Ian McEwan: Nussschale

McEwan, Nussschale

Ein Embryo als bürgerlicher Intellektueller? Oder doch eher ein bürgerlicher Intellektueller als Embryo?

In einem Punkt lässt der Ich-Erzähler überhaupt keinen Zweifel: Er sieht sich in der Nachfolge Hamlets, des Dänenprinzen. Schon das Motto des Romans, in dem McEwan aus dem Shakespeare-Drama zitiert, lässt daran keine Zweifel:

Oh Gott, ich könnte in eine Nussschale eingesperrt sein und mich für einen König von unermesslichem Gebiete halten, wenn nur meine bösen Träume nicht wären.

Schauen wir mit diesem Sprachbild im Gepäck auf den Roman, so werden schnell Analogien deutlich. Die Nussschale, das ist der mütterliche Uterus, in dem der Ich-Erzähler eingeschlossen ist, und von dem aus er seine Umwelt wahrnimmt. So weit, so gut. Ja, gut, weil McEwan aus der so aufgebauten Perspektive ein ebenso kluges wie unterhaltsames Erzählkonstrukt entstehen lässt. Es sind allerdings nicht die Träume, die den ungeborenen Hamlet-Epigonen quälen; es ist die Wirklichkeit, die ihn umgibt. So weit, so schlecht. Ja, schlecht. Zwar nicht erzählerisch, sondern aufgrund dessen was der Ich-Erzähler schon erleben muss, bevor er das Licht der Welt erblickt.

In den Handlungs- und FIgurenkonstellationen erinnert das Ganze sehr unverstellt an die Hamlet-Geschichte. Die hochschwangere Trudy hat sich mit dem Schwager eingelassen. Beide zusammen schmieden einen Mordplan, um den Ehemann, den Vater des Kindes und ziemlich erfolglosen Lyriker, loszuwerden. Denn der besitzt eine Villa, die zwar heruntergekommen und marode, aber zugleich in bester Londoner Stadtlage gelegen ist. Selbst dieses baufällige Gebäude ist aufgrund seiner Lage noch mehrere Millionen Pfund wert. McEwan zeigt sein großes handwerkliches Geschick, wenn er einige retardierende Momente in die Handlung einbaut und den Leser ein wenig zappeln zu lassen, ob der Mordplan gelingt. Doch schließlich hat diese merkwürdige Paar Erfolg, setzt den Mordplan um und kann das Ganze zumindest auf den ersten Blick als Selbsttötung aussehen lassen. Allerdings nur auf den ersten Blick; für mehr als eine stümperhafte Ausführung ihrer Pläne haben die beiden nämlich nicht das Format.

Claude, der Onkel/Geliebter, erweist sich zwar als ausgesprochen potenter, in seinen intellektuellen Möglichkeiten aber stark eingeschränkter Mann, dessen Interesse sich letztlich auf Geld und Sex, in manchen Momenten auch auf Sex und Geld reduzieren lässt. Aber das ist es dann auch schon. Trudy, die Mutter, ist eine offensichtlich wohl sehr schöne Frau mit einer Neigung zur sexuellen Unterwürfigkeit. Charakterlich versteht sie es durchaus, sich dem Niveau ihres Geliebten anzupassen. Außerdem bewegt sie sich hart am Rande des Alkoholismus und zwingt ihr ungeborenes Kind, reichlich Rotwein durch die Nabelschnur zu „dekantieren“, wie der Embryo süffisant und selbst reichlich betüttelt bemerkt. In Anbetracht von dessen Weinkennerschaft beschleicht den Leser bei aller Komik in der Darstellung doch ein merkwürdiges Unbehagen.

Ohnehin ist festzuhalten, dass das Dilemma, in dem sich der embyonale Ich-Erzähler befindet, im Laufe des Romans immer handgreiflicher wird. Er weiß von Beginn an, dass er mit seinen Eltern untrennbar verbunden ist.

In mir allein verschmelzen meine Eltern auf immer, im Guten wie im Bösen vereint entlang zweier Zucker-Phosphat-Ketten, der Rezeptur meines ureigenen Ichs. Auch in meinen Tagträumen verquicke ich John und Trudy und möchte – wie jedes Kind getrennt lebender Eltern – die beiden wieder zusammenbringen, mein Basenpaar, auf dass die Begleitumstände zu meinem Genom passen.

Es ist also mehr als eine Art genetischer Zufall, der ihn mit den beiden verbindet. So schaut er auch mit viel Warmherzigkeit, ja Liebe auf seine Eltern, bewundert seinen Vater für seine literarischen Fähigkeiten, kommt aber um die Einsicht nicht herum, den einen für einen weltfremden und durchsetzungsschwachen Menschen, die andere für eine Mörderin zu halten. Hilflos muss er daran teilnehmen, dass der Mord gelingt, nicht mehr hilflos ist er, als es ihm gelingt, die Flucht von Mutter und Onkel zu verhindern. Er bringt sich quasi selbst zur Welt.

Bis es aber dazu kommt, räsoniert er (nicht uneigennützig) über das Recht auf Leben, über Lebensperspektiven und die ökologische, ökonomische und politische Entwicklung der Welt. Kleiner geht’s nicht? Offensichtlich. Nicht selten laufen solche Passagen Gefahr Fremdkörper zu sein in einem literarischen Text, weil sie nicht wirken wie authentische Aussagen, sondern als Sprachrohr des Autors fungieren, nicht selten unterlegt mit einem hohen Ton der Verkündigung. Hier nicht, insofern man bereit ist, die Fiktionalität eines erzählenden Embryos zu akzeptieren. Hier erzählt jemand, weil er jetzt schon, pränatal, berechtigte und begründete Zweifel hat an der Zurichtung einer Welt, in die er hineingeboren wird, in die er sich zugleich jedoch auch hineinsehnt. Nie lässt er Zweifel, dass er „das Ende von Meine Geschichte des einundzwanzigsten Jahrhunderts lesen“ will. Anders nun als bei Hamlet ist die Kritik, die der Ich-Erzähler an seine Umwelt richtet, ein Ausdruck grundsätzlicher Lebensbejahung.

So kehren wir zurück zur Eingangsfrage. Zunächst ist festzuhalten, dass McEwan mit den beiden Männern ein Brüderpaar vorstellt, dessen bildungsbürgerliche Herkunft offensichtlich ist. Doch alles, was an feiner, bürgerlicher Intellekualität vielleicht vorhanden war, zeigt sich in dieser Generation im Niedergang begriffen. Der eine, der Vater, bleibt ein literaturbeflissener, aber erfolgloser Schriftsteller, der von seinem Schreiben nicht leben kann, weltfremd durch die Zeiten tappt und das ihm verbliebene Vermögen nicht zu nutzen versteht. Sein Bruder, der Onkel/Geliebte, ist ein viriler tumber Tor, an dem jedwede Bildungsbemühung abgeprallt zu sein scheint, der sich aber eine rücksichtslose Geschäftstüchtigkeit bewahrt hat. Und Trudy, die Mutter? Sie langweilen die literarischen Ergüsse ihres Noch-Ehemannes; man fragt sich als Leser, wie die beiden überhaupt je zueinander gefunden haben. Vor dem Hintergrund dieser Figurenkonstellation kann man schon annehmen, hier klage ein Intellektueller über den Verfall alles Intellektuellen und verberge sich dabei geschickt und für den Leser höchst unterhaltsam hinter die Figur des Embroys. Aber dieser Embryo – wer mag das nach 275 Seiten leugnen?- ist ein kluger, ein gebildeter Kopf. Und er kommt auf die Welt. Also, lasst uns doch noch hoffen!


Ian McEwan: Nussschale. Roman. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. – Zürich: Diogenes Verlag 2016 (22.- €)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.