Michel Houellebecq: Serotonin – kurz gefasst

Ist nicht zumindest für’s Erste alles über diesen Roman gesagt? Kann man sich überhaupt noch eine andere Postion erlesen als die der Meisterwerkbeschwörung, der Radikalablehnung oder der Langeweilebekundung? Jedenfalls kann man sich kurz fassen.

Der Roman erzählt im konkreten wie im übertragenen Sinne einen Road-Trip. Der Ich Erzähler, Florent-Claude Labrouste, bewegt sich in einem Mercedes-Geländewagen G 350 durch den Norden Frankreichs und durch die Niederungen seiner Depression. Letztere versucht er durch die immer höher dosierte Einnahme eines neuen Antidepressivums namens Captorix abzudämpfen, das aber um den Preis gravierender Nebenwirkungen, insbesondere des vollständigen Libidoverlusts. Labrouste, bis dahin erfolgreicher und hoch dotierter Mitarbeiter des Landwirtschaftsministeriums, bricht alle Zelte ab und begibt sich auf eine Reise in sein vergangenes Leben und seine gescheiterten Liebesbeziehungen – eine Reise, die am Ende, für die Leserin und den Leser alles andere als überraschend, kläglich scheitert.

Man wird dabei konfrontiert mit den bekannten Houellebecq-Provokationen, diesseits und jenseits pornographischer Grenzen, fast immer jenseits politisch und gesellschaftlich liberaler Konsensbeflissenheiten. Mag der Tonfall des in die Krise geratenen Endvierzigers auch etwas weinerlicher sein als in vorherigen Romanen, so langweilt die stete Wiederholung solcher Provokationen mittlerweile dennoch. Denn weder die geschilderten Sodomievorlieben der letzten Geliebten, noch das erzählerische Spiel mit einem geplanten Kindsmord, erst recht die endlos wiederholten Oralsex-Fantasien des Ich-Erzählers können verhindern, dass die versuchten Tabubrüche als solche nicht funktionieren. Fast schon neigt man dazu, einfach darüber hinwegzulesen.

Gelungen erscheint allein die Episode um den öffentlichen Suizid eines normannischen Milchbauern. Dabei ist es weniger die häufig erwähnte und meistens ob ihres scheinbar visionären Potenzials bewunderte Vorwegnahme der Gilets jaunes-Bewegung, die hier beeindruckt, erst recht nicht die an diesen Erzählstrang angedockte radikale EU-Kritik. Das ist ja alles hinlänglich bekannt. Nein, es ist die erzählerische Darstellung, mit der Houellebecq seinen Protagonisten den Protest der Milchbauern wahrnehmen, perspektivisch beschreiben und im Selbsttötungsfanal enden lässt. Die dabei entstehende Spannung zwischen Distanzierung und Nähe schafft eine Betroffenheit, die zu erzeugen nur große Literatur in der Lage ist. Insgesamt aber ist es trotzdem ein bisschen wenig für viel neuerlichen Houellebecq-Hype.


Michel Houellebecq: Serotonin. Roman. Aus dem Französischen von Stephan Kleiner. – Köln: Dumont Buchverlag 2019.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.