Ulrich Woelk: Pfingstopfer

Wer nicht mehr zu den ganz Jungen gehört, kennt Phasen im eigenen Leben, in denen man den Eindruck gewinnt, dass es auf vielerlei Ebenen und fast schon grundsätzlich nicht rund zu laufen scheint. Viele Probleme gleichzeitig, die man zu bewältigen hat, ohne auch nur eine Ahnung, geschweige denn eine konkrete Vorstellung zu haben, wie man sie lösen könnte. Man agiert aus dem Moment heraus in der mehr oder minder stillen Hoffnung, es möge sich etwas bewegen, auch wenn man nicht weiß, was. Das aber möge dann vielleicht doch neue Perspektiven öffnen und Wege als gangbar erscheinen lassen.

So geht es auch Anton Glauberg, der 54-jährigen Hauptfigur in Ulrich Woelks Kriminalroman „Pfingstopfer“. Er lebt seit zehn Jahren von seiner Frau getrennt, ohne dass sie sich hätten scheiden lassen. Um die immer weiter in die Depression hinein gerutschte Frau kümmert er sich, nachdem sie nach einem Suizidversuch in die Psychiatrie eingeliefert worden ist. Sein mittlerweile siebzehnjähriger Sohn hatte die Mutter noch rechtzeitig gefunden und ihr so das Leben gerettet, das sie eigentlich gar nicht mehr haben wollte. Die Vater-Sohn-Beziehung selbst ist hoch belastet. Glauberg wird, während sich seine Frau in der Klinik aufhält, damit konfrontiert, dass sein Sohn von der Schule verwiesen werden soll, weil er mehrfach mit Drogen gedealt hat – und das knapp ein Jahr, bevor er sein Abitur macht. Der Kommissar selbst wohnt mit seiner Katze allein in einem alten Bauernhaus in der nordfriesischen Einöde hinter einem Deich. Zwei weitere Frauen spielen in seinem Leben eine zentrale Rolle. Da ist zum einen Aişe, eine ehemalige Prostituierte, die mittlerweile in Hamburg eine Bar betreibt, und zu der Glauberg eine offene, aber durchaus verbindliche Beziehung unterhält. Da ist aber vor allen Dingen Paula Reinhardt, eine ehemalige BKA-Mitarbeiterin, die vor einigen Jahren Glaubergs Bruder, der unter Terrorismusverdacht stand, bei einem Einsatz erschossen hatte, und zwar in dem Haus, in dem Glauberg jetzt wohnt. Glauberg selbst hatte sie damals des Mordes überführt. Sie selbst war eine Zeit im Gefängnis und taucht jetzt im Rahmen eines Hafturlaubs, wie es zunächst scheint, unerwartet bei ihm wieder auf. Ihre leidvolle Sozialisation in der DDR wird im Laufe des Romans noch eine Rolle spielen.

Diese Skizze der Lebensumstände ist eher knapp geraten und nimmt bei Weitem nicht alle Aspekte in den Blick. Dass sich alleine daraus und ohne, dass es dazu noch einem Kriminalfalls bedürfte, ein ausgesprochen komplexes Geschehen entwickeln ließe, liegt auf der Hand. Aber es gibt diesen Mordfall, der weitere thematische Stränge eröffnet. Glauberg und seine Mitarbeiter werden mit einem offensichtlichen Ritualmord konfrontiert. Am Sonntag vor Pfingsten entdeckt man in der Gartenanlage einer evangelikalen Freikirche auf einem Granitpult drappiert die Leiche einer nackten Frau, die bei einen hirnchirurgischen Eingriff mit Absicht getötet worden ist. In den Kreis der Verdächtigen geraten recht schnell ein bekannter Neurowissenschaftler und ein charismatischer Prediger, der in ganz Norddeutschland und weit darüber hinaus eine Gemeinde um sich geschart hat, die religiös-fundamentalistische Postionen vertritt. Dessen Gegenspieler ist dieser Neurowissenschaftler, der  radikal die Position vertritt, die Neurowissenschaften hätten gezeigt, dass Gott tot sei. Zwischen diesen Polen, den die beiden Figuren vertreten und mit denen sich die Ermittler auseinander setzen müssen, spannen sich philosophisch-ethische Fragen nach der Freiheit des Willens, nach Verantwortung und Religiosität.

Will Ulrich Woelk mit einem solch üppigen Panorama an Personal und an Themen vielleicht nicht zu viel? Verzettelt er sich? Ist damit der Krimi, der der Roman ja sein will, nicht überfrachtet? Mir scheint: Nein. Woelk ist gelungen, dieser Gefahr, die ohne Zweifel droht, nicht zu erliegen. Er hat einen spannenden Kriminalroman geschrieben, den man nicht beiseite legen möchte. Die Figuren wirken authentisch und in ihrer Gebrochenheit stimmig. Ihm gelingt ein durchaus überraschendes Ende, in dem – so viel sei verraten – Glaubergs Katze eine nicht unerhebliche Rolle spielt. Und so würde es nicht verwundern, wenn nicht nur wegen der nordfriesischen Landschaftsbilder, die sich beim Lesen einstellen, sondern auch aufgrund der ansprechenden Handlungskonstruktion und Figurengestaltung der Autor mittlerweile am Drehbuch für eine Fernsehverfilmung arbeitet.


Ulrich Woelk: Pfingstopfer. Kriminalroman. – München: dtv Verlagsgesellschaft 2015. (14,90 €)

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