Jan Costin Wagner: Sonnenspiegelung

Kriminalromane sind kein literarischen Genre, in dem Heiterkeit und Freude einen hohen Stellenwert haben. Was mit dieser Aussage als Binsenweisheit daher zu kommen scheint, ist aber dann bemerkenswert, wenn vor deren Hintergrund eine Besonderheit hervorgehoben werden soll. Bei Jan Costin Wagners Kriminalromane um den finnischen Kommissar Kimmo Joentaa liegt diese Besonderheit in ihrer abgrundtiefen Traurigkeit, die sie beim Leser hinterlassen. Darin unterscheiden sie sich stark auch von jenen Kriminalromanen, denen man gehobenen literarischen Anspruch unterstellen darf. Die Erzählkonstruktionen, mit denen in den Joentaa-Romanen die Leser konfrontiert werden, erzeugen keine Action, sie sind weit davon entfernt, Thriller-Erwartungen zu bedienen, und in deren Mittelpunkt, wenn man es überhaupt so bezeichnen soll, steht kein Ermittlertyp, der durch besondere Auffälligkeiten oder gar durch Macken charakterisiert wird. Sie haben eine ganz eigene Stimmlage. Durchzogen sind Wagners Texte von Tod und Trauer, die sich einnisten in Lebenszusammenhänge, denen man wie Kimmo Joentaa selbst nicht mehr entkommen zu können scheint. Sie erzeugen eine Melancholie, die man nach der Lektüre nicht einfach ablegen kann, gehört man nicht zu den ganz Hartgesottenen.

So ergeht es dem Leser auch mit den acht Erzähltexten aus dem Band Sonnenspiegelung. Der längste der Texte hat knapp 40, der kürzeste rund 10 Druckseiten. Einige von ihnen nähern sich dem Krimigenre an. So auch die kürzeste Erzählung An einem anderen Ort. Wagner spielt hier geschickt mit der Leseerwartung. Glaubt man zu Beginn noch, der Ich-Erzähler sei mit seiner kleinen Tochter auf der Flucht und würde unmittelbar bedroht, so stellt sich mehr und mehr heraus, dass er der Entführer dieses Kindes ist. Wenn der Mann am Ende überwältigt und das Kind gerettet wird, macht sich gleichwohl kein Gefühl der Erleichterung und der Entspannung breit. Das Unbehagen bleibt, gerade weil die Verhaltensweisen des Mannes von Empathie und scheinbarer Sorge um das Kind geprägt sind. Er ist in seinem sozialen Verhalten nicht weit von uns weg, doch es reicht die marginale Abweichung, um ihn zum Verbrecher werden zu lassen. Geradezu umgekehrt verhält es sich in der Geschichte Weihnachtsengel. Hier wird ein Einbrecher zum Verhinderer einer sich anbahnenden Familientragödie – und zugleich deren einziges Opfer.

Alle Texte dieses Bandes spielen in Familienzusammenhängen. Sie werfen einen Blick in private und berufliche Räume, in denen sich bürgerliche Satouriertheit und Wohlstand abbildet. Das macht diese Sozialräume aber nicht weniger fragil, im Gegenteil. Ob nun die Plötzlichkeit des Todes in die intakte Familie einbricht wie in der Eingangserzählung Am hellen Tag oder situatives Fehlverhalten wie in der titelgebenden Erzählung Sonnenspiegelung oder der Unfalltod der einzigen Tochter in Kleine Monde, einem Prätext zu Wagners letztem Roman Tage des letzten Schnees, – immer bewegen sich die Figuren auf dünnem Eis, nicht selten auf solch dünnem Eis, dass man sich letztlich wundert, wieso es nicht schon früher zerbrochen ist.

Wagners Handlungskonstruktionen machen ein genaues Erzählkalkül notwendig. Nicht immer gelingt es ihm, der Gefahr auszuweichen, dass die Konstruktion allzu berechnend wirkt. So gelingt es ihm in der kurzen Erzählung In stillen Nächten zwar, ein Familientableau zu entwerfen, dass die Brüchigkeit der Verhältnisse spüren lässt. Aber von Beginn an ist klar, dass etwas Schreckliches passieren wird, was seine Ursachen in dieser äußerlich so intim scheinenden Familienbande hat. Aber solche kleinen Schwächen sind die Ausnahmen. Jedes Klagen über die Texte dieses Erzählbandes ist ein Klagen auf hohem Niveau. Ihnen ist zu wünschen, dass sie in der literarischen Öffentlichkeit die Aufmerksamkeit erhalten werden, die Wagner mit seinenJoentaa-Romanen erfreulicher Weise schon hat.


 

Jan Costin Wagner: Sonnenspiegelung. – Berlin: Verlag Galiani 2015 (18,99 €)

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