Bastian Pastewka sei Dank!
Wie das?
Kein Stirnrunzeln ist notwendig, kein erstauntes, fragendes oder skeptisches Hochziehen einer Augenbraue. In seinem Podcast „Kein Mucks“ arbeitet sich Pastewka seit ziemlich genau fünf Jahren durch die Radioarchive der ARD-Rundfunkanstalten, auf der Suche nach Schätzen des Kriminalhörspiels der letzten rund 75 Jahre. Für Nostalgiker des Genres ist dieser Podcast eine regelrechte Fundgrube, und manchmal entdeckt man echte Juwelen.
Das vom SFB 1982 produzierte Hörspiel Mord im 31. Stock gehört ohne Zweifel zu solchen Edelsteinen. Wer Formexperimente sucht, wird dieser Einschätzung vielleicht nicht folgen wollen. Seine relativ konventionelle Machart ist ein Argument. Hinsichtlich seines Inhalts aber elektrisiert es geradezu. Das Hörspiel basiert auf dem im Deutschen gleichnamigen Roman des schwedischen Autors Per Wahlöö. Bekannt wurde er in den siebziger Jahren vor allem durch die Kommissar-Beck-Romane, die er gemeinsam mit seiner Frau Maj Sjöwall schrieb und die für den nordischen Kriminalroman stilprägend wurden. Zwischen der Hörspieladaption des SFB und der Erstveröffentlichung des Romans im Jahr 1964 liegen allerdings 18 Jahre. Hört man es heute, mehr als 60 Jahre nach Erscheinen des Romans und mehr als 40 Jahre nach der Erstsendung des Hörspiels, ist man erstaunt, nein, bewegt und erschüttert von der Aktualität, die da verhandelt wird. Grund genug, es nicht beim Hören zu belassen, sondern sich dem Roman zuzuwenden. Der wurde – der Vollständigkeit halber sei es erwähnt – 1982 Zur Vorlage für den Spielfilm „Kamikaze 1989“ mit Rainer Werner Fassbinder in der Rolle des Kommissar Jansen. Es war Fassbinders letzte Rolle vor seinem Tod.
Der Titel Mord im 31. Stock ist absichtsvoll irreführend. Ohne zu spoilern darf man erwähnen: Es gibt keinen Mord. Es gibt auch keinen 31. Stock, zumindest nicht offiziell. Es gibt aber eine Bombendrohung gegen ein sehr großes und mächtiges Zeitungs-, heute würde man wohl sagen Medienhaus. Schon nach wenigen Seiten ist klar, dass dieser Vorfall politisch immens hoch gehängt wird, ohne dass man als Leserin oder Leser zunächst verstehen sollte, warum das so ist. Denn in diesem Umstand liegt das ‚eigentliche‘ Spannungsmoment des Krimis. Es spielt deshalb auch eine fast bis zum Ende hin untergeordnete Rolle, dass sich die Bombendrohung als Fehlalarm entpuppt.
Beauftragt mit der Aufklärung des Anschlags wird Kommissar Jensen, der sich von Beginn an konfrontiert sieht mit der Erwartung konkreter Ermittlungsergebnisse. Er soll herausfinden, was herausgefunden werden soll – und das wiederum soll das Verlagshaus so weit wie nur möglich aus der öffentlichen Wahrnehmung heraushalten. Die wiederum hat der Medienkonzern allein in der Hand. Er besitzt mehrere hundert Zeitschriften und Zeitungen, besitzt nicht nur ein staatliches Meinungsmonopol, sondern hat den Staat selbst quasi geentert.
So ist dann auch Jensens Vorgesetzter ein ehemaliges Führungsmitglied des Verlags. Dessen ist sich Jensen auch bewusst. Er agiert nach den an ihn herangetragenen Vorgaben und Erwartungen und unterläuft sie zugleich. Allerdings erfährt man nie so recht, ob er das mit Absicht macht oder aus bloßer Dienstbeflissenheit. Seine Haltung und seine Ansichten bleiben rätselhaft. So entsteht das Bild eines höchst unsympathischen Menschen, der die Machenschaften zwar offensichtlich durchschaut, aber als Erfüllungsgehilfe in Erscheinung tritt, selbst scheinbar völlig emotionsbefreit. Aber nur scheinbar. Erst gegen Ende des Romans, der Fall scheint (!) geklärt, erhält man für kurze Momente Einblick in seinen Gefühlshaushalt.
Er zog sich im Dunkeln aus, ging in die Küche und schenkte sich einen dreistöckigen Schnaps ein. Dann leerte er das Glas in einem Zug, stand nackt am Abwaschtisch, spülte es aus und ging zu Bett.
Kommissar Jensen schlief fast sofort ein. Sein letzter bewußter Eindruck war eine Empfindung von Isolation und Unzufriedenheit.
In seiner Einsamkeit und mit seinem Alkoholproblem ist Jensen selbst ein Prototyp der dumpfen und abgestumpften Daseinsweise der Menschen, die das Land prägt, beherrscht von der Allmacht des Verlags über die öffentlichen Diskurse. Im Grunde genommen gibt es gar keine Öffentlichkeit mehr, und weil es sie nicht gibt, auch keine Privatheit. Deshalb die immens hohe Suizidrate im Land, deshalb der kollektive Alkoholismus, deshalb der eklatante Rückgang der Geburtenrate. Kommissar Jensen lebt und arbeitet in einem Land, das dabei ist, sich als Kollektivgemeinschaft abzuschaffen. Dieses Land muss keineswegs Schweden sein, auch nicht in den sechziger Jahren. Da fallen einem gleich eine Vielzahl von Beispielen ein, auf die das geschilderte gesellschaftliche Umfeld passt wie ein Maßanzug.
Das macht diesen dystopischen Kriminalroman so bedrückend aktuell. Er zeigt auf, was passiert, wenn menschliche Beziehungen nicht mehr stattfinden, lässt die Kälte, die entsteht, und die Auflösung gesellschaftlicher Zusammenhänge spürbar werden. Per Wahlöö setzt dabei erzählerische Mittel höchst behutsam ein. Er erzählt ausgesprochen verknappt; der Roman kommt mit knapp 140 Seiten aus. Was ihn gegenüber dem Hörbuch in besonderer Weise auszeichnet, sind seine Natur- und Landschaftseindrücke, die sich Jensen während der Autofahrten von einem Ermittlungsort zu einem anderen bieten. Sie machen deutlich, dass sich Natur als Rückzugsraum verweigert, ein Utopiepotenzial nicht einmal andeutet. Der Autor breitet ein Panorama des Schreckens aus, ohne den Schrecken selbst explizit zu zeigen. Und trotzdem … oder genauer: gerade deshalb lässt er uns verstört zurück. Wir klappen das Buch zu und schauen mit vielleicht verschärfter Wahrnehmung auf eine Welt, die sich in rasantem Tempo anschickt, den literarischen Kosmos des Krimis ins Hier und Jetzt zu transformieren. Mag sein, das ist der utopische Rest.
Noch einmal: Bastian Pastewska sei Dank!
Per Wahlöö: Mord im 31. Stock. Deutsch von Hubert Deymann. – Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuchverlag 1977 (rororo. 2424).
Der Roman ist derzeit neu nur als Ebook zu kaufen, im Gebrauchtbuchhandel und antiquarisch aber auf unaufwändige Weise nach wie vor erhältlich.