Volker Kutscher: Der stumme Tod

Kutscher, der stumme Tod

Der Tonfilm steckt 1930 trotz erster Kinoerfolge noch in den Kinderschuhen, die Insulintherapie für Diabetiker auch. Sie war erst acht Jahre zuvor erstmalig entwickelt und eingesetzt worden. Doch was hat beides miteinander zu tun? Wer mehr wissen will, lese Volker Kutschers zweiten Kriminalroman aus der Gereon-Rath-Reihe Der stumme Tod (2009). Zwei Jahre nach Der nasse Fisch legte der Kölner Autor den Folgeroman vor, mit dem er nahtlos anknüpfen konnte an den Erstling, sowohl qualitativ wie auch im Hinblick auf den sich einstellenden literarischen Erfolg. Der Verlag wirbt auf seiner Homepage mit mehr als 100.000 verkaufter Exemplare.

In der Tat, es ist beeindruckend wie es Volker Kutscher gelingt, Zeitereignisse in einer spannenden Krimihandlung in Erscheinung treten zu lassen, und zwar ohne dass darunter das Spannungsmoment leidet oder umgekehrt Geschichte auf bloßes Zeitkolorit, auf eine Art Potemkinschen Dorf für den Krimi also, zurückgestutzt wird. Es wird vielmehr ausgesprochen genau erfasst, was sich da in Berlin in der Zeit zwischen dem 28. Februar und dem 13. März 1930 ereignet. In der Woche, bevor sich im Roman die öffentliche Aufmerksamkeit in Berlin auf merkwürdige Serienmorde im Schauspielermilieu richtete, war Horst Wessel nach einem wahrscheinlich privat motivierten Anschlag gestorben, ein sich im Rotlichtdunst bewegender SA-Sturmführer, der dieses unsägliche „Lied“ geschrieben hatte und der nach dem Tod propagandistisch zum NS-Heroen stilisiert wurde. Gereon Rath erhält den Auftrag, er möge sich doch bitte die Begräbnisfeierlichkeiten für Wessel genauer anschauen und über die Umtriebe, die die NSDAP in diesem Zusammenhang angekündigt hat, und über die Reaktion der Kommunisten berichten. Doch diese Dienstanweisung fällt zeitlich in den ersten von insgesamt vier Todesfällen, zwischen denen Zusammenhänge immer augenscheinlicher werden. Bei diesem ersten ist eine Schaupielerin auf grausige Weise ums Leben gekommen. Rath ist so eingenommen von diesem Fall, dass er das Wessel-Begräbnis an seinen Mitarbeiter abschiebt. Ihn interessiert nicht, was sich da anbahnt, er unterschätzt es auch in seiner Dimension, Politik ohnehin widert ihn an. Nazi zu sein, sei in Mode, sagt er einmal, „aber was soll’s – die Moden kommen und gehen“. Nur, wie man im Nachhinein weiß, reichlich zu spät. Oder, an seinen Vater gerichtet: „Papa. lass gut sein. Du kriegst mich nicht in dein geliebtes Zentrum. Und zu den Sozen gehe ich erst recht nicht. Ich bin kein Politiker. Im Gegenteil, ich finde Politik abstoßend.“

Solche Aussagen sind spärlich gesät in diesem 540-Seiten-Krimi, aber wohldosiert. Sie zeigen eine Seite des Gereon Rath, die ihn sicher zu einer zeittypischen Figur macht. Eine andere zeigt die Handlung. Eine Identifikationsfigur ist dieser Kommissar nämlich nicht, noch viel weniger als er es im Erstling war.  Dessen Lebenszusammenhänge knüpfen an die aus dem ersten Roman an. Allerdings hat er sich in der Zwischenzeit mit seiner Freundin Charly überworfen, zu der er erst spät in Der stumme Tod zurückfindet. Wie das geschieht, wie er sich verhält, das zeigt seine ganze männliche Eitelkeit, ja fast schon Blasiertheit, gar Machismus, jedenfalls Charakteranlagen und Verhaltensweisen, die ihn passagenweise schwer erträglich machen. Und auch die Art und Weise, wie er seinen Beruf ausübt, lässt ihn nicht zum Sympathieträger werden. Wer so agiert wie er, darf sich nicht wundern, wenn man ihn nicht zum Kollegen haben will. Man mag den autoritären Polizeiapparat, den Kutscher darstellt, und dessen Vertreter zurecht kritisch sehen, die Rechmäßigkeit der Vorwürfe gegen Raths Agieren und Auftreten kann man damit nicht vom Tisch wischen. Der Roman führt Rath in seiner ganzen Liebenswürdigkeit vor, die er ohne Zweifel auch besitzt, und in seiner ganzen Arschlochhaftigkeit.

So oder so ähnlich hat man die Verbrechenskonstellation, die entfaltet wird, sicherlich schon einmal gelesen. Was aber den guten Kriminalroman ausmacht, ist unter anderem und zugleich in exponierter Weise die Milieueinbettung. Und das gelingt Kutscher wieder auf hervorragende Weise. Zeitlich ist der Fall angesiedelt in einer Phase, die sich einem kulturellen Kipppunkt nähert hin zum Tonfilm bei gleichzeitigem Niedergang des Stummfilms. Er ereignet sich aber zu einem Zeitpunkt, als noch keineswegs entschieden ist, in welche Richtung die Entwicklung kippen wird. Deutlich wird nur, wohin auch immer die Entwicklung geht, sie wird filmästhetische und ebenso ganz handfeste ökonomische Folgen haben. Es wird Gewinner geben und Verlierer. Welche Rolle in diesem Zusammenhang, wie eingangs erwähnt, die Diabetesforschung spielt, warum sich Rath in einem Nebenstrang der Handlung auch noch um Konrad Adenauers Börsenspekulationen kümmert, die dem damaligen Oberbürgermeister seiner Heimatstadt Köln politisch zu schaffen machen, soll nicht verraten werden. Es wäre zu schade drum.


Volker Kutscher: Der stumme Tod. Roman. – Köln: Verlag Kiepenheuer & WItsch 2010 (KiWi Paperpack. 1155) € 9,99.

Bildnachweis

Die Grundlage der Bildcollage findet sich auf Pixabay.

1 Kommentare

  1. Ich mag die Reihe auch sehr – gerade was die fein ausbalancierte Mischung aus Story, Milieu und Zeitgeschichte angeht. In den späteren Bänden gehen mir Gereon und seine Liebste zwar manchmal auf den Wecker (wenn sie schon wieder nicht ehrlich sind und sich ausschweigen), aber bis jetzt hält sich das Niveau ziemlich gut.
    Liebe Grüße!

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