Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit

Es ist bekannt, vielleicht; es bewegt, zumeist:

Mondnacht

Es war, als hätt‘ der Himmel
Die Erde still geküsst,
Daß sie im Blüten-Schimmer
Von ihm nun träumen müßt‘.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

mondnacht02Und was hat das Eichendorff-Gedicht mit dem Roman zu tun?

Ich schloss die Augen. Es war Nacht, und ich lief über wogende Weizenfelder in die Dunkelheit hinaus. Beim Rennen wurde ich leichter und leichter, mit einem Mal erhob ich mich. Ich spürte den Wind, breitete die Arme aus und wurde immer schneller. Unter mir der Wald, über mir das Nichts. Es wirbelte mich durch die Luft, und ich flog davon, immer weiter, als flöge ich nach Hause.

Diese Passage befindet sich ziemlich in der Mitte des rund 350 Seiten starken Romans. Das Adjektiv ’stark‘ bezeichnet dabei zunächst nur dessen Umfang, nichts Qualitatives. ‚Starkes‘ im Sinne von Gelungenheit, die überzeugt und überrascht, entdeckte ich in dem Roman lange Zeit nicht viel. Denn ich fand keinen richtigen Zugang zum Erzählten. Freilich, vieles konnte ich nachvollziehen von dem, was an Vorschusslorbeeren und begeisterten Lesereindrücken nachzulesen war. Es ist erstaunlich, mit welch erzählerischem Können und vor allem mit welcher Reife der junge Autor, der gerade erst die 30 Jahre gut überschritten hat, sich mit dem Leben seiner Figuren auseinandersetzt und ihnen authentisch zu folgen versteht. Bis in Lebenszusammenhänge hinein, die seine eigenen deutlich hinter sich lassen. Man kann „Vom Ende der Einsamkeit“ durchaus als Roman einer Generation lesen, die aber nicht die seine ist. Mit welcher Sensibilität er da Verhaltensweisen, Denkweisen und Lebensformen einfängt, ist schon souverän. Er formt wunderbare Sätze, die nicht nur auf der Klangebene die melancholische Gesamtstimmung des Romans tragen, sondern die auch inhaltlich etwas zu sagen haben.

Dennoch stellte ich mir lange Zeit die Frage: Was soll’s? Die einfache, zugegeben eingängige Rückblendentechnik, ausgehend von einem Krankenhausaufenthalt des Ich-Erzählers Jules Moreau nach einem – wie man später erfährt – bewusst in Kauf genommenen Motorradunfall, das Erwachen aus dem Koma, aus dem heraus dann ziemlich linear die Lebensgeschichte der Hauptfigur über rund 35 Jahre an die Gegenwart herangeholt wird – das ist gekonnt umgesetzt, aber bietet literarisch nichts wirklich Bemerkenswertes. Das gilt auch für die Geschichte des früh verwaisten Kindes, das die Eltern bei einem Autounfall verliert. Der Junge sieht sich trotz der beiden älteren Geschwister lange Zeit auf sich alleine gestellt, sucht seinen durch den Tod der Eltern tief geprägten und beeinflussten Lebensweg, muss sich neu und auf andere, aber dann durchaus stabile Weise verhaken mit dem Bruder und der Schwester und durchlebt eine lange Zeit ziemlich komplizierte Liebesbeziehung. All das ist schön erzählt. Aber es packte mich nicht so recht. Meine Lesehaltung changierte zwischen einem immer weniger von Neugierde weiter getriebenen „Worauf soll es hinaus?“ und dem immer stärker werdenden „Was soll’s!“. Ich war durchaus für Momente geneigt, das Buch wegzulegen.

Bis zu der oben zitierten Erzählpassage. Der intertextuelle Bezug ist offensichtlich, bis in die konkrete Bildlichkeit, ja in die Wörtlichkeit hinein. Sie öffnete mir einen Zugang zum Roman und wies den Blick auf das tief Romantische, das die Handlung ebenso durchzieht wie die Form des Erzählens. Wells spielt mit den romantischen Motiven und Gedanken, etwa wenn er der lang ersehnten Freundin und schließlich Frau des Protagonisten den Namen Alva gibt und damit, wie der Ich-Erzähler an einer Stelle selbst sagt, auf die ambivalente Welt der Elfen und Waldgeister anspielt. Oder wenn der Protagonist nachgelassene Werke des Schriftstellers Romanow herausgibt und unter der Vortäuschung seiner Autorschaft zwei eigene Novellen lanciert, ohne sich selbst zu erkennen zu geben. Aber Wells spielt nicht nur mit diesen Motiven und Themen, noch viel weniger ist sein Roman eine sentimentale Rückwendung in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ihn treibt die Frage um nach der Lebenswirksamkeit des Zufalls oder Schicksals und nach der Größe des Leids, die ein Mensch ertragen kann, ohne daran gänzlich zu zerbrechen. Dabei wird ihm die Romantik zu einem Referenzpunkt des literarischen Nachdenkens. Dazu verfolgt er Lebensläufe, nicht nur den des Ich-Erzählers, sondern ebenso den seines älteren, zu einem gewissen Wohlstand kommenden Bruders Marty und seiner Schwester Liz, die sich eher durchs Leben schlägt als eine stabile Orientierung zu finden. Die Geschwisterbeziehung verzahnt sich immer mehr mit der Liebesgeschichte zwischen Jules und Alva, die ihr gemeinsames Glück zu finden scheinen – bis dass der Tod sie wieder auseinanderreißt. Versehrt sind sie alle, gebrochen niemand.

Bei allen Verlusten ereignet sich das „Ende der Einsamkeit“, von dem der Roman erzählt, aber nicht im Jenseits, sondern im Hier und Jetzt. Am Ende streift der Roman, so sehr er die Bezüge wahrt, alles Romantische ab. Die die Figuren antreibende Sehnsucht wird gewendet. Mit Blick auf den alt gewordenen Hund des Bruders erinnert sich der Ich-Erzähler an eine Episode aus seiner Kindheit, als er beobachten musste, dass ein anderer Hund im Fluss, nicht weit von der Stelle, an der die Familie sich jetzt aufhält, ertrank. Dabei stellt er eine deutliche Veränderung seines eigenen Denkens fest: „Dinge kommen und gehen, das habe ich lange nicht akzeptieren können, jetzt fällt es mir plötzlich leicht.“ Und kurz darauf endet der Roman mit den Worten: „Ich bin bereit“.

Ob es so bleibt, wissen wir nicht, und ist fast auch schon gleichgültig vor dem Hintergrund der Frage, wie Sehnsüchte und Leidenerfahrungen unsere Haltung prägen und wir damit umgehen. Da liegt ein eskapistisches Ausgreifen ins Unbestimmte manchmal verständlicher Weise sehr nah. Man hat der Romantik immer wieder einmal vorgehalten, sie betreibe religiöse Überhöhung, Weltflucht und Rückzug ins Private und Innerliche.  Kenner der Literatur und ihrer Geschichte wissen, dass diese Vorwürfe so nicht haltbar sind. Spannend ist aber, dass die gleichen Bedenken wie die gegen die Romantik auch gegenüber dem Roman auftauchen. Bei aller Bewunderung merkt Christian Mayer in der Süddeutschen Zeitung kritisch an, der junge Autor interessiere sich „leidenschaftlich für das Innenleben seiner Figuren […] und herzlich wenig für die Gesellschaft der Gegenwart“. Was stimmt: Wells schreibt keinen Gesellschaftsroman, der politische, soziale und gesellschaftliche Prozesse in den Vordergrund rückt. Aber er konfrontiert den Leser mit großer Sensibilität mit Lebensläufen, die bei aller Konzentration auf das Private doch Gesellschaftliches in hohem Maße mitschwingen lassen. Und da sind wir dann wieder bei den Eichendorffs, den Brentanos, den Tiecks, Schlegels und Schellings – wenn auch am Ende mit deutlich anderen Antworten. Dass es problematischere literarische Referenzen gibt, versteht sich.


Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit. Roman. – Zürich: Diogenes Verlag 2016 (22.- €)

Nachlese

Weitere Blogbeiträge zu „Vom Ende der Einsamkeit“ findet man bei Astrolibium und Literaturen.

Benedict Wells‘ Lesung aus dem Roman:

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