Martin Walser: Mädchenleben

Werkzusammenhänge und mehr noch Werkentstehungszusammenhänge öffnen häufig den Blick für Fragen, die sich ansonsten so ohne weiteres nicht einstellen. Sie bieten der Leserin oder dem Leser Anregungen zum erweiterten Verständnis des Textes, die im gelingenden Fall mehr sind als bloße Übungen für germanistische oder literaturwissenschaftliche Analyseexerzitien und die nicht alleine interessant sind für eine Lesegemeinde, die sich auf alles stürzt, was ein Autor oder eine Autorin verfasst.

Potenziell gäbe es diese erweiterten Lesemöglichkeiten auch in Martin Walsers jüngstem Buch Mädchenleben. Denn wer es nicht weiß, erfährt es im Klappentext, dass sich Stoffentwürfe dazu schon in Walsers Tagebuch aus dem Jahr 1961 finden. Im Sommer vor knapp sechzig Jahren schrieb er Grundzüge einer Geschichte um ein Mädchen auf, das heilig gesprochen werden sollte. Schon damals hieß diese Figur Sirte Zürn. Weite Teile der früheren Notate sind wörtlich in die jetzt veröffentlichte „Legende“ eingeflossen. Der Walserkenner trifft außerdem wieder auf Figuren aus dem Clan der Zürns, die wir aus „Das Schwanenhaus“ (1980), „Jagd“ (1988), „Augenblick der Liebe“ (2004) und vielleicht auch noch aus weiteren Texten des Autors kennen, die gerade nicht präsent sein wollen. Offensichtlich stehen die Zürns im aktuellen Buch in irgendeinem Verhältnis zu dem Immobilienmakler, später Privatgelehrten Gottfried Zürn. Die Vaterfigur aus Mädchenleben ist aber nicht mit ihm identisch. Er hat zwar, wie erwähnt wird, auch einmal mit dem Immobiliengeschäft geliebäugelt, aber ernst- und dauerhaft nicht betrieben. Er heißt auch anders, Ludwig, und erscheint eher wie die katholisch proletarisierte Variante des Gottfried.

Darüber hinaus gibt es einen dritten, eher thematisch angelegten Zusammenhang, der in Walsers Werk immer eine Rolle spielte, aber erst in den letzten beiden Schaffensjahrzehnten stärker wahrgenommen wurde, nämlich die Frage nach der Existenz Gottes, nach Glaube und Religion. Hier sieht man Anknüpfungen an seinen letzten großen Roman „Muttersohn“ (2011) und vor allem an seinen Essay „Über Rechtfertigung, eine Versuchung“ (2012). Sätze und Gedankengänge aus beiden Texten fließen wörtlich in Mädchenleben ein und werden hier der Hauptfigur in den Mund gelegt. Aus diesem Umstand hätten sich interessante Hinsichten ergeben können, wäre da nicht …

Aber kommen wir zunächst zur Handlung. Vor uns liegt ein Text, den der Untermieter der Zürns, der Lehrer Anton Schweiger verfasst hat. Er liest sich weniger als Legende, so ja auch der Untertitel, vielmehr als eine Rechtfertigung – eine Rechtfertigung der Heiligsprechung Sirte Zürns. Auf Wunsch des Vaters sammelt und dokumentiert er alles, was von dem Mädchen überliefert ist, Verhaltensweisen, Aussagen und – im Laufe de Textes immer mehr – schriftliche Notate des Kindes. Unzweifelhaft zeigt Sirte auffallende Verhaltensweisen, verschwindet für mehrere Tage, schwimmt beim Sturm im Bodensee, liest altersunspezifische Literatur und legt Handlungsweisen an den Tag, die man als religiöse Praktiken ansehen kann. Ob das aber nun Ausdruck einer tiefen Religiosität ist, Folge eines falsch behandeltes Schneidezahns oder einer Charakterstörung, die man den schizophrenen Psychosen zuordnen darf, wie ein Arzt diagnostiziert, bleibt im Dunkeln.

Im Dunkeln bleibt letztlich auch, welche Rolle eigentlich der Erzähler Anton Schweiger selbst spielt. Warum er als Lehrer über den gesamten Handlungszeitraum, der sich über sieben, acht Jahre erstreckt, bei den Zürns als Untermieter wohnt, wird nicht erwähnt. Ganz auszuschließen ist es nicht, dass ihn seine, zumindest zeitweise auch erotisch konnotierte Anziehung an das Mädchen bei den Zürns hält. Wahrscheinlich, auf jeden Fall nachhaltiger ist aber eine Art religiöse Faszination, die von ihr ausgeht. Letztlich aber ist sein Familienname, Schweiger, schon fast Programm. Er ist mehr aufschreibende Leerstelle als wirkliche Figur.

Seine Bewunderung und das Eingenommensein von diesem Mädchen vermittelt sich genuin durch Sprachliches. Schweiger sammelt alles, was Sirte auf ihrer Suche nach religiöser Erfahrung sagt und aufschreibt. Authentische Notate nehmen im Laufe des Erzähltextes daher auch immer größeren Raum ein, werden zur Aphorismensammlung von Sirtes Welt- und Selbsterfahrung, die „Gott in allem, was es gibt,“ zu spüren glaubt. Die Erzählhandlung, ohnehin von Beginn an nur rudimentär skizziert, wird darüber immer unwichtiger und schwindet nahezu völlig. Der Porträtist dieses Mädchenlebens kann zwar noch von einem „Wunder“ berichten, das die Heiligsprechung erst ermöglichen kann. Sirte macht sich zum freiwilligen Opfer eines alkoholkranken Ehemanns und lenkt dessen Gewaltekzesse von Ehefrau ab, um schließlich ganz damit aufzuhören. Aber es gelingt bei allem Bemühen nicht, dieser Plotentwicklung etwas anderes zu entnehmen als das, was nun wirklich an den Haaren herbeigezogen scheint.

Walsers Text scheitert, um es es unmissverständlich zu sagen. Man stelle sich vor, was er in seinem Werkzusammenhang der sechziger Jahren aus dieser Ansammlung von Figuren, die durch die sozialen Verhältnisse geschunden erscheinen, hätte machen können. Man stelle sich ebenso vor, er habe den Stoff bearbeitet in der philosophisch-theologischen Spannung zwischen Zarathustras „Gott ist tot“ und Karl Barths Glaube als Vorstellung eines radikal abwesenden Gottes. Man könnte sich, mag sein allzu schwärmerisch, große Literatur vorstellen. Hier aber helfen auch die vom Verlag angepriesenen „herrlichen Walser-Sätze“, die es in der Tat einige gibt, nichts, um der „Legende“ literarische Stimmigkeit einzuhauchen. Man kann sich am Ende des Eindrucks nicht erwehren, Sirte Zürns Geschichte wäre im Tagebuch gut aufgehoben gewesen.


Martin Walser: Mädchenleben oder Die Heiligsprechung. Legende. – Hamburg: Rowohlt Verlag 2019.

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