Axel Hacke: Wie fühlst du dich? Über unser Innenleben in Zeiten wie diesen

Man muss nur Wikipedia zu Rate ziehen, den Suchbegriff „Gefühl“ eingeben und sich auf eine ganze Reihe profunder Beiträge leiten lassen: Fühlen, Emotion, Affekt, Intuition. (Die Verweise auf Lied- und Schlagertexte unterschlagen wir mal.) Schnell wird beim Lesen dieser Artikel deutlich, und sei die Lektüre auch noch so kursorisch, dass wir eine Menge über Gefühle wissen. Eine andere Menge aber eben auch nicht. „Gefühl“ ist ein eher heuristischer Oberbegriff, der ganz unterschiedliche Regungen subsumiert: Angst, Furcht, Glück, Hass, Liebe, Einsamkeit, Überforderung – man könnte die Aufzählung leicht ergänzen. Aber möchte man nun definieren, auf dem Begriff bringen, was ‚ein Gefühl‘ ist, kommt man ins Straucheln. Erst recht, wenn man sich die sich aufdrängende Frage stellt, wie denn Gefühl und Verstand zusammenhängen, etwa dann, wenn sich unterschiedliche, gar widerstreitende Gefühle gleichzeitig regen. Über „Gefühl“ zu reflektieren, ist ausgesprochen voraussetzungsreich, weil die Begriffsgrundlage unklar ist, weil es das Gefühl überhaupt nicht gibt, ein Abstraktum. Das könnte Schwierigkeiten bereiten, will man ein Buch über „unser Innenleben“ schreiben. Und mit diesem Hilfsbegriff assoziiert jede Leserin, jeder Leser eben genau das: Gefühle, seien sie jetzt individueller oder kollektiver Natur.

Axel Hacke umgeht diese Schwierigkeit, indem er den Begriff im Heuristischen belässt und sich auf konkrete Empfindungen, wie oben erwähnt, konzentriert. Er geht ihrem Stellenwert in unserer zeitgenössischen Gesellschaft nach und arbeitet ihren Einfluss auf unser subjektives wie kollektives Empfinden heraus. Dieses Empfinden kommentiert er einerseits kritisch, macht aber andererseits auch keinen Hehl daraus, sich selbst diesem Empfinden zumindest in manchen Facetten und Ausprägungen nicht entziehen zu können.

Bei ihm verbindet das gegenwärtige Empfinden sich zunächst mit dem Gefühl der Angst, die sich seit Beginn der zwanziger Jahre und ihrer Dauerkrisen deutlich verstärkt habe. Corona-Pandemie, Krieg in Europa, erstarkender Populismus und Rechtsextremismus, digitaler Overflow, sich beschleunigender Klimawandel – es sind doch eher die negativen Regungen, die Hacke in „Gefühlsgewitter“ stürzen. Sie sind zugleich die Zündspule, die den inneren Motor anspringen lassen, das vorliegende Buch zu schreiben. Diese „Gefühlsgewitter“ haben, um sich dem zitierten meteorologischen Bildfeld anzuschließen, das er aufwirft, durchaus Unwettercharakter.

Aber Axel Hacke entwirft keine Katastrophenszenarien individueller oder kollektiver Gefühlsdispositionen, keine Unausweichlichkeit des Scheiternmüssens. Dass ihm das gelingt, hat mehrere Gründe. Zunächst einmal beschränkt er seine Überlegungen nicht auf negative Gefühle, sondern spürt auch jenen nach, wie der Freude, dem Gefühl des Verbundenseins und des konkret erlebten Lebenssinns. Dabei sind die einzelnen Kapitel des Buches keine akademischen, philosophischen, psychologischen oder soziologischen Essays. Hacke sucht (und findet) aber immer überzeugende Referenzen, um zu klären, was einem Gefühl oder einer Gefühlsdisposition eigen ist und ausmacht. Er bewegt sich souverän zwischen den Einsichten seiner Gewährsleute, die von Sigmund Freud bis Eva Illouz, von Adorno und Erich Fromm bis Hartmut Rosa und darüber hinaus reichen. Seine Erläuterungen sind immer in der Sache nachvollziehbar; sein Stil ist an keiner Stelle belehrend, aber immer erklärend. Vor allem aber ist der Referenzpunkt fast aller Ausführungen das eigene Selbst, das eigene Befinden, die persönlichen Sorgen des Axel Hacke angesichts der disruptiven Kräfte, die unsere Welt verändern. So ist er nicht obwohl, sondern weil es um Gefühle geht, so politisch wie in keinem seiner vorherigen Bücher, allerdings ohne in Resignation oder in eine Endzeitstimmung zu geraten. Zugleich aber: kein Augenverschließen, keine Schönrederei.

Wenn er in einem der letzten Kapitel über Dankbarkeit nachdenkt, dann besteht sicherlich zunächst einmal die Gefahr, dass nun doch alles einmündet in einen oberflächlichen und letztlich trivialen Appell an ein Trotz allem. In diese Falle zu tappen, ist Axel Hacke aber viel zu reflektiert. Stattdessen stellt er in diesem Kapitel seinem Lesepublikum die Frage: „Und wie fühlst du dich jetzt?“ Ich – und der Perspektivwechsel (oder Stilbruch?) scheint mir hier erlaubt – ich also hätte darauf tatsächlich antworten können: Besser als vor der Lektüre.

Warum? Noch einmal Axel Hacke:

Ich glaube tatsächlich, dass schon die Beantwortung der Frage „Wie fühlst du dich?“ im Sinne von „Wie fühlst du dich wirklich?“ ein Akt der Auflehnung sein kann.

Diesen Glauben zu teilen, lohnt. Nach der Lektüre des Buches weiß man das.

Axel Hacke: Wie fühlst du dich? Über unser Innenleben in Zeiten wie diesen. – Köln: Dumont Buchverlag 2025.

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