Theodor Fontane: L’Adultera

Fontane, L'Adultera

Machen wir uns doch nichts vor! Die Frau, die Mann und Kinder verlässt, hat es ungleich schwerer, dass die Öffentlichkeit ihrem Verhalten Verständnis entgegenbringt, als der Mann, der sich von seiner Familie abwendet. Schnell steht ein vermeintlicher Anspruch auf Rechtfertigung im Raum. Schneller entsteht ein moralischer Vorbehalt, ein zweifelndes Muss-das-denn-sein?, wenn nicht ein empörtes Wie-kann-man-nur!. Der moralische Zeigefinger reckt sich viel eher und viel weiter in die Höhe, wenn die Frau andere Wege geht, warum auch immer. Heute nicht viel anders als damals zu der Zeit, als Fontanes Roman L’Adultera spielt. Fast 140 Jahre zwischen dem Erscheinen des Romans 1882 und unserem Hier und Jetzt, und zugleich viel weniger Abstand zwischen Lebensarten, Sichtweisen, Haltungen und Toleranzgebaren als wir uns vielleicht wünschen.

Roman und Wirklichkeit

Wie so oft bei Fontane ist die Erzählhandlung, die hier einen Aufsehen erregenden Skandal aus der Berliner Oberschicht zur Grundlage genommen hat, sorgfältig eingebettet in einen zeitgenössischen historischen Zusammenhang. Sie erstreckt sich über gut zwei Jahre und umfasst die Zeit von 1875 bis 1877. Zwei zentrale Konfliktfelder dieser Jahre spielen im Roman in unterschiedlicher Weise eine Rolle.

Da ist zum einen der nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71 weiterhin schwelende Konflikt zwischen den beiden Nachbarstaaten. Im noch jungen und sich voll im Boom der Gründerjahre befindenden Deutschen Reich wuchs Mitte des Jahrzehnts die Befürchtung, das wieder erstarkte Frankreich könne in Koalition mit anderen europäischen Großmächten versuchen, die Schmach des verlorenen Krieges und die anschließenden Demütigungen durch einen neuerlichen Krieg gegen Deutschland zu korrigieren. Diese Befürchtung führte zu durchaus ernsthaft betriebenen Überlegungen im Deutschen Reich, selbst einen erneuten Krieg gegen den vermeintlichen Erzfeind präventiv vom Zaun zu brechen. Die sogenannte „Krieg-in-Sicht-Krise“ von 1875 prägte für geraume Zeit das öffentliche Bewusstsein und hält auch Einzug ins fünfte Kapitel des Romans, dem Gespräch „bei Tisch“, wie das Kapitel benannt ist. Das Interessante an diesem Gespräch ist seine Folgenlosigkeit. Es geht über in Bismarckkritik, Kunstdiskussion und schließlich in Anzüglichkeiten; es entlarvt die letztlich referenzlose Inhaltsleere großbürgerlichen Schwadronierens.

Von konkreterer Bedeutung für L’Adultera ist eine andere, in die erzählte Zeit des Romans hineinreichende Konfliktlinie, nämlich der Kulturkampf und seine konkreten Folgen, also der Konflikt zwischen dem Deutschen Reich und der katholischen Kirche um Einfluss und Macht. Bismarck verfolgte eine klare Trennung von Staat und Kirche und setzte nach einer Reihe vorangegangener Maßnahmen gegen den Einfluss der katholischen Kirche 1875 die Einführung der Zivilehe durch. Die neu entstandene Gesetzeslage verbot nicht nur religiöse Voraustrauungen ohne staatliche Beteiligung, sondern ermöglichte beiden Ehepartnern auch die Scheidung. Diese juristische Neuerung erlaubt es schließlich der weiblichen Hauptfigur des Romans Melanie van der Straaten, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen und ihren neuen Lebenspartner zu heiraten. Und das interessanter Weise sehr schnell. Denn die zweite Heirat erfolgt schon drei Monate nach der Scheidung, und das obwohl die Gesetzeslage für Frauen ein Wiederverheiratungsverbot von 10 Monaten vorsah, von dem allerdings eine „Dispensation“, also eine Ausnahmeregelung möglich war.

Ob es sie gegeben hat, wie sie begründet worden ist, ob möglicherweise sogar Melanies erster Mann sein Einverständnis gegeben hat zu einer baldigen Wiederverheiratung, ob die bestehende Schwangerschaft die schnelle neue Bindung ermöglichte – wir wissen es nicht; der Roman schweigt sich darüber aus.

Glücklich ist, …

Worum geht es denn nun eigentlich?

In L’Adultera prallen zwei Ehekonzepte aufeinander, die scheiternde Konvenienzehe und die Liebesehe. Die schon erwähnte Melanie van der Straaten trennt sich von ihrem Mann, den Kommerzienrat und steinreichen Börsianer Ezechiel van der Straaten, weil sie sich in den deutlich jüngeren Bankierssohn Ebenezer Rubehn verliebt hat und ihn schließlich heiratet. Zu Romanbeginn finden wir eine den Zeitgenossen durchaus vertraute und den Fontanelesern aus späteren Romanen bekannte Konstellation vor. Er, Etzel, wie er von seiner Frau genannt wird, ist deutlich älter als sie, ausgesprochen vermögend und aufgrund seines Reichtums angesehenes Mitglied der Berliner Oberschicht. Ihn schmückt – boshaft mag man sagen: ebenso wie die Bilder seiner Privatgalerie – die Schönheit und gesellschaftliche Gewandtheit der jungen Frau. Sie wiederum findet bei ihm eine standesgemäße materielle Absicherung, stammt sie doch aus einem Schweizer Adelsgeschlecht, das beim frühen Tod ihres Vaters feststellen musste, dass nicht Wohlstand, sondern, wie es früh zu Beginn des Romans heißt, „Debets über Debets“ ihre finanzielle Grundlage ausmachte. Da kam die Heirat mit dem reichen van der Straaten gerade zurecht. Das Ehepaar hat zwei noch recht kleine Töchter.

Woran scheitert die Ehe? Letztlich daran, dass die beiden Ehepartner nicht zueinander passen. Das klingt banal, aber wenn diese Konstellation auf ernsthafte Charaktere trifft, dann ist es ein ausgesprochen schmerzhafter Prozess, diese ach so trivial scheinende Einsicht auszuhalten. Zumindest Melanie ist ein solcher Charakter. Wenn sie in der Auseinandersetzung mit der Kopie des Tintoretto-Bildes, das dem Roman den Namen gab, feststellt, in der dargestellten Ehebrecherin sehe man so viel „Unschuld in der Schuld“, so weiß sie, dass diese Aussage auch genau umgekehrt gilt.

Nun kennt der Fontaneleser aus bekannteren Romanen die brüchige Dünnbödigkeit von Ehekonstellationen, die orientiert an sozialen Herkunftserwägungen und Konventionen geschlossen wurden, er kennt ebenso die standesübergreifenden Liebesbeziehungen, denen vereinzelt punktuelles Glück, aber nie Dauer beschert wird. Alles, was irgendwie nach Glück ausschaut, ist nicht von Bestand. Genau hier bildet L’Adultera eine Ausnahme in Fontanes Werk. Dieser Roman endet mit einem Happy end.

Ob man ihn deshalb unbedingt lesen sollte, werden wir zu einem späteren Zeitpunkt erörtern. Zunächst sei aber noch auf eine weitere Besonderheit aufmerksam gemacht. L’Adultera ist auch der einzige Roman in dem die beiden männlichen Zentralfiguren jüdischer Herkunft sind. Als Fontane an dem Roman arbeitete, kochte der sogenannte „Berliner Antisemitismussstreit“ hoch, und wenn er hier assimilierte Juden zu Hauptfiguren macht, so ist das sicherlich eine mäßigende literarische Postion gegen den zunehmenden und vor allen Dingen öffentlichkeitstauglich werdenden Antisemitismus der Zeit. Dieser Aspekt ist, nebenher bemerkt, umso spannender, als die Person Fontane alles andere als frei war von antijüdischen, wenn nicht gar tendenziell antisemitischen Ressentiments.

Das Glück der Liebesbeziehung wird eigentlich erst abgerundet, als Ebenezer Rubehn aufgrund des Zusammenbruchs des elterlichen Bankhauses bankrott ist und der soziale Abstieg des Ehepaars, der sie dazu zwingt, Geld verdienen zu müssen, den Emanzipationsprozess abschließt, den vor allen Dingen Melanie umgesetzt hat. In dieser Handlungskonstellation steckt latent die vorurteilsbesetzte Vorstellung, Rubehn habe sich von seiner finanzjüdischen Herkunft quasi befreien müssen, um sein privates Glück zu finden. Aber vielleicht ist der Gedanke, hier blinzele der Mensch Fontane mit seiner Weltsicht nun doch ein wenig um die Ecke, allzu weit hergeholt.

Auf dem Weg zum Zeitroman

Fontane nahm für den Plot seines Romans, wie schon kurz erwähnt, eine in den 70er Jahren zumindest die High Society bewegende Ehebruchsgeschichte auf, den sogenannten Ravené-Skandal. Dass eine Frau, dabei auch noch hochschwanger, ihren Mann und ihre Kinder verlässt. hatte ein außerliterarisches Vorbild und war kein bloßes Phantasiekonstrukt des Autors, einerseits. Andererseits ist L’Adultera alles andere als ein Schlüsselroman über die Berliner Gesellschaft. Das interessiert Fontane nicht. Er fängt ein Zeitbild ein, ein Bewusstseinspanorama. Und so verwundert es auch nicht, dass L’Adultera überhaupt nicht vor dem Hintergrund der Gattungsbezeichnung Novelle in die Rezeptionsgeschichte eingegangen ist, sondern als Fontanes erster Zeitroman, dem weitere, bekanntere folgen sollten – und auch überzeugendere. In Ansätzen gelingt es ihm sicher, die Doppelmoral der Gesellschaft zu entlarven, die sich empört von Melanie van der Straaten abwendet, als sie ihre Familie verlässt, um ihrem Glück zu folgen. Ihm gelingt es in Ansätzen, Ablehnung, Ausgrenzung und Verachtung als zynische und inhumane Verhaltensmuster zu entlarven, er versteht es auch in diesem frühen Roman, unterschiedliche Perspektiven auf die Sachverhalte zu generieren. Aber ihr Facettenreichtum, ihre Tiefe und ihre in späteren Romanen zu bewundernde literarische Genauigkeit fehlt hier noch.

Letztlich muss man festhalten, dass Fontane in L’Adultera die gewählte Romankonstruktion nicht in recht in den Griff bekommt. Sie zerfällt in zwei Teile. Ein zentrales Problem ist dabei vor allem, dass ihm die im ersten Teil bis zur Trennung des Paares dominierende Figur des Ezechiel van der Straaten vollkommen wegbricht. Der hatte noch versucht, seine Frau umzustimmen, dabei aber nur gezeigt, dass er sie und ihre Sehnsucht nach Liebe  nicht einmal ansatzweise zu verstehen in der Lage ist. Er spielt aber ab dem 17. Kapitel, also im letzten Drittel des Romans keine Rolle mehr, von vereinzelten Erwähnungen abgesehen, in denen er eher wie ein Schattenmann wirkt. Handlungsprägend ist er nicht mehr. Melanies zweiter Ehemann Ebenezer Rubehn wiederum ist eine nur blass ausgestaltete Romanfigur, die die weggebrochene Konstellation zwischen Ezechiel und Melanie van der Straaten nicht ausgleichen kann. Orchestriert wird das Ganze durch ein Figurenarsenal, das zwar Fontanes Fähigkeit zur satirischen Zuspitzung nicht selten zum Vorschein kommen lässt, zugleich aber recht stereotype Gestalten schafft. Bis zu Figuren wie die eines Gieshübler ist es halt doch noch eine Strecke Wegs.

Sollte man also L’Adultera gelesen haben? Für den Fontaneliebhaber erübrigt sich die Frage, der liest wahrscheinlich alles. Für jeden anderen letztlich genauso, gibt es doch Romane des Autors, die deutlich mehr überzeugen. Doch eigentlich ist das schade. Denn, wie eingangs behauptet, so weit sind unsere Vorbehalte gegen vermeintliche Unbootmäßigkeiten und dem, was im Common Sense dafür gehalten wird, von den erzählten nun doch nicht entfernt.


Theodor Fontane: L’Adultera. Novelle. Hrsg. von Gabriele Radecke. – Berlin: Aufbau Verlag 1998 (Große Brandenburger Ausgabe. Das Erzählerische Werk, Band 4).

Die Novelle gibt es auch in zahlreichen preiswerten Taschenbuchausgaben. Empfehlenswert sind  die von Hellmuth Nürnberger herausgegebene Ausgabe bei DTV zum Preis von € 7,90 und die bei Reclam erschienene und von Frederick Betz betreute Ausgabe (4,40.-€). Beide Ausgaben weisen einen informativen Kommentar auf, der für das Verständnis der zahlreichen Anspielungen hilfreich ist.

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