Martin Walser: Statt etwas oder Der letzte Rank

Walser, der letzte Rank

Wenn du selber nur noch die Wahrheit sagen kannst, bist du unter Menschen nicht mehr möglich.

Wenn man dem Strom der literaturkritischen Kommentare folgt und Martin Walsers Roman Statt etwas oder Der letzte Rank, will man ihn denn noch als Roman bezeichnen, als Schlüsseltext liest für die biographischen Zusammenhänge, die man zu erkennen glaubt, dann treten sie alle wie Lemuren in Erscheinung, die Personen und Ereignisse, die, wie man annimmt, Walser zu Walser machten, der schier allmächtige Marcel Reich-Ranicki, der ungnädige Frank Schirrmacher, die kaum liebenswürdigere Felicitas von Lovenberg, die Debatte nach der einschneidenden Paulskirchenrede, und dann erscheint der Ich-Erzähler in gespreizter Rechtfertigungseitelkeit, der mit seiner Verletzlichkeit kokettiert, sich in die Luther-Pose des „Hier stehe ich …“ wirft und das unverstandene Opfer mimt, und seine erotischen Phantasien, wenn man sie denn so nennen will, erscheinen wie ein Herr Tur Tur, der beim Näherkommen die Statur eines Zwerges annimmt, oder wie eine leidlich schöne Frau, der man, als sie aus der Dusche steigt, den Bademantel in der Vorfreude hinhält, ihr ihn bald wieder nehmen zu können, die aber das griffbereite Badetuch nimmt, sich darin einwickelt, den Raum und schließlich, wenig später, das Haus verlässt, während man selbst immer noch da steht, leidlich hilflos, mit dem Bademantel in der Hand – und man fühlt sich als Leser gelangweilt und verstimmt.

Dieser blöde Kafka mit seinem Ungeziefer, vor dem alle wegrennen! Da war es keine Kunst, liegen zu bleiben! Unwahr bis zum Grund!

Da dem aber nicht so ist, da man den Roman so nicht lesen muss und sich erinnert sehen darf an einen Josef K. oder sich einen insektuösen Ich-Erzähler vorstellen darf, der sich abstrampelt an den durchschauten oder nicht wahrgenommenen Anpassungsriten, der sein Ich aufzublähen unternimmt, indem er sich an seiner Außenwelt bis zum Wundsein reibt, von der er zugleich fürchtet, jemand habe eine Nadel, der seinen Ich-Ballon platzen lassen könne, dessen Wunsch abzurechnen in eine merkwürdige Milde einmündet,  und der seine sexuellen Sehnsüchte nur in fade erotische BIlder einfließen lassen kann, der vielleicht – wie manche Kommentatoren nicht ohne süffisant gehässigem Unterton anmerken – altersgeil sein will, es aber nicht mehr recht kann, was eher traurig als abgeschmackt ist, da man schließlich Martin Walser in gewisser Weise wieder bei seinen literarischen Wurzeln angekommen sehen darf, sich vielleicht ein Kreis zu schließen beginnt, kann man gemeinsam mit dem Ich-Erzähler auf eine schmucklose leere Wand schauen, in einen schweren Traum versinken und dabei erahnen: da erscheint so etwas wie Schrift.

Mir geht es ein bisschen zu gut.
Zu träumen genügt.
Unfassbar sein, wie die Wolke, die schwebt.
Ich hoffe mehr, als ich will.


Martin Walser: Statt etwas oder Der letzte Rank. Roman. – Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag 2017 ( 16,95 €).

3 Kommentare

  1. „Mit gehässigem Tonfall lesen“ – klingt merkwürdig – trotzdem, ich werde Blicke hinein werfen, habe sooo viele Bilder aus seinen früheren Büchern im Kopf, das bleibt, will ein wenig abgeschlossen werden…

    • Peter Peters

      Danke, Sonja, für den Hinweis. DIe Formulierung war missverständlich; ich habe sie überarbeitet.

  2. Pingback: Martin Walser in Aachen - Peter liest ...

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