeit der Erwartungen. So viel sei vorweg gesagt.

Wie kommt man aber dann auf den Krokodilwächter? Zufall, mag man sagen. Aber wenn man einen solchen Zufall, und sei es nur als Gedankenspiel, annimmt als das Zusammenfinden nicht verstandener Gesetzmäßigkeiten, dann entsteht so etwas wie ein Muster aus persönlichen Vorlieben und geschickten Marketingstrategien, die in einem bestimmten Moment aufeinandertreffen. Da ist die Vorliebe für Krimireihen und damit einhergehend dann auch der Wunsch, sie von Beginn an zu verfolgen. Hinweise wie „Debüt“ oder „Beginn einer Reihe“ fallen da auf fruchtbaren Aufmerksamkeitsboden. Da ist die Vorliebe für die sogenannten Skandinavienkrimis – und Kopenhagen fehlte noch in der Leseerfahrung als Ort für Mord und Totschlag. Der Buchumschlag tut optisch schließlich sein Übriges, um das Buch zu kaufen. Er tut es erst recht, wenn man es in der Hand hält. Es ist mit seinem roten Leineneinband und den pointiert gesetzten Schnitten im Schutzumschlag ein haptisches Erlebnis. Er steht, wie sich herausstellen wird, in innerem Bezug zur Romanhandlung, der hier aber nicht verraten werden soll.

Beim Lesen aber entstand zur eigenen Überraschung zunächst Verdruss. Ja, es gab den grausamen Mord an einer jungen Frau, dem bald ein weiterer, ebenso brutaler wie skurriler Mord folgt. Ja, es trat mit Jeppe Kørner und Anette Werner ein interessantes Ermittlerduo auf, das in seiner Unterschiedlichkeit Leseanreize setzen kann. Der Eine, Jeppe, ein gescheiterter Schauspieler, gescheiterter Ehemann, der die Trennung von seiner Frau nicht verkraftet; die Andere so bodenhaftig, beziehungsglücklich und insgesamt normal, dass sie als Figur schon wieder aus dem Rahmen fällt. Ja, man erkennt durchaus so etwas wie literarische  Selbstreflexivität, weil ein Romanentwurf zur Schablone wird für die Ausführung der Morde. Aber neu ist das alles nicht. Alles, so hat es den Anschein, schon irgendwo irgendwie vorgekommen, selbst die allzu künstlich wirkenden emotionalen Aufwallungen von Vaterliebe, nachdem der vom Tod der Tochter erfahren hat. Das also, was man nicht wollte: geschüttelte Versatzstücke.

Verdruss also nach 80 bis 100 Seiten, und zumindest kurz der Gedanke, den Roman beiseite zu legen. Doch man liest weiter, gerät in seinen Sog, der einen die insgesamt 500 Seiten nicht bloß durchstehen lässt, sondern wachsende Lesefreude erzeugt und schließlich bewahrt. Woran liegt es?

Zwei Dinge sind es vor allem, die der Roman bietet, um den Verdruss hinter sich zu lassen, ihn nahezu in sein Gegenteil verkehren. Da sind zum einen tatsächlich die Stadtschilderungen. Die Romanhandlung bringt dem Leser Kopenhagen auf ausgesprochen plastische Weise näher. Er liest sich manchmal wie ein Reiseführer durch Dänemarks Hauptstadt, ohne dass gleichzeitig die Krimihandlung dadurch Einbußen erfährt. Wenn sich das in dieser Weise fortsetzt, dann hat Katrine Engberg ohne Zweifel das Zeug, das für Kopenhagen zu werden, was Martin Walker für den Perigord ist.

Schließlich ist da aber auch der erzählerische Umgang mit dem Kriminalfall selbst. Denn die Aufarbeitung und schließlich Lösung des Falls ist nicht die Leistung des ungleichen Duos, sondern die eines gesamten Teams. Unaufdringlich wie eindrucksvoll gelingt es Engberg zu zeigen, wie sich durch akribische Arbeit vieler die Puzzlesteinchen mühevoll und dennoch Stück für Stück zusammensetzen und schließlich die Zusammenhänge erkennen lassen. Die weisen viel weniger auf „die Macht des Schreibens und der Phantasie“, wie die Verlagsankündigung vollmundig beschwört, als vielmehr auf familiäre und soziale Abgründe, die das Grausame und Schreckliche zeitigten. Erzählt wird das in einer um größtmögliche Genauigkeit bemühten Sprache, die zugleich immer eingängig bleibt. Erst zum Ende hin wird es (etwas allzu) reißerisch. Da fällt der Roman literarisch auch wieder etwas ab, aber bei weitem nicht bis zur Verdrussgrenze. So bleibt man schließlich zurück, fühlt sich gut unterhalten und kurzweilig aufgeklärt vom Schrecklichen, das geschah, und erwartet, was zwischenzeitlich einmal verzichtbar erschien: den zweiten Roman der Reihe.


Katrine Engberg: Krokodilwächter. Ein Kopenhagen-Thriller. Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg. – Zürich: Diogenes Verlag 2018 (22.- €)

Nachlese

Eine sehr schöne Besprechung des Kriminalromans liest man auch auf Zeichen & Zeiten.

Beitragsbild (Hintergrund): Pixabay

2 Kommentare

  1. eine sehr schöne, weil auch facettenreiche Besprechung mit vielen unterschiedlichen Gedanken. Ich habe mich bei der Lektüre immer gefragt, ob denn noch ein großer Knall kommt oder die Ermittlung irgendwelche Bögen schlägt. Aber vielleicht liegt die Essenz des Buches auch in seiner leichten Düsternis, die ja in der Familiengeschichte verborgen ist. Vielleicht ist weniger auch oftmals mehr. Viele Grüße und Danke für die Erwähnung

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