Alex Capus: Königskinder

Capus, Königskinder

Wie kalt ist es in einem Toyota Corolla, der auf einem Gebirgspass in der Schweiz, genauer gesagt auf dem Jaunpass, bei einem überraschenden Wettersturz eingeschneit wird? Der Wagen ist, glücklicherweise auf der Bergseite, auf schneeiger Fahrbahn in den Graben gerutscht, an ein Weiterfahren ist nicht zu denken. Man wird die Nacht im Wagen verbringen müssen. Darin ist es aber nicht ganz so kalt wie man vielleicht annimmt, Erfrierungsgefahr besteht nicht. Gemütlich sind gemessene 12 Grad Wageninnentemperatur allerdings auch nicht.

Was tut man, wenn man in derlei widrigen Umständen die Nacht verbringen muss? Das, was Menschen wohl immer getan haben, vor allem wenn die Umstände drückten: man erzählt. Erst recht, wenn das Betriebshandbuch des Toyota ebenso wenig zur Hand ist wie ein Telefonbuch, um daraus vorzulesen. Mit solch ironischen Wendungen gelingt es Alex Capus in seinem neuen Roman immer wieder, einem allzu hohen pathetischen Ton als Loblied auf das Erzählen zu entgehen.

Nein, das Ehepaar Max und Tina, das sich in dem Auto befindet, kommt zwar nicht weg, ist aber auch nicht in Lebensgefahr. Keine Scheherezade, die 1001 Nächte erzählen muss, um nicht getötet zu werden, keine Flucht vor der Pest oder vor der Französischen Revolution, die Erzählwelten generiert. Man ahnt den Ausgang. Am Morgen wird man sich aus dem Wagen befreien können, es wird auch wieder Tauwetter einsetzen. Um es vorweg zu sagen: so kommt es auch. Also beinahe eine banale Erzählsituation. Beinahe.

Ebenso nur beinahe banal ist auch die Geschichte, die Max seiner Tina erzählt. Es ist die Liebesgeschichte zwischen einem verwaisten Hirtenjungen und der Tochter eines reichen und autoritären Bauers aus dem Tal, in der sich am Ende und nach einigen Verirrungen und Verwirrungen die Liebenden aber finden und schließlich glücklich zusammen leben können. Das klingt sentimental, trivial, ist es aber nicht. Das hat (mindestens) zwei Gründe.

Die Geschichte, die Max erzählt, entwickelt er zwar in einer linearen Abfolge der Ereignisse. Sie kommt aber, auf höchst vergnügliche Weise, zunächst nur schleppend in Gang, braucht ein paar Druckseiten bis sie sich ihrem Sujet genähert hat und wird immer wieder durch Tinas ungläubige Nachfragen nach der Kohärenz und Stimmigkeit des Erzählens unterbrochen, in Frage gestellt, korrigiert, modifiziert. Max‘ Erzählen liefe bei aller Fabulierlust, die ihn treibt, letztlich doch Gefahr, fad zu werden; ohne die aufmerksame Zuhörerin kommt er nicht aus. Heißt nichts anderes: Capus erzählt das Erzählen immer mit und erweist sich als ausgesprochen reflektierter und souveräner Fabulierkünstler, der mit seinen Figuren liebevoll umgeht, aber gleichzeitig auf ironische Brechungen nicht verzichtet.

Ein weiterer Grund liegt ebenso auch in der Geschichte von Jakob und Marie selbst, den beiden Hauptakteuren, genauer gesagt in den Umständen, in die ihre Liebe situiert wird. Dazu ist zunächst nachzuholen, dass sie im Jahr 1776 beginnt, die Schwierigkeiten schildert, die das Liebespaar daran hindert dauerhaft zueinander zu finden, und schließlich dazu führt, dass Jakob am Versailler Königshof landet. Dort führt er, zunächst noch ohne seine Marie, ein recht geruhsames Leben als Rinderhirte im Dienst der Schwester des Königs Ludwig XVI.. Diese Schwester, Elisabeth, passt nicht so recht ins ebenso strenge wie steife Protokoll des absolutistischen Hofes und führt, so weit es geht, ein Leben jenseits der hofadligen Etikette.

Was an ihren Privilegien aber nichts ändert. Sie erbaut unweit des Schlosses, direkt an der Avenue de Paris, der Ausfallstraße ins Zentrum, ein Landgut, hinter dessen gut gesicherten Mauern sie eine Art spätbarockes Landidyll inszeniert, durchaus auch mit sozialhygienischen Ambitionen. Denn dort kümmert sich Elisabeth auch um Kranke und Schwache. Zu diesem Idyll gehören die Schweizer Rinder, die sich zunächst überhaupt nicht eingewöhnen können und erst gedeihen, als Jakob sich um sie kümmert. Auf Betreiben der Prinzessin treffen dort im April 1789 Marie und Jakob nach jahrelanger Trennung schließlich wieder zusammen.

Alex Capus muss keinen großen erzählerischen Aufwand betreiben, um zu zeigen, wie weltfremd und eskapistisch das Leben dort auf dem Landgut ist. In diesem fatalen Punkt steht das Ganze dem Treiben am Hof in Nichts nach, wenn eben auch anders, weniger egomanisch, weniger verlogen. Und doch lebt man, als gebe es kein Morgen, als könne man Zeit still stellen.
Denn mittlerweile befinden wir uns im Jahr 1789 am Beginn der Französischen Revolution. Was in Paris vor sich geht, stößt am Hof auf vollkommenes Unverständnis. Die massive Versorgungskrise, Hunger, Armut, die Einberufung der Generalstände, selbst die Konstituierung der Nationalversammlung und der Sturm auf die Bastille lassen den Hof in Unverständnis und Agonie zurück. Eindrucksvoll zeigt sich die Hilflosigkeit des mittlerweile zerfallenden Hofstaats beim Marsch der Marktfrauen nach Versailles, der direkt an dem Landgut in Montreuil vorbeizieht. Die Frauen zwingen den Bourbonenkönig, in die Stadt zurückzukehren. Niemand – auch Elisabeth nicht, die selbstverständlich ihren Bruder begleitet – versteht, was da eigentlich passiert.

Mit dieser Versailles-Episode, die den größten Teil der Binnenerzählung um Jakob und Marie ausmacht, erweist sich Capus als sensibler Diagnostiker umfassenden Wegschauens und gefährlicher Ignoranz, ohne dabei den moralischen oder didaktischen Zeigefinder heben zu müssen. Gleichwohl kann man als Leser den Hinweisen nicht entgehen. Und so kann es kommen, dass man den Wunsch verspürt, man könne wie Jakob und Marie sich mit den prächtigen Schweizer Kühen auf einem kleinen Bauernhof namens Léchère zurückziehen und müsse nicht mit Max und Tina am nächsten Morgen wieder zurück ins Tal. Oder man würde zum Steinbock, dem in diesem wunderbaren Roman das letzte Wort gegönnt wird.


Alex Capus: Königskinder. Roman. – München: Carl Hanser Verlag 2018 (21.- €)

Bildnachweis:Das Beitragsbild zeigt ein Tal im Greyerzerland, in dem einige Passagen des Romans spielen.

2 Kommentare

    • Peter Peters

      Bei mir sperrt sich intuitiv etwas -und das wahrscheinlich zu Unrecht-, wenn ich mit dem Begriff „Unterhaltungsroman“ konfrontiert werde. Der ist, warum auch immer, negativ besetzt. Wenn man sich aber von dieser Perspektivfessel lösen kann, dann – ja, dann kann man die „Königskinder“ als Unterhaltungsroman im besten Sinne bezeichnen.

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