George Saunders; Lincoln im Bardo

Saunders, Lincoln im Bardo

Totenstimmen, schon wieder? Wäre es kurz nach der Lektüre von Robert Seethalers Das Feld jetzt nicht erst einmal genug mit dem, was uns aus dem Nicht-mehr als ein Immer-noch beschäftigt und manchmal auch bedrängt? Aber nach der großen Resonanz, die der Roman nach seinem Erscheinen erfahren hat, nach den zahlreichen zustimmenden, ja schon begeisterten Reaktionen und trotz vereinzelter kritischer Stimmen, so ernst sie genommen werden sollten, war das Interesse zu groß an diesem Totenspiel, das Saunders inszeniert.

Der an historische Ereignisse angelehnte Plot ist schnell referiert. 1862, die USa befindet sich mitten im Bürgerkrieg, verstirbt Willie Lincoln, der dritte Sohn des amerikanischen Präsidenten Abraham Lincoln, elfjährig an Typhus. Glaubt man den Quellen, so starb er in einem der Privatzimmer des Weißen Hauses, während seine Eltern in einem anderen Gebäudetrakt ein Bankett abhalten mussten. Die Trauer um den Verlust des Sohnes muss immens gewesen sein. Jedenfalls ranken sich um dieses Ereignis eine Vielzahl trauriger Anekdoten, unter anderem jene, Lincoln habe nach dem Begräbnis des Kindes mehrfach nachts die Gruft auf dem Oak Hill Friedhof  in Georgetown aufgesucht, den Sarg geöffnet und mit dem Leichnam im Arm seiner Trauer Raum gegeben.

Genau hier setzt George Saunders‘ Roman an. Er vermischt Vorstellungen des tibetischen Buddhismus, in dem für die Verstorbenen ein Zwischenstadium zwischen Diesseits und Jenseits angenommen wird, bevor sie wiedergeboren werden, mit Anlehnungen an christlich geprägte Fegefeuerphantasien und Momenten des ägyptischen Totenkults. Diesen Zustand nennt er in Adaption des buddhistischen Begriffs „Bardo“. Derjenige, der sich „im Bardo“ befindet, ist also nicht, wie man von Titel her vorschnell annehmen könnte, der  Präsident, sondern der verstorbene Willie.

Das ist ein Problem. Warum? Weil er ein Kind ist, das den Verbleib der übrigen Gestalten, die sich in diesem Bardo befinden, stört. Er sollte schnell ins Jenseits kommen, um wiedergeboren zu werden, wird aber zurückgehalten, weil sein Vater ihm versprochen hat, an die Gruft zurückzukehren, um dort beim (toten) Sohn sein zu können. Erlösung findet also nicht statt, weil Trauer sie verhindert. Das bringt das Bardo und seine – sagen wir es mit einem Hilfsbegriff – „Bewohner“ in Aufruhr. Und die Bewohner sind zahlreich.

Über 150 unterschiedliche Stimmen montiert Saunders zu einem Sprach- und Klangteppich des Schimpfens, Lamentierens und zynischen Kommentierens. Eine zentrale Erzählfigur, die alles bündelt, gibt es nicht, und genau das ist das Faszinierende des Romans. Alles erscheint in Bruchstücken und Erinnerungsfetzen an gelebte Leben, aber trotz allem entsteht, wenn man sich über die ersten 25 bis 30 Seiten eingelesen hat, beim Leser die Vorstellung einer Handlung und zugleich ein wahrer Erzählsog.

Dass das gelingt, liegt, so scheint es, an zwei zentralen Erzählkniffen, die Saunders einsetzt. Trotz der Vielzahl der Totenstimmen stehen drei Figuren im Vordergrund. Sie verbindet nicht nur ihr plötzlicher, unfreiwilliger und trauriger Abgang aus dem Leben, sondern auch ihr distanzierter, oftmals kluger, manchmal zynischer Blick auf die Verhältnisse. Als sie sich anschicken, Willie aus dem prekären Versprechen zu lösen, der Vater würde immer wieder zurückkommen wollen, entwickelt sich der Roman zur rasanten, auch den Klamauk nicht scheuenden Burleske.

Der weitere Kniff besteht in der zweiten Erzählebene, die nicht im Bardo spielt, sondern Auszüge, eigentlich muss man sagen: Schnipsel aus historischen Quellen (oder vielleicht zum Teil auch nur aus augenscheinlich historischen Quellen) montiert und ein Bild von den Tagen vor und nach dem Tod Willie Lincolns entstehen lässt. Es ist, das muss festgehalten werden, ein widersprüchliches Bild. Die Aussagen über das, was vermeintlich wirklich war, scheinen um keinen Deut verlässlicher als das Erzähltableau im Bardo.

Das ist wirklich große Erzählkunst, die Saunders da vorgelegt hat, literarisch anspruchsvoll, aber jeder Leseanstrengung wert und höchst unterhaltsam. Die hervorragende Übersetzung von Frank Heibert trägt ihren Teil dazu bei. Sie ist hierzulande ebenso preiswürdig wie der Roman, der es mit dem renommierten Man Booker Prize 2017 in den USA schon geworden ist.


George Saunders: Lincoln im Bardo. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Frank Heibert. – München: Luchterhand Literaturverlag 2018 (25.- €)

Nachlese

Weitere Blogartikel zu Lincoln im Bardo findet man unter anderem auf literaturleuchtet, letteratura, Zeilensprünge und beim Deutschlandfunk.


3 Kommentare

  1. Ich finde das literarische Prinzip der Vielstimmigkeit höchst spannend und interessant. Es ist mir in der Vergangenheit in dem einen oder anderen Buch aufgefallen. Deshalb werde ich sicherlich Saunders in Kürze lesen. Viele Grüße

  2. Deine Besprechung finde ich super, mit dem Buch, beziehungsweise der super positiven Resonanz stimme ich nicht so recht überein. Ja, die Vielstimmigkeit ist toll, aber das ist eine inhaltiche Sache, rein konzeptionell oder handwerklich da kann ich nicht zustimmen, was die Großartigkeit angeht. Das ist mir zu … einfach 😉 Ich sitze gerade auch an einer Besprechung, hab aber noch nicht so recht den Dreh raus. Ich finde es nicht so sehr innovativ … ehrlich gesagt, es hat einen Sog, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich gut finde, wie es ist. Mal sehen.

  3. Ich habe die Lektüre noch vor mir und bin schon sehr neugierig, ob die Vielstimmigkeit auch mich in ihren Bann zieht.
    Viele Grüße, Claudia

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.