Jean-Christophe Rufin: Das rote Halsband

Rufin, Halsband

Der 1. Weltkrieg ist seit zwei Jahren vorbei. Wir befinden uns in einer französische Kleinstadt, die reichlich südliches Flair ausstrahlt. Auf den großen Platz mitten in der Stadt lastet eine drückende Hitze, ein Platz, der auf der einen Seite von typischen städtischen Gebäuden, auf der anderen Seite von einer Kaserne eingefasst wird. Diese Kaserne war während des Kriegs umgewandelt worden zu einem Gefängnis für Spione und Deserteure. Jetzt befindet sich in diesem Gefängnis noch ein einziger Insasse. Der wird, wie es scheint, ebenfalls von nur einer einzigen Person Tag und Nacht bewacht. Abends holt Dujeux, der Gefängniswärter, einen Strohsack aus dem Spind, damit er darauf schlafen kann. Qua Amt wird dieser Mann selbst also zu einer Art Gefangener. Er kann das Gebäude nicht einmal verlassen, um einen Hund zu vertreiben, der sich seit mittlerweile zwei Tagen auf dem Platz befindet und seither dauerhaft entsetzlich jault.

Man kann es sich gut vorstellen: auf der einen Seite mächtige Kasernenmauern, auf der anderen kleinstädtische Architektur, darüber diese Hitzeglocke und dann der stetig  jaulende Hund. DIe Ausgangssituation der Erzählung hat schon einen surrealen Zuschnitt. Der dehnt sich ins Absurde, als der Leser erfährt, wegen welchen Vergehens der Insasse des Gefängnisses festgehalten wird. Der Kriegsheld Jacques Morlac wurde inhaftiert, weil er den Tapferkeitsorden, dem man ihm verliehen hatte, bei der öffentlichen Ordensverleihung seinem Hund überreichte und ans Halsband heftete. Er löste damit einen Eklat aus. Gegen Ende des Romans verdeutlicht der Gefangene selbst, was die Motive seines Handelns waren:

Nicht ich war der Held, sondern er. Das habe ich gedacht, verstehen Sie? Nicht nur weil er mir an die Front gefolgt und verwundet worden war. Nein, das war etwas viel Tieferes, Radikaleres. Er besaß alle Eigenschaften, die man von einem Soldaten erwartete. Er war treu bis in den Tod, tapfer und ohne Mitgefühl für den Feind. Für ihn bestand die Welt aus guten und bösen Menschen. Es gab ein Wort, um das auszudrücken: Er besaß keinerlei Menschlichkeit. Natürlich, er war ja ein Hund … Aber wir waren keine Hunde, und von uns verlangte man das Gleiche. Die Auszeichnungen, die Orden, die öffentlichen Belobigungen, die Beförderungen, all das diente dazu, Handlungen von Tieren zu belohnen.

Der kalkulierte öffentliche Affront wird so zum Ausdruck des Protests und des Widerstands gegen jedwede Form der Barbarisierung durch den Krieg. Das Motiv des Soldaten für sein Handeln ist ein ausgesprochen ehrenwertes, humanes. Das Problem ist nur, dass der Militärrichter, der den Fall untersuchen und zu einem Urteil kommen soll, ihm dieses Motiv nicht abnimmt. Hugues Lantier du Grez lässt sich dabei selbst von menschlichen Erwägungen leiten. Ihm ist es erkennbar zuwider, einen Mann für dieses Delikt schwer zu bestrafen – eine lebenslange Verbannung in die Strafkolonie droht. Er versucht, dem Gefangenen Brücken zu bauen und stößt dabei auf wenig Kooperationsbereitschaft seitens Morlacs. Bei seinen Recherchen stößt der Richter schnell auf eine Frau, die die Mutter von Morlacs Sohn ist. Die will der Gefangene aber nicht zu sich lassen. Auch das Angebot, den Hund zu ihm zu bringen, schlägt er aus.

Der RIchter Lantier ist in diesem lange Zeit mysteriösen Fall die eigentliche Hauptfigur – neben dem Hund Guillaume. Auch er ist von seinen Kriegserfahrungen offensichtlich ernüchtert und will eigentlich nur noch zurück ins Zivilleben. Dazu aber muss er die Akte Morlac schließen können. Es zeichnet ihn menschlich aus, dass er den Fall, der oberflächlich und von der reinen Rechtslage her betrachtet so klar zu sein scheint, nicht einfach durchwinkt, um endlich den Militärdienst verlassen zu können. Zugleich aber kennzeichnet ihn auch eine auffallende Distanz zu seinen Mitmenschen. Er zeigt sich immer aufgeschlossen, zugewandt, aber sein Verhalten ist zugleich auch sehr oft gepaart mit einer gewissen aristrokratischen Hochnäsigkeit und Besserwisserei. Er neigt dazu, seine Mitmenschen ein wenig von oben herab zu behandeln. Nur mit dem Hund, der ihn an den eigenen aus seiner Kindheit erinnert, geht er auffallend anders um.

Ohnehin ist dieser Hund das ein Rätsel bleibende Phänomen. Er ist Morlac hinterhergelaufen, und zwar von dessen Einberufung an bis an die diversen Kriegsfronten, an die der Gefreite abkommandiert wurde, und ihm gefolgt bis vor das Gefängnistor. Umso unverständlicher bliebt es, warum Morlac sich weigert, diesen Gefährten, der ihm durch nahezu ganz Südeuropa folgte, jetzt zu sich zu lassen. Die Gründe dafür, die Klärung der Zusammenhänge und schließlich der Urteilsspruch des Richters Lantier sollen hier nicht verraten werden.

Auch nicht, obwohl ich eine uneingeschränkte Leseempfehlung nicht aussprechen kann. Rufins Roman, der im Gedenkjahr an den ersten Weltkrieg 2014 sowohl in Frankreich wie auch in deutscher Übersetzung erschien, leidet an einer Dysbalance zwischen den einzelnen Erzählsträngen. Die Geschichte des Hundes verläuft bei aller äußerlichen Verzahnung mit dem Werdegang Morlacs doch eher neben seiner Geschichte her statt sich mit ihr eng zu verzahnen. Morlacs Beweggründe wirken reichlich konstruiert. Am Ende hat – wie könnte es anders sein – der RIchter Recht mit seinen Annahmen, doch sie stehen in keinem authentisch wirkenden Zusammenhang zu ihren Folgen. Der Vorwurf, der Roman entfalte „Geschichtskitsch“, mit dem er im „Spiegel“ ziemlich harsch abgebürstet wurde, zieht deshalb nicht, weil er zu wenig geschichtshaltig ist. Dafür steht dann doch gerade in jenen Passagen, die Einblick gewähren könnten in die Schrecklichkeiten des Weltkriegs, der Hund zu sehr im Vordergrund, der sich als Mittler wenig eignet.

Was bleibt? Wer etwas über Hundetreue erzählt bekommen möchte, wird Gefallen finden an dem Roman, erst recht, wer nicht allzu skeptisch reagiert auf Happy ends. Ob der Roman, der für den Euregio-Schülerliteraturpreis 2017 nominiert ist, bei den Heranwachsenden Anklang finden wird, wird sich zeigen. Schaut man auf die Alternativen, dann wohl eher nicht.


Jean-Christoph Rufin: Das rote Halsband. Roman. Aus dem Französischen von Nathalie Lemmens. – München: C. Bertelsmann Verlag 2014 (12.- €)

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