Regina Dieterle: Theodor Fontane – kurz gefasst

Denis Scheck nutzte gleich zweimal die Gelegenheit, um für diese groß angelegte Fontane-Biografie die Trommel zu rühren. In Lesenswert lud er die Verfasserin zum Gespräch, in Druckfrisch stellte er selbst die Biografie begeistert vor. So viel Wirkung in die Breite für Fontane zu ermöglichen, mag freuen, allein die Biografie Regina Dieterles wird so viel Euphorie nicht gerecht.

Dabei beeindruckt sie in mancherlei Aspekten. Über fast 700 eng bedruckte Seiten und einem noch einmal 140 Seiten umfassenden Anmerkungs- und Ergänzungsapparat verfolgt Dieterle die Lebenszusammenhänge des großen Schriftstellers. Am Ende resümiert sie ihr eigenes Projekt:

Doch glaube ich Antworten gefunden zu haben auf die Frage: Was trieb Fontane an, wie ging er als Schriftsteller vor und warum dauerte es so lange, bis er zum Romaneschreiben kam?

Dieser Selbstwahrnehmung kann man nach den bis dahin bewältigten 693 Seiten nicht uneingeschränkt zustimmen. Der Biografin gelingt es durchweg und über alle Lebensphasen hinweg immer, die ökonomischen Abhängigkeiten und, vor allem später, die wachsenden finanziellen Spielräume des freien Schriftstellers deutlich zu machen und zu zeigen, dass das Auskommen für Fontane eine nicht diskutierbare Größe seiner Entscheidungen war. Ansonsten aber bleibt die Person in weiten Teilen konturenlos.

Das hat, wie mir scheint, mehrere Gründe. Es hat etwas zu tun mit der Gewichtung der Lebensphasen Fontanes. Den geringsten Raum nimmt dabei die letzte, für das Verständnis der Schriftstellerexistenz aber besonders wichtige Lebensphase ein, die mit der Entscheidung beginnt, als freier Schriftsteller zu arbeiten. Andere, frühere Etappen werden dagegen in einer Akribie und Detailfreude entfaltet, die nicht einleuchtet, die Regina Dieterle passagenweise auch zu Vermutungen und Annahmen verleiten, die an Boulevardjournalismus erinnern.

Gleichzeitig aber gewinnt man durchgängig den Eindruck, sie wolle tatsächlich erzählen, was im Leben Fontanes gewesen sei. So kommt die Biografie dann auch bei allem Respekt vor der Materialbewältigung etwas altbacken daher. Man vermisst fundierte Wertungen, die Perspektiven auf den Autor und vielleicht auch auf sein Werk eröffnen, ohne einfach Dinge additiv abzuarbeiten. Dass die Darstellung quasi mit dem Tod Fontanes endet, es keinerlei zusammenfassende Einordnung des Autors und seines Werks im historischen und darüber hinaus gehenden Kontext gibt, ist geradezu sträflich.

Und letztlich liegt es auch an einigen Ungenauigkeiten im Sprachlichen, wofür das oben angeführte Zitat durchaus typisch ist. Denn es ist nicht eine (1) Frage, der Regina Dieterle nachgegangen ist, sondern es sind, folgt man ihren Annahmen, gleich drei. Die nicht trennscharf zu halten, sondern in einem erzählerischen Perspektivenbrei zu mengen, ist vielleicht das größte Dilemma dieser voluminösen Arbeit. Regina Dieterles Fontane-Biografie hat jedenfalls die Vorfreude auf die Arbeit von Iwan-Michele d’Aprile nicht geschmälert.


Regina Dieterle: Theodor Fontane. Biografie. – München: Carl Hanser Verlag 2018.

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