Stephan Enter: Im Griff

 

Zwanzig Jahre ist es her. Eine Gruppe von vier Studenten, drei Männer und eine Frau, reisen auf die Lofoten, um dort einen Kletterurlaub zu machen. Weit nördlich des Polarkreises, auf der Insel Moskenesøy, unternehmen sie mehrere Bergtouren, die die vier immer mehr zueinander führt, obwohl sie bei Lichte besehen wenig miteinander gemein haben außer dle Leidenschaft fürs Klettern. Zu unterschiedlich sind die Charaktere und Mentalitäten, die da in eine enge, beim Klettern zwangsläufig in Abhängigkeiten hinein reichende Beziehung zueinander treten, eine Beziehung, die sie dauerhaft aneinander binden wird. Die Frau, Lotte, droht bei einem Klettergang in einen Felsspalt zu stürzen und wird von Paul gerettet. Die beiden anderen Männer, Vincent und Martin, bekommen von diesem Unfall nichts mit. Lotte zieht sich dabei zwar eine kleinere Verletzung an der Schulter zu, aufgrund deren sie den Vorfall nicht ganz verschweigen kann. Aus der lebensgefährlichen Dramatik der Situation wird jedoch ein Geheimnis gemacht, und als Leser fragt man sich lange Zeit nach dem Warum. Geklärt werden die Zusammenhänge auch am Ende des Romans nicht, aber man erhält ein deutliches Verstehensangebot, weil sich die Figurenkonstellation im Laufe des Romans erschließt.

Er beginnt zwanzig Jahre später. Martin und Lotte, die ein Paar geworden sind und mittlerweile in Wales leben, haben die beiden anderen zu sich nach Hause eingeladen, um sich an diesen Lofoten-Urlaub gemeinsam zu erinnern. In der langen Zwischenzeit hatte man weiterhin losen Kontakt zueinander gehabt, sich aber nicht mehr wiedergesehen. Aufgebaut ist der Roman in vier Teile. In jedem der Teile steht eine der männlichen Figuren und dessen Perspektive auf die Freundschaft der Vieren im Mittelpunkt. Der vierte Teil ist dabei nur gut zwei Seiten lang und nimmt die Perspektive Pauls wieder auf, der als erster und zugleich am längsten zu Wort gekommen war. Keine Stimme erhält Lotte; sie bleibt die Leerstelle des Romans, auf die aber, wie sich im Laufe der Erzählhandlung zeigt, alle Rückblenden, alle Introspektionen, alle Beobachtungen der jeweils einzelnen Figuren, alle Handlungsperspektiven – kurz: letztlich die gesamte Erzählkonstruktion ausgerichtet ist. „Lotte“ ist wohl deshalb auch das letzte Wort des Romans.

Chronologisch folgt der über einen personalen Erzähler vermittelte Erzählverlauf der Bahnreise Pauls und Vincents. Sie startet in Bruxelles Midi und geht mit dem Eurostar über London nach Swansea. Der äußerliche Nachvollzug der Fahrt hat zur Folge, dass der Roman handlungsarm ist. Das ändert sich auch nicht, als im zweiten Teil die Handlung aus der Sicht Martins erzählt wird, der sich mit seiner Tochter aufgemacht hat, die Freunde am Bahnhof von Swansea abzuholen. Der Roman endet, bevor die drei Männer und das Mädchen das Haus Martins und Lottes erreichen. Ob überhaupt alle dort ankommen werden, bleibt offen.

Wovon handelt der Roman? Folgt man dem Klappentext, so handelt er „von Freundschaft, von Liebe, von Zusammenhalt und Vergänglichkeit. Von der Frage, ob man das Leben führt, das man sich vorgestellt hat. Ob die Entscheidungen, die man getroffen hat, auch wirklich die eigenen waren.“ Man muss es der Intention eines solchen Textes zuschreiben und man darf auch billigen, dass er zu solch euphorischen Zuschreibungen anhebt. Das zu tun, ist geradezu seine Pflicht. Aber man muss diesen Eindrücken nicht folgen. Es geht, so mein Leseeindruck, um das Verhältnis von drei Männern zu einer Frau, ein Verhältnis, das auf merkwürdige Weise sicherlich auch mit Liebe zu tun hat. Denn der, der die Frau liebt, wird nicht mit ihr zusammenkommen; der, der sie nicht liebt, rettet ihr das Leben und bleibt über das schon angesprochene Geheimnis mit ihr verbunden; und der dritte kommt mit ihr zusammen, weil sich – so lapidar kann man es wohl zusammenfassen – die Gelegenheit dazu ergibt. Was hinter der vermeintlichen Freundschaft viel mehr aufscheint, sind Rivalitäten von Männern. Mag sein, dass die Ereignisse auf den Lofoten das Leben aller beeinflusst und geprägt hat. Sicher stellen sich die männlichen Figuren auch offen oder unterschwellig die Frage, ob man das Leben führe, das man führen wolle. Aber die Gesamtlebensumstände der Protagonisten bleiben viel zu vage und zu skizzenhaft, um als Leser auch nur den Ansatz für eine mögliche Antwort zu finden. Was die Figuren betreiben, ist weniger Lebensbilanz als Nabelschau. Und die langweilt mit der Zeit. Die am Ende offen zu Tage tretenden Konflikte erzeugen für einen finalen Moment noch einmal so etwas wie Spannung, aber sie können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Roman deutliche Längen hat. Dem kommen auch die sprachliche Genauigkeit, die sorgfältig komponierten Bilder, die wunderbaren und oftmals metaphorisch aufgeladenen Landschaftsschilderungen und -beobachungen nicht bei.

Gleichwohl: „Im Griff“ wurde wohl in den Niederlanden nach dem Erscheinen 2011 ein hoch gelobter Bestseller, der Stephan Enter zum großen Duchbruch als Schriftsteller verhalf. Dass der Autor schreiben kann, steht ganz außer Frage, aber die offensichtliche Begeisterung und breite Anerkennung erschließt sich mir nicht. Dafür ist er – pardon! – über weite Strecken wirklich zu langweilig. Dass es im Zwischenmenschlichen schwierig werden kann, wenn man sich ein Bild macht, das haben wir anderswo vor Jahren schon gelesen.

Stephan Enters „Im Griff“ steht auf der Auswahlliste für den Euregio-Literaturpreis 2016, der von Schülern vergeben wird. Wegen seiner Handlungsarmut wird er es bei dieser Lesergruppe sicher schwer haben. Gegenüber dem Roman von Maylis de Kerangel („Die Lebenden reparieren“) und der Novelle von Jonas Lüscher („Frühling der Barbaren“) hat „Im Griff“ aber auch literarisch einen schweren Stand.


Stephan Enter: Im Griff. Roman. Aus dem Niederländischen von Christiane Kuby. – Berlin: Berlin Verlag 2013 (17,99 €)

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