Patrick McGinley: Bogmail

McGinley, Bogmail

Irland, wo es am Irischsten ist! Der Satz ist ein Klischee, wie aus einem schlechten Reiseführer. Er wird nicht besser dadurch, dass ihn jemand ausspricht, der noch nie in Irland war. Aber wie soll man auch nicht auf solche Vorstellungen kommen! Die Romanhandlung von Bogmail spielt im County Donegal, knapp 300 Kilometer nordwestlich von Dublin. Dahinter kommt nichts mehr als der Atlantik, der das Wetter bestimmt und wunderbare Wolkenformationen an den Himmel schreibt. Glennkill, das Dorf, in dem sich nahezu alles ereignet, ist wohl ein fiktiver Ort. Aber es gibt Glencolumbkille, den Geburtsort des Autors, ein Dorf mit rund 1.500 Einwohnern, einer – natürlich – katholischen Kirche und einem Pub, der „Roarty’s Bar“ heißt. Goole Maps sei Dank!

Roarty, das ist der Nachname des Pubbesitzers in Bogmail, Tim Roarty, so etwas wie die Hauptfigur, aber das auch nur „so etwas wie“. Er ist der Mörder, auf den der Untertitel der im Steidl-Verlag erschienenen Ausgabe verweist. „Roman mit Mörder“ heißt es dort, während die Lizenzausgabe der Büchergilde Gutenberg schlicht eine Gattungsbezeichnung wählt: Kriminalroman. Das ist nicht falsch. Früh im Roman geschieht ein Mord und ein weiterer wird von Roarty geplant. Trotz allem ist der Untertitel der Steidl-Ausgabe genauer. Denn die Mordtat steht ganz und gar nicht im Mittelpunkt des Romans, sondern ist so etwas wie ein erzählerisches Webschiffchen, das die Fäden der Verhältnisse vor Ort zusammenführt. So wie am Ende der Teppich den Webstuhl verlässt, spielt für das Gesellschaftsbild der Mord am Ende auch kaum mehr eine Rolle, aber das Bild bleibt.

Dabei beginnt alles mit einem gescheiterten Mordanschlag. Tim Roarty fürchtet, dass sein Barmann Eamonn Eales die amourösen Avancen gegenüber seiner Tochter zu weit treibt, wenn nicht schon zu weit getrieben hat. Aber den Versuch, ihn mit einem „Omelette surprise“ ins Jenseits zu befördern, das mit einigen giftigen Pilzen zubereitet worden war, scheitert aus unerklärlichen Gründen. Dann aber erschlägt ihn Roarty im Streit, und zwar mit dem 25. Band der Encyclopaedia Brittanica, Roartys Lieblingslektüre. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion vergräbt Roarty die Leiche des Barmanns im Moor. Er wähnt sich dabei unbeobachtet, erhält aber nach einiger Zeit Erpresserbriefe – mit dezent eingelegten Leichenteilen -, die belegen, dass es wohl doch mindestens einen Zeugen gab.

Bogmail – einem Wortspiel aus „bog“ (Moor) und „blackmail“ (Erpressung) verdankt der Roman seinen Titel. Aber  mit der Erpressung fängt der Roman nach rund 50 Seiten erst richtig an. Sein topographisches Zentrum ist der Pub. Hier versammeln sich nicht selten schon am späteren Vormittag eine Reihe skurriler Figuren, die jeder für sich sicherlich einen Typus abbildet und vielleicht sogar Klischees bedient, welche zusätzlich dadurch noch Nahrung finden, dass wirklich Unmengen an Bier und Whiskey gesoffen werden. Da ist neben Tim Roarty der Engländer Kenneth Potter, den es in die Gegend verschlagen  hat, um den Bauxit-Abbau voranzubringen. Oder der Fischer Roary Rua, ein Schlitzohr; der alte Bauer Cruborg, der sein Land verkaufen will, das aber so teuer wie möglich; der Dorfpolizist McGing, der sich für maßlos unterfordert hält, aber ziemlich tölpelhaft durch den Mordfall tappt. Was den Roman aber gekonnt vom Klischee befreit, sind zum einen die Frauenfiguren, die McGinley ins Erzählkonstrukt einbindet und die so gar nicht ins Typologisierte passen. Und es sind die Geschichten selbst, die alle diese Figuren aneinander binden, diese Ansammlung von Zukurzgekommenen, vom Leben Vernachlässigten. Dabei wird der Pub zu dem Ort, wo eben nicht nur gesoffen, sondern auch Gott und die Welt verhandelt werden. Der Katholizismus, Moderne und Tradition, das Verhältnis zwischen Briten und Iren, ebenso Liebe und Sexualität – für die dort lebenden Menschen wirklich existenzielle Dinge kommen nicht nur zur Sprache, sie werden auch durchlebt. Wie der „Roman mit Mörder“ darüber endet, ist beinahe Nebensache.

Er erschien erstmals 1978 und war gleich heftig umstritten. Zu große sexuelle Freizügigkeit, ja Pornographie wurde ihm vorgeworfen, auch so etwas wie Nestbeschmutzung. Dass er den Menschen dort im irischen Nordwesten schon beinahe ein Denkmal setzt, wollte oder konnte man nicht erkennen. Heute gilt McGinleys Bogmail als Klassiker der irischen Kriminalliteratur. Umso erfreulicher, dass wir ihn in zwei schönen Ausgaben und in gelungener Übersetzung durch Hans-Christian Oeser auch kennenlernen dürfen.


Patrick McGinley: Bogmail. Kriminalroman. Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser. – Frankfurt/M., Zürich, Wien: Büchergilde Gutenberg 2017 (19,95 €).

Patrick McGinley: Bogmail. Roman mit Mörder. Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser. – Göttingen: Steidl Verlag 2016 (24.-  €).

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Weitere Besprechungen findet man unter anderem auf Zeichen & Zeiten, We read Indie und Literaturreich.

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2 Kommentare

  1. Über die unterschiedlichen Bezeichnungen „Roman mit Mörder“ und „Kriminalroman“ bin ich auch gestolpert. Da das Original meines Wissens keine nähere Bezeichnung trägt, „gehört“ erstere vielleicht dem Steidl Verlag. Ich finde sie tatsächlich auch passender. Viele Grüße, Petra

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