Dieser Roman tut weh, richtig weh. Weil er die Schmerzen, die die Hauptfiguren ertragen müssen, spürbar macht. Dabei einen enormen Lesesog erzeugt. Weil man mit leidet, ein Ende dieses Leids will und zugleich davon ausgehen muss, dass es sich nicht einstellen wird. Erst recht nicht in den acht Monaten, von Mai bis Dezember, über die sich die erzählte Zeit erstreckt.
Wie auch? Die einzige Tochter, Sofie, Siebtklässlerin, die gerade ihren wohl vierzehnten Geburtstag gefeiert hat, ist umgekommen. Bei einem Bombenanschlag eines islamistischen Selbstmordattentäters auf einem Konzert in Stuttgart. Der Vater hatte ihr zu ihrem Geburtstag die Karten zu dem Konzert ihrer Lieblingssängerin geschenkt. War mit ihr, seiner Schwester und deren Tochter hingefahren, hatte selbst aber das Konzert nicht besucht, sondern in einer nahen Gaststätte mit Blick auf die Konzerthalle gewartet. Dass die Schwester und deren Tochter bei dem Anschlag nur kleine Blessuren erlitten, Sofie aber, in der Nähe des Attentäters, als die Bombe gezündet wurde, sofort tot war – letztlich ein schrecklicher Zufall.
Wie damit umgehen? Wie aushalten die Katastrophe, die über die Eltern hineinbricht? In eine Familiensituation einschlägt, die man, wäre die Großmutter nicht schwer dement in einem Heim, schon fast idyllisch nennen könnte? Der Verlust des einzigen Kindes, everybody’s darling, und das, schaut man auf ihr Wesen und ihr Verhalten, das sie an den Tag legte, auch vollkommen zurecht.
Dabei hätte der Roman mit Blick auf die Familienkonstellation und die Ausgangslage das Potenzial zum Kitsch gehabt: die männliche Hauptfigur Markus Stenger, erfolgreicher Architekt, ökonomisch in sicheren Gefilden, seine Frau Kerstin, Berufsschullehrerin, diese liebenswürdige Tochter. Die bürgerliche Kleinfamilie hat ihr Leben im Griff. Bis … ja bis. Und dann … jeder trauert für sich allein, gemeinsam ist den Eltern nur die Hilflosigkeit.
Mit einem scheinbar unaufwändigen Erzählverfahren begleitet Jan Costin Wagner seine Figuren. Wir kennen es schon aus seinen vorherigen Büchern, insbesondere den Krimis um den pädophilen Kriminalkommissar Ben Neven. Kurze, ausgesprochen dicht komponierte Kapitel, Wechsel der Figurenperspektiven, erlebte Rede. Es sind weniger die Figuren in ihrem Verhalten, es ist vielmehr die Romankonstruktion, die die Handlung atmosphärisch trägt, die die existenzielle Traurigkeit des Ehepaars Stenger spürbar werden lässt; und deren Zusammenbrüche mitfühlbar und verstehbar macht. Beide, Markus wie auch Kerstin, tun Dinge in ihrer Trauer, die man nüchtern betrachtet als absurd bezeichnen könnte. Nur, dass man es eben nicht nüchtern betrachten kann.
Gleichzeitig traut sich Wagner etwas. Er bringt den Attentäter in Rückblenden selbst in die Handlung ein, rückt den Leser genauso an ihn heran wie an die Opfer. Die islamistischen Hintergründe bleiben dennoch diffus, trotz eindringlich erzählter Passagen. Speziell in jenen, in denen Markus Stenger die Familie des Attentäters besucht, werden sie nicht recht greifbar. Obwohl er zu verstehen versucht. Er scheitert, ebenso wie mit dem Versuch, durch seinen Schritt in die Öffentlichkeit Vereinnahmungen des Attentats und seiner Opfer durch die AfD und rechter Medien abzuwehren. Nichts wird klarer in der Zeit nach dem Attentat. Dieses Nichtherankommen an den Kern oder die Kerne des Übels ist allerdings keine Schwäche des Romans, im Gegenteil. Es macht die Hilflosigkeit und die eigene Verwundbarkeit greifbar. Die geschilderte Entwicklung wird zugleich realistischer als stereotype Erklärungsmuster. Da ist nichts, was man im Nachhinein und in der Folge dem Schrecklichen positiv abgewinnen könnte, nicht als Romanfigur und nicht als Leserin oder Leser.
Trotz aller atmosphärisch beklemmender Dichte hat der Roman eine Schwäche: die erzählerische Ausgestaltung der jugendlichen Hauptfiguren. Da ist nicht nur die gutherzige Sofie, die stark idealistisch überzeichnet wird. Nun gut, mag man dafürhalten, sie wird auf tragische Weise zum Opfer. Sie hat aber einen Freund aus der Klasse, zu dem sich in der Zeit vor dem Anschlag so etwas wie eine erste Liebe anzubahnen scheint. Gleich zu Beginn des Romans sehen wir den Freund, Tobias, bei ihr zu Hause, weil er für den Deutschunterricht ein Referat vorbereitet hat zu seiner Lieblingslektüre. Die teilt er mit Sofies Vater. Beide sammeln und lesen mit großer Begeisterung Disneys Lustige Taschenbücher. Sie hat die beiden zusammengebracht, damit Tobias gegenüber einem in der Sache Kundigen die Präsentation seines Referats üben kann. Sofies Tod, dessen hereinbrechende Nachricht in den Unterricht verhindert, dass das Referat gehalten wird, trifft Tobias natürlich tief. Er hat niemanden, mit der er seine Gefühle, seine Trauer verarbeiten kann, denn die Ehe seiner Eltern ist vollkommen zerrüttet, sein Vater abgedriftet in Verschwörungstheorien und rechtsextreme Weltanschauungen. Tobias bleibt, und zwar bis zum Ende des Romans, nur der Kontakt zu Markus Stenger.
Wie dieser Junge aber mit der Extremsituation umgeht, wie empathisch er ist, wie sehr er zu einer Stütze wird, eben auch für Sofies Vater, – das überfrachtet die Figur, macht sie zu reif für ihr Alter und ihre Lebenssituation, macht sie, so sympathisch sie ist, als Erzählelement ein Stück weit unglaubwürdig. Tobias ist schon fast so etwas wie eine Erlöserfigur, ein Hoffnungsträger – und das ist zu viel.
Alina Bronsky hat, so auf der Rückseite des Schutzumschlags abgedruckt, auf das Hoffnungs- und Versöhnungspotenzial des Romans hingewiesen. Mag sein, dass man Eden trotz auch seines völlig offenen Schlusses so lesen kann. Dann werden sicherlich auch Bedenken gegen die Figurengestaltung des Tobias hinfällig. Mir ist das nicht gelungen, mir überwiegen die nicht enden könnende Traurigkeit und existenzielle Hilflosigkeit.
Ein tief bewegender Roman. Sentimental, aber ohne Sentimentalitäten. Kitschfrei. Große Literatur.
Jan Costin Wagner: Eden. Roman. – Berlin: Galiani Verlag 2025