Jahrestag Null Zwei

Jahrestag 02

Das zweite Jahr war anders, irgendwie. Ausschärfender, nüchterner, vielleicht verhaltener, wenn es um die Bloginhalte ging, routinierter, vielleicht gleichgültiger, wenn die Bloggestaltung ins Blickfeld geriet. Manches gelang, manches nicht, manches steht aus. Ein Rückblick, ein Geburtstag.

Erinnerungen täuschen manchmal schon nach kurzer Zeit. Meinen ersten Post vor zwei Jahren hatte ich gedanklich in den September eingeordnet, und erst als ich bei ersten Vorüberlegungen, was ich, wenn ich es denn wollte, in diesem Jahr schreiben könnte, meinen Erstgeburtstagsbeitrag aus dem letzten Jahr las, kamen genauere Erinnerungen wieder hoch. Trotz allem musste hier und da auch noch einmal hingeschaut werden.

Äußerliches

Am Auftritt des Blogs hat sich seit dem Tapeten-, also Theme-Wechsel auf eine Vorlage von Elmastudio vor einem Jahr nichts geändert. Es gibt auch keinerlei Überlegungen in diese Richtung. Das hat nichts damit zu tun, Wiedererkennungseffekte nicht verspielen zu wollen; Marketingüberlegungen sind mir weitgehend fremd. Ich bin schlicht zufrieden mit dem Weta-Theme, das zuverlässig arbeitet und mir keinen großen Administrationsaufwand beschert. Es absorbiert keine unnötige Aufmerksamkeit, die ich lieber ins Schreiben von Beiträgen stecke.

Im zweiten Jahr des Blogs habe ich knapp 40 Beiträge verfasst; dreiviertel davon sind Buchvorstellungen. Sie bilden den Kern des gesamten Blogs. Der Rest ist Beiwerk, zu dem wir aber noch kommen müssen. Den einen oder anderen Beitrag lese ich ab und an noch einmal und kann mich fast immer noch mit ihm anfreunden. Ärgerlich, wenn aus der Distanz trotz allem noch Tippfehler festzustellen sind. Ungünstig, wenn Autorschaft, Redaktion und Endredaktion in der gleichen Hand liegen. Aber das ist so gewollt und wird sich auch auf absehbare Zeit nicht ändern. Da muss ich die manchmal zu geringe Korrekturdistanz in Kauf nehmen und noch mehr Konzentration auf die (eigentlich ungeliebte) Endredaktion aufwenden..

Quantitativ hat der Blog einen bescheidenen Umfang, aber mehr ist nicht drin. Das Buch, über das geschrieben werden soll, muss erst einmal gelesen sein – und das, nachdem das Brotgeschäft erledigt wurde. Wechselbeziehungen zwischen dem, was beruflicher Alltag ist, und dem Schreiben im Blog gibt es nicht. Was auch gut so ist! Gelungen ist mir in diesem Zusammenhang, mich frei zu machen von all den Outputmengen, die manch andere Literaturblogs zu vermelden haben und die mich, wie ich am Ende des ersten Bloggerjahres durchaus spürte, zu beeindrucken begannen. Es gelingt mir tatsächlich, mich über gute Beiträge und interessante Anregungen zu freuen. Aber ob es nun der so und so vielste Beitrag von jener Bloggerin ist oder ob dieser Blogger nun doch schneller seinen Beitrag zum neuen Roman raushaut als ein anderer, das interessiert mich nicht.

Innensichten

Gelungen ist auch, sich ein wenig von der Neuerscheinungsfaszination zu lösen. Der Roman des letztjährigen Frankfurter Buchpreisträgers wurde immer noch nicht gelesen, von der diesjährigen Shortlist des Leipziger Buchpreises kein einziges Buch. Auf den einen oder anderen Text, da bin ich ganz sicher, werde ich im Abstand zurückgreifen. Neugierig werde ich sein auf die Distanzerfahrung und werde darüber berichten. Aber im Moment war die Neugier auf und das Bedürfnis nach anderen Büchern größer. So soll es weiterhin sein.

Dass darüber mein kleines Projekt „Fontane lesen“ nicht richtig in die Gänge kam und sich nach wie vor auf einen Beitrag reduziert, enttäuscht mich selbst. Vielleicht gehörte es aber zu den Selbsttäuschungen, angesichts anderer, eben auch beruflicher Belange anzunehmen, dass sich das Ganze schneller realisieren ließe. Aber Fontane bleibt natürlich für das kommende Bloggerjahr im Blick.

Das hört sich unambitioniert an, ist es aber nicht. Von der Selbstverständlichkeit abgesehen, gute Beiträge verfassen zu wollen, schaue ich schon regelmäßig auf die Anzahl der Besucher, die meinen Blog besuchen. Dazu greife ich auf das Statistik-Tool von WordPress.com zurück, das mir Jetpack zur Verfügung stellt. Alle weiter reichenden Statistik-Tools, Google Analytics voran, sind mir viel zu aufwändig. Dabei stelle ich immer wieder fest, dass es mir wohl doch ein eher Intuitives als ein bewusstes Bedürfnis ist, mehr als 500 Besucher im Monat auf meinem Blog begrüßen zu dürfen. Das ist mir zwei Monate in Folge nicht gelungen. Auch wenn das bekanntliche Sommerloch dabei sicherlich eine Rolle spielt, lässt mich das nicht gleichgültig. Das muss nicht zwangsläufig in mehr Beiträge einmünden, die ich, wie erwähnt, nicht so ohne weiteres liefern kann, aber es zeigt doch, das man natürlich wahrgenommen werden möchte, auch wenn der Blog in erster Linie ein „Gedächtnisspeicher eigener Lektüren“ bleiben soll. Es gibt so etwas wie eine Bloggereitelkeit. Gäbe es sie nicht, gäbe es keine Blogs, dann könnte man auch Kladden vollschreiben und sie anschließend im Schreibtisch oder anderswo archivieren. Eine solche Eitelkeit ist mir auch eigen. Nun gut, wenn’s nichts Schlimmeres ist.

Beiwerk

Deshalb, bitte schön, freut man sich auch über schöne Projekte, an die man teilnehmen konnte, und über viel gelesene Beiträge und ist sehr dankbar dafür. Da war und ist immer noch Birgit Bölligers Aktion #MeinKlassiker, die die Initiative im November letzten Jahres gegen die Verlockungen des ständig Neuen startete und mittlerweile 35 unterschiedliche Sichtweisen auf die unterschiedlichsten „Klassiker“ versammeln konnte. Ich durfte mich mit einem Beitrag über Heinrich Manns Der Untertan daran beteiligen.

In seinen Anfängen älter ist Sandro Abbates Frage „Warum ich lese“, die er auf seinem Blog Novelero sich selbst und anderen Bloggern stellte. Die Reaktionen waren zahlreich, so dass auf Sandros Initative hin im Laufe der zweiten Jahreshälfte 2016 die Anthologie Warum ich lese entstand, die im Homunculus Verlag erschien und mittlerweile in der 2. Auflage vorliegt. Dass mein Beitrag, der mir besonders am Herzen liegt, darin aufgenommen wurde, hat mich glücklich gemacht. (Eigentlich ein mich äußerst misstrauisch machendes Adjektiv,  so dass ich es fast immer streiche, wenn ich es denn mal geschrieben habe. Hier habe ich es bewusst stehen lassen.)

Ein Phänomen verbindet die Literaturblogs offensichtlch mit der journalistischen Literaturkritik. Aufmerksamkeit bringen nicht die Buchsprechungen, Aufmerksamkeit erzeugen die Beiläufigkeiten. Bei weitem hat kein Artikel im letzten Jahr mehr Leser gefunden als mein Beitrag Marketing für die Schublade. Darin äußerte ich mich etwas nachdenklich und skeptisch zum neu gestarteten Preis der Literaturblogger namens Blogbuster. Zustimmung und Widerspruch zu meinen Überlegungen erzeugten Seitenaufrufe, die eine Buchbesprechung offenbar nicht generieren kann. Mit Torsten Seifert und seinem Roman über B. Traven hat man sicherlich einen interessanten Autor fördern können. Ohnehin war das Projekt ein Erfolg. Vor diesem Hintergrund hatte ich mit meinen kritischen Bemerkungen natürlich Unrecht. Mag sein, mein fortgesetztes Unbehagen ist deshalb nichts anderes als Uneinsichtigkeit auf der Schwelle zum Altersstarrsinn. Eine Lehre werde ich daraus aber gewiss nicht ziehen: die Zuspitzung der Formulierungen und des eigenen Standpunkts um der Zuspitzung willen zwecks Steigerung der Besucherzahlen.

Ohnehin, die Beiläufigkeiten! Im letzten, dem ersten Jahrestagrück- und ausblick wies ich am Ende auf Fragen hin, die mich in besonderer Weise interessieren würden, den ich nachzugehen beabsichtige. Dazu gehört(e) vor allem, kurz gesagt, das Verhältnis von Literaturblogs und Literaturkritik. Mein Interesse daran hat sich nicht in Luft aufgelöst, das zu sagen, wäre übertrieben. Aber es hat sich doch auf merkwürdige Art verzogen. Warum das so ist, ist mittlerweile die interessantere Frage als die Ausgangsfrage selbst.

Wir werden sehen. Ich bin neugierig.

 

 

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