Brigitte Glaser: Rheinblick

Glaser, Rheinblick

Wer vom Drachenfels aus im Frühdunst Richtung Nordnordwest auf die rheinische Tiefebene blickt, wird nicht immer den Eindruck abstreifen können, da wabere, wie im Beitragsbild, noch etwas ganz anderes den Steilhang hoch als das durch den Lichteinfall gebrochene kondensierte Wasser in der Luft. Etwas, das weniger den Gesetzen der Meteorologie als mehr noch jenen Umtrieben geschuldet ist, die menschengemacht sind. Ein Rheinblick der eigenen Art. Wie viel mehr noch musste sich ein solcher Eindruck einstellen, als man vom gleichen Aussichtsplatz aus nicht allein auf die Stadt Bonn, sondern damit zugleich auf etwas schaute, das man heute mehr als vordem Bonner Republik nennt?

Bonn aber sei nicht Berlin, stellt auch eine der vier Hauptfiguren in Brigitte Glasers Roman Rheinblick fest, als sie am 23.11.1972, gegen 19:00 Uhr am Bonner Hauptbahnhof aus dem Zug steigt. Lotti Legard ist eine junge ehrgeizige Journalistin, die jüngste Reporterin des „Offenburger Tageblatts“, die mit dem Auftrag in die Bundeshauptstadt geschickt worden ist, Geschichten aus diesem westdeutschen Zentrum der Macht zu liefern. Vor allem geht es um eine Reportage über den gerade in den Bundestag gewählten, damals jüngsten Abgeordneten, den es bis dahin gegeben hatte. Dieser Abgeordnete, dessen Wahlkreis Offenburg war und es immer noch ist, hieß und heißt immer noch: Wolfgang Schäuble.

In diesem kleinen erzählerischen Detail steckt Einiges, was die Machart des Romans ausmacht. Brigitte Glaser verortet die Erzählhandlung sehr genau in die Zeit zwischen Samstag, den 18.11.1972, und Montag, den 04.12.1972. Sie beginnt am Vorabend der Bundestagswahl, die zu einem persönlich Triumph für Willy Brandt werden sollte, und endet rund zweieinhalb Wochen später, als das politische Scheitern des grandiosen Wahlsiegers offensichtlich geworden ist. Eine akut notwendig gewordene Stimmbandoperation, ein während des Krankenhausaufenthalts und der postoperativen Therapie sich zwangsläufig einstellender kalter Nikotinentzug sowie eine immer deutlicher zutage tretenden Depression hatten den Kanzler weitgehend ins politische Aus manövriert. Die Impulsgeber und Strippenzieher in den Koalitionsverhandlungen mit der FDP waren nun andere. Diese biographischen und politischen Zusammenhänge, in die die Romanhandlung ganz eng eingebettet wird, sind historisch verbürgt und wurden sauber recherchiert.

Insofern ist Rheinblick – was ab und an Erwähnung findet – ein historischer Roman. Dass ein guter historischer Roman zugleich aber immer auch etwas über die Zeit sagt, in der er entstanden ist, ist ein literaturkritischer Gemeinplatz, der schon im 19 Jahrhundert geäußert wurde. Doch er trifft auch hier zu. Mit einigem sprachlichen Fingerspitzengefühl reflektiert Rheinblick immer wieder unseren Blick auf die Umtriebe in der einstigen Bundeshauptstadt über Formulierungen, die eben nicht zeitgenössisch sind. ‚Bonn ist nicht Berlin‘ – das ist keine Redewendung der frühen siebziger Jahre, hätte auch als Unterscheidungsmerkmal keinen Sinn gemacht. Im Erzählkontext aber wirft es ein Licht, das in der Formulierung von heutzutage zurückstrahlt, und Mechanismen von politischem Gestaltungswillen, Macht und Intrigen ausleuchtet. ‚Bonn ist nicht Berlin‘, aber irgendwie doch schon, nur schlimmer, wie zu befürchten ist. Dass – nebenher bemerkt – es in der SPD wohl offensichtlich eine lange Tradition gibt, alles andere als pfleglich mit ihren Vorsitzenden umzugehen, verleiht dem Roman darüber hinaus eine unfreiwillige Aktualität.

Aber Brigitte Glaser führt uns Leser nicht nur in das politische Bonn des Spätherbstes 1972, in dem einsetzt, was man durchaus als Kanzlerdämmerung bezeichnen mag. Sie erzählt zugleich die Geschichte von vier fiktiven Personen, die zunächst einmal nichts miteinander zu tun haben. Das einzige Bindeglied, das alle miteinander verbindet, ist der Rheinblick, wo im Laufe der Geschichte alle mindestens einmal auftauchen. Dieser Rheinblick, für den es in der Tat ein reales Vorbild in Bad Godesberg gab, ist eine Gaststätte in unmittelbarer Nähe des Bundesviertels. Es ist ein Treffpunkt vor allem für Abgeordnete, Bundesbedienste und deren Entourage, in dem man an der Theke und den Tischen bei Bier, Schnaps und rheinisch geprägtem Essen informelle Gespräche führt, Beziehungen knüpft, Gerüchte kursieren lässt oder schlicht sich entspannt. Damit der Rheinblick als solch inoffizielles Kommunikationszentrum Bestand haben kann, ist Diskretion von essentieller Bedeutung.

Dass das so bleibt, dafür sorgt die Wirtin Hilde Kessel, eine der vier Protagonist(inn)en des Romans. Was im Rheinblick gesprochen würde, bleibe auch dort, ist das geschäftliche Grundprinzip, auf dem die Gaststätte beruht. Doch Hilde Kessel hatte in einer wirtschaftlichen Notlage nach dem Tod ihres Mannes selbst dagegen verstoßen und Informationen weitergegeben. Jetzt läuft sie Gefahr, in den Sog der sich entspinnenden Ränkespiele und Intrigen im Geschacher um Posten in der neu zu bildenden Regierung hineinzugeraten. Sie fürchtet um das Renommee des Rheinblick und um ihre wirtschaftliche Existenz. Bei ihrer ersten Wanderung überhaupt auf den Drachenfels wird sie aber Klarheit für sich finden. Eine Klarheit, die, um das Kritische nicht ganz aus den Augen zu lassen, erzählerisch etwas arg schnell herbeigeführt wird.

Neben der schon erwähnten jungen Journalistin Lotti Legard und der Wirtin Hilde Kessel bilden zwei weitere Figuren den erzählerischen Handlungskern des Romans. Eine von ihnen ist Sonja Kessel, Krankenschwester und Logopädin am Klinikum am Venusberg. Ihr überträgt man die logopädische Behandlung Willy Brandts nach dessen Stimmband-OP, eine Therapie, die sich aufgrund des Patienten und seiner besonderen Situation als ausgesprochen schwierig erweisen wird.

Schließlich komplettiert die Gruppe der Hauptfiguren noch Max, Sohn eines ranghohen Beamten im Finanzministerium, Traumtänzer, Taxifahrer, sympathischer Schmarotzer und Student. Er versucht, sich von seinem Elternhaus zu emanzipieren, hat aber immer wieder Schwierigkeiten, sich finanziell über Wasser zu halten. Erweitert wird das insgesamt große Figurenarsenal durch eine Vielzahl meist fiktiver Personen aus dem Polit-Establishment.

Erzählt wird die Handlung chronologisch von Tag zu Tag; immer wieder wechseln die Perspektiven zu einer der vier Hauptfiguren. Diese Wechsel werden mit Datum und Uhrzeit genau markiert, so dass es dem Leser nicht schwer fällt, den Überblick zu behalten und Handlungsfäden zusammenzuführen. Zusammengehalten wird die Geschichte darüber hinaus durch einen mysteriösen Todesfall, der sich sehr bald als Mord herausstellt. Auch wenn die Aufklärung dieses Delikts das Ende des Romans markiert, so wäre es verfehlt, das Buch als Kriminalroman zu lesen.

Vielleicht ist dieser Erzählfaden in seiner Ausgestaltung sogar ein Schwachpunkt von Rheinblick. Man weiß natürlich, wie die politische Biographie Willy Brandts weiter verlief, dazu brauchte es des Buchs nicht. Aber man hätte noch gerne etwas erfahren, wie es mit den Hauptfiguren weitergeht, mit Max und Lotti, die sich ineinander verliebt haben, mit Sonja, der es zu gelingen scheint, eine Planstelle für Logopädie am Klinikum zu bekommen, und mit Hilde Kessel und ihrer Gaststätte. Deren Geschichten enden weniger als dass sie einfach aufhören, als seien sie jetzt nicht mehr erzählenswürdig. Was die mehr als 400 Seiten des Romans eindrucksvoll widerlegen. Gerade diese Figuren sind es, die ein spannendes Zeitbild der frühen 70er Jahre vermitteln mit seinen Hoffnungen, Ideologien und Illusionen. Fünfzig Jahre entfernt, und doch sehr oft sehr nah. Bonn ist nicht Berlin im Kleinen, aber Berlin scheint doch Bonn im Großen – irgendwie.


Brigitte Glaser: Rheinblick. Roman. – Berlin: List Verlag 2019.

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