Volker Kutscher: Der nasse Fisch Der Schenkerin und dem Kaffeehaussitzer zum Dank

Volker Kutscher, Der nasse Fisch

Wer ist Gereon Rath?

Bevor ich Uwe Kalkowskis Besprechung zu Volker Kutschers 6. Gereon-Rath-Krimi Lunapark (2016) gelesen hatte, hätte ich bei dieser Frage abwinken müssen. Ich hatte auch frühere Besprechungen des Kaffeehaussitzers zu dieser Krimi-Reihe und sein Interview mit dem Autor nicht wahrgenommen. Es war mir entgangen, leider. Durch den Lunapark-Beitrag aber geriet Volker Kutscher in mein Blickfeld. Schnell spürte ich die Lust, die Krimis lesen zu wollen und dabei dann auch mit dem ersten beginnen. Als der dann zu den weihnachtlichen Büchergeschenken gehörte, konnte ich loslegen.

Die Lektüre hat sich uneingeschränkt gelohnt und wird, so viel sei vorweg gesagt, fortgesetzt werden. Über einen Krimi zu schreiben, ist deshalb schwierig, weil man immer aufpassen muss, nicht zu viel zu verraten. Deshalb möchte ich auf inhaltliche Zusammenhänge auch gar nicht zu sehr eingehen. Hintergrundinformationen erhält man auf der sehr schönen und informativen Internetseite www.gereonrath.de, die inhaltlich vom Autor selbst betreut wird.

Folgt man der Figur des Gereon Rath in seinem ersten Fall Der nasse Fisch, der 2007 erschien, so könnte man leicht den Eindruck gewinnen, die Figurenkonstellation und der Handlungsverlauf folgten den üblichen Genre-Klischees. Da wird die Hauptfigur Opfer einer Medienintrige in seiner Heimatstadt Köln, wird mit Hilfe des eigenen Vaters wegprotegiert nach Berlin, um aus der Schusslinie zu geraten, arbeitet dort zunächst in einer Abteilung, in der er gar nicht arbeiten will, dem Sittendezernat, gerät zufällig in einen Mordfall und wird schließlich in die Mordkommission versetzt. Er lernt recht schnell eine Sekräterin kennen aus dieser Abteilung der „Burg“, so der ortsübliche Name des ehemaligen Polizeipräsidums am Alexanderplatz, und verliebt sich in die selbstbewusste junge Frau.

Auch erzähltechnisch stößt man schnell auf Bekanntes: auf den prologartigen Einstieg in die Handlung über die Schilderung einer Szene, in der einem Opfer grausam mitgespielt worden ist; auf eine Handlungsentwicklung, die weitgehend der Perspektive des Protagonisten folgt; auf einen thrillerartigen Showdown auf den letzten 50, 60 Seiten.

Man kann das alles Klischee nennen, ist es aber nicht. Es ist handwerklich schlicht gut gemacht. Was den Roman aber auszeichnet, was ihn ausgezeichnet macht, ist seine historische und soziokulturelle Verortung. Es ist den meisten wohl mittlerweile bekannt: die Gereon-Rath-Krimis spielen im Berlin der endzwanziger und dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts. Dieser Roman konkret im Jahr 1929, in einer Zeit, in der die „roaring twenties“ ausklingen, in der von der Weltwirtschaftskrise aber noch nichts zu spüren ist, in der die Hauptstadtmetropole geradezu dampft. Da erweist sich Berlin auf politischer Ebene als Umschlagplatz zwischen Ost und West; illegale Nachtclubs, organisierte Kriminalität, Drogen- und Waffenhandel prägen die Stadt wesentlich, wenn es dunkel wird. Tagsüber prallen die politischen Extreme aufeinander; es kommt zu Gewalttätigkeiten und Straßenschlachten. Und die braune Brut sickert so langsam ins Establishment, auch wenn sie noch weniger als Nationalsozialisten denn als „Völkische“ öffentlich wahrgenommen werden. Das Figurenarsenal dieses Krimi ist sehr groß. Es gelingt Kutscher, ein Gesellschaftspanorama zu entwerfen, in dem politische Stimmungslage, Sozialstudie und Sittengemälde souverän ineinander verschmelzen. Da leidet nicht der Kriminalroman unter dem geschichtlichen Kontext, in den er eingebettet ist; und dieser Kontext ist nicht bloße Staffage für den Krimi.

Mittendrin die Figur des Kommissars Gereon Rath, irritiert von dieser nicht selten monströs erscheinenden Stadt, zumindest im Vergleich zum rheinländischen Köln, wo doch alles mehr als eine Nummer kleiner war. Dieser Kommissar ist keine Vorbildfigur, ein ziemlich miserabler Teamplayer, rücksichtslos, durchaus fähig, ein Arschloch zu sein, politisch naiv, jemand der – zumindest noch in Der nasse Fisch – glaubt, er könne ohne politisch involviert zu werden, seine Arbeit tun, durchaus karriereorientiert und aus diesem Grund dann auch anpassungswillig. Trotz allem, unsympathisch ist er nicht.

Wie Kutscher all die Fäden zusammenhält, sich um Genauigkeit in der geschichtlichen Verankerung des Stoffes bemüht und den Leser fesselt, das ist schon beeindruckend. Darüber hinaus gibt es einen weiteren Aspekt, dem man sich als Leser kaum entziehen kann. Erschreckend ist, wie furchtbar – und das sei hier kein Füllwort, sondern auch so gemeint -, also wie furchtbar aktuell dieser Roman doch ist. Kein Wunder deshalb, dass Der stumme Tod, Gereon Raths zweiter Fall, schon parat liegt.


Volker Kutscher: Der nasse Fisch. Roman. Köln: Kiepenheuer & Witsch 472016 (KiWi.1059) (9,99 €)

4 Kommentare

  1. Eine großartige Reihe, viel mehr als „nur“ Krimi. Gesellschaftsporträts über mehrere Jahre … bei mir liegen schon Märzgefallene und Lunapark bereit. Ernst Geannat, der Buddha ist ja tatsächlich eine historisch wichtige Figur für die Polizeiarbeit der 20er/30er Jahre in Berlin – er „enwickelte“ die Spurensicherung, er ließ von Daimler-Benz das sog. „Mordauto“ anfertigen … einen Bereitschaftswagen, der mit Büro- und Kriminaltechnik ausgerüstet war, die erste Fernsehfahndung wurde durch ihn innitiert. Das alles habe ich nur durch diese großartige Krimireihe herausgefunden. Es lohnt auf jeden Fall, dabei zu bleiben. Vielen Dank für die Erinnerung!! LG, Bri

    • Peter Peters

      Danke für deine Rückmeldung. Ich freue mich auch schon auf die Fortsetzungslektüre des zweiten Bandes der Reihe und bedauere, dass es dazu aber wahrscheinlich Sommer werden wird.
      Viele Grüße
      Peter

  2. Lieber Peter, schöne Rezension! Die Reihe ist wirklich großartig und wird immer besser, vor allem im Hinblick auf die historischen Ereignisse und bezüglich der unheimlichen Atmosphäre im Berlin der 1920er und 1930. Freu dich drauf!

  3. Pingback: Volker Kutscher: Der stumme Tod - Peter liest ...

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