Was bleibt, was liegen blieb 2016 Erinnerungsbericht zu Bewahrtem, Liegengebliebenem und Weggelegtem

Liegengebliebenes 2016

Es ist immer wieder eine eigentümliche Mischung aus Neugier und aus Erstaunen, die mich befällt, wenn ich Rückblicke auf das Lesejahr 2016 lese. Da ist zunächst alle Jahre wieder die ebenso bewundernde wie zweifelnde Wahrnehmung, was da von Bloggern im Laufe des Jahres allein mengenmäßig weggelesen worden ist. Herr Booknerd hat dazu, während dieser Beitrag entsteht, auf Twitter eine durchaus spannende Frage gestellt. Zweifel an dem reinen Zahlenwerk, was da ab und an ausdrücklich genannt wird, sind allerdings nicht angebracht, auch nicht an dem, was man an Lesemenge implizit aus den verfolgten Blogbeiträgen erschließen kann, sondern Zweifel, zumindest ab und an, an der – ich nenne es einmal etwas akademisch – Verarbeitungstiefe der Lektüre. Ich komme auf unter 30 Bücher, über die ich im vergangenen Jahr geschrieben habe, und weiß, dass ich mich damit am oberen Limit bewegte dessen, was ich zu schreiben in der Lage war. Wenn andere das drei- bis vierfache aufweisen können – wow! Aber wie man das in seiner Freizeit realisiert, übersteigt dann doch mein Vorstellungsvermögen.

Schon aufgrund der geringen Zahl der Bücher, die auf meinen Blog Eingang gefunden haben, kann ich nicht behaupten, ich könne mit dem Anspruch auf gültige Aussagen festlegen, welche Bücher bleiben und welche dem Vergessen anheim fallen (dürfen). Offensichtlich interessante Romane habe ich (noch) gar nicht gelesen, ich denke da nur einmal an die der Buchpreiskandidaten und – preisträger Thomas Melle und Bodo Kirchhoff oder an Elena Ferrante. Aber was nicht ist … Doch wie könnte ich mich angesichts meines eingeschränkten Einblicks zu Urteilen aufschwingen! Ich lasse das lieber und beschränke mich auf ein paar Hinweise zu Büchern, von denen ich auch heute im Abstand sagen darf, dass sie mir nach wie vor präsent sind; präsent nicht nur aufgrund des Inhalts, an den man sich erinnern kann, sondern vor allem aufgrund des Umgangs mit einer Thematik, von dem ich nach wie vor merke, er beeinflusst meine Wahrnehmung, er wirkt auf mein Denken.

Was bleibt

Vier Bücher sind es, die in meinen Leseerinnerungen an 2016 über die anderen herausragen. Eigentlich müsste ich sogar sagen: drei plus ein Buch, denn dieses eine hat sich noch einmal ganz besonders im Gedächtnis verhakt. Aber der Reihe nach:

Nachdem mich die letzten Romane Christoph Heins nicht wirklich überzeugen konnten, mich der Band Vor der Zeit. Korrekturen aus 2014 mit seinen Mythenerzählungen regelrecht enttäuschte, hatte ich schon befürchtet, der Autor habe die Grenzen seiner literarischen Gestaltungskraft erreicht. Glückskind mit Vater zeigte, dass ich irrte. Hein gelang es, ein beeindruckendes Panorama zu entwerfen, das sich grob gesagt von der Endphase des Zweiten Weltkriegs bis in die Gegenwart erstreckt, und dabei eine Figur in dem Mittelpunkt zu rücken, die verdeutlicht, was Geschichte mit dem Einzelnen macht, auch dann, wenn er von den großen Menschheitskatastrophen wie Krieg oder Naturkatastrophen verschont geblieben ist. Erschreckend sind eben nicht nur solch katastrophische und radikale Lebenseinschnitte, sondern auch die Kontinuitäten, die Lebenslinien, die sich durchziehen und nicht wegradieren lassen. Derlei Thema ist nicht neu bei Hein, wird aber hier in einen Zusammenhang gebettet, dessen historische Gesättigtheit mich voll überzeugte.

Sander Kollaards Roman Stadium IV war etwas ganz anderes. Hier geht es um die große Zäsur, die Menschheitskatastrophe Tod, der man nicht entrinnen kann. Das Ehepaar Vervoort ereilt der Lungenkrebsbefund der Frau, gerade als man nach einem anstrengenden wie erfüllenden Erwerbsleben hofft, Zeit für sich zu finden. WIe jeder für sich und beide zusammen mit der Todesbotschaft umgehen und die ihnen verbleibende Zeit miteinander gestalten, hat mich sehr berührt und ausgesprochen bewegt.

WIe lange es her ist, weiß ich nicht mehr zu sagen, aber nachdem ich den Roman zum ersten Mal gelesen hatte, hielt ich ihn gleich für einen der zu Unrecht zukurzgekommenen Texte des Autors, zu Unrecht trotz der unbeschreiblichen Wucht, mit dem das Gesamtwerk einem entgegentritt. Und so ging es mir auch beim Wiederlesen. Ich bin froh, dass ich mein Leseprojekt Fontane lesen gerade mit dessen Roman Unwiederbringlich begonnen habe. Er erzählt, wie sich Menschen in ihre Lebensannahmen verstricken, sich in Illusionen verzetteln und verrennen und an der Weise, wie sie ihre Welt wahrnehmen, scheitern. Dieses Überzeitliche ist so fein eingebettet in einen historischen Zusammenhang, dass die Zeitläufte dem Leser vor Augen treten, ohne dass er fingerzeigend belehrt wird und ohne zu behaupten, die Figuren seien nur Geschöpfe ihrer Zeit. Eher ist es so: Wir Heutigen leben mit ihnen in Nachbarschaft.

Aber alles, alles überragt doch Henning Mankells Die schwedischen Gummistiefel. Hätte ich den Roman anders wahrgenommen, wäre nicht bekannt, dass der Autor ihn fertigstellte mit der Gewissheit des Tod bringenden Krebs im Nacken, buchstäblich im Nacken; wäre er nicht verstorben, bevor der Roman auf Deutsch erscheinen könnte; oder käme ich nicht selbst in die Jahre, in denen die Gedanken an die Lebenszeit nach der Erwerbsphase näher rücken, in denen das eigene Älterwerden nicht mehr weggeleugnet werden kann? Ich weiß es nicht, mag sein, vor allem aber: es ist mir egal. Faszinierend allein die Geschichte um diesen Frederik Welin, der sich in die Schärenwelt zurückzieht in dem ernsthaften Bemühen, mit sich und seinem Leben zurecht zu kommen. Das klingt nach wenig, ist sehr viel und vor allem schwierig. Der Lakonismus, mit dem Mankell uns an diesem Leben teilhaben lässt, ist ein Vermächtnis, das mich nicht loslässt. Mag sein, ich werde beim Sprechen über diesen Roman sentimental oder pathetisch. Aber auch das ist mir egal.

Was liegen blieb

Es blieb nicht nur im viel im Lesejahr 2016, es blieb auch das eine oder andere liegen. Damit meine ich nicht die Stapel ungelesener Bücher, ich meine vor allem die ungeschriebenen Artikel. Einen zumindest möchte ich nicht aus dem Gedächtnis verlieren. Es gibt dazu sogar schon ein Beitragsbild, und zwar eines aus der Zeit vor dem Theme-Wechsel, in dem immer noch der Esel auf dem Bild miterschien. Es geht, man sieht’s, um Siegfried Lenz’ ausgesprochen erfolgreichen Roman Der Überläufer, der 1951 entstand, dessen Veröffentlichung vom Verlag abgelehnt wurde, der im Nachlass des Autors aufgefunden worden war und Anfang 2016  erstmalig erschien. Über die Hintergründe der Nichtveröffentlichung gibt das Nachwort einige Auskunft, die Literaturkritik konnte weitere Zusammenhänge aufdecken; all das kann man nachlesen. Der Roman war ein riesiger Verkaufserfolg, stand insgesamt 29 Wochen auf der Spiegel-Bestsellerliste und führte sie sogar 5 Wochen lang an.

Und hier genau setzte mein Erstaunen und mein Interesse an. Denn ich konnte mir diesen Erfolg nicht so recht erklären. Ich habe den Roman um den Gefreiten Walter Proska mit Interesse gelesen, sein Ringen ums eigene physische wie moralische Überleben in einem verlorenen Vorposten, irgendwo in ukrainischen oder weißrussischen Sümpfen im letzten Kriegssjahr 1944. Man kann ohne Zweifel auch in diesem Roman vieles vom Erzähler Lenz entdecken, das ihn schätzenswert macht. Aber das erklärte mir nicht die große Resonanz auf den Roman, ebensowenig Lenz’ nach wie vor große Popularität, das öffentliche Interesse am Nachlass eines renommierten und verdienten Autors, der unlängst erst, im Oktober 2014, verstorben war. Das allein konnte es doch nicht sein!

Zugleich glaubte ich etwas anderes wahrzunehmen. Worauf der Titel des Romans anspielt, ist weithin bekannt. Er weist auf den Umstand, dass dieser Walter Proska schließlich zum ‘Feind’ übergelaufen ist, sich der Roten Armee angeschlossen hat und auf deren Seite gegen die deutsche Wehrmacht und die Nationalsozialisten, der sogenannten “Klicke”, kämpft. Genau genommen aber erzählt der Roman ein zweifaches Überlaufen, das in der Rezeption auffallender Weise aber kaum erwähnt wird. Denn Proska wird nach Kriegsende in der SBZ als Bürgermeister eingesetzt, gerät zunehmend unter politischen Druck und kann sich der Verhaftung am Ende nur entziehen, indem er sich in den Westen absetzt. Er wechselt zum zweiten Mal die Seiten – und steht damit moralisch immer auf der richtigen. Er erweist sich als Deutscher wie die Deutschen den Deutschen mögen. Und dieser Umstand, so schien mir, so scheint mir immer noch, passt in die politische und gesellschaftliche Diskurslandschaft des Jahres 2016, so unbehaglich es mir dabei wird, so wenig – auch das möchte ich betonen –  Lenz’ Roman auch dafür kann.

Das waren, das sind Hypothesen. Doch wie absichern? Was wäre, wenn sich nachweisen ließe, dass der große Verkaufserfolg in dieser so deutlichen Ausprägung ein singuläres Phänomen sei? Damit war, ohne es zu ahnen, die Sackgasse vorbereitet. Lenz’ wunderbare Novelle Schweigeminute (2008) war 45 Wochen auf der Spiegel-Bestsellerliste, davon allein 26 Wochen unter den ersten 10, wenn auch niemals auf Platz 1. Sein Roman Fundbüro (2003) taucht 32 Wochen lang auf der Beststellerliste auf, davon 7 mal unter den ersten 10, auch niemals auf Platz 1. Selbst die Erzähltextsammlung Die Maske (2011) weist 13 Einträge aus, obwohl bekanntermaßen solche Sammlungen in der Regel weit weniger Aufmerksamkeit bekommen als das Romangenre. Viel mehr als meine Vermutung scheint sich zu bestätigen, dass Lenz ein ebenso großes wie treues Lesepublikum hat. Es sei ihm zu gönnen.

Doch langer Rede kurzer Sinn: Mein Argumentationsansatz trug nicht, er war nicht belastbar. Und ich steckte fest! Bis heute hat sich daran nichts geändert. Ein geplanter Beitrag blieb stecken und wird jetzt auch zu den Akten gelegt. Sollte jemandem eine Idee zu dieser Frage einfallen, dann würde ich mich über Anregungen freuen. Doch vorerst ist erst einmal Schluss mit dem Überläufer.

Weggelegtes

In einer ganzen Reihe von Blogbeiträgen, die das vergangene Lesejahr 2016 Revue passieren lassen, wird der Ertrag und die Gesamtqualität dessen, was da gelesen wurde, eher zurückhaltend, wenn nicht skeptisch betrachtet. Da war, so gewinnt man den Eindruck, doch der eine oder andere Fehlgriff zuviel dabei. Wenn dem so ist, dann habe ich im vergangenen Jahr wirklich Glück gehabt, vielleicht auch nur deshalb weil ich nicht so viel gelesen habe wie andere. Aber ich habe tatsächlich nur dreimal die Lektüre abgebrochen und das Buch beiseite gelegt.

Bleiben wir in der Chronologie und erinnern zugleich an den größten Reinfall in 2016. Andere kennen das wahrscheinlich auch: Lust, wieder einen Krimi zu lesen, es darf auch “etwas Leichteres” sein, vielleicht Regionalkrimi aus einer Region, die man kennt, ruhig auch etwas aus einer Krimiserie, man muss ja nicht mit dem ersten Roman anfangen. Was zu passen schien, war der “10. Fall von Ann Kathrin Klaasen”, ein Krimi also von Klaus-Peter Wolf: Ostfriesenschwur. Ich habe relativ lange durchgehalten, über 80 Seiten lang, wahrscheinlich weil ich die Gegend rund um Emden und Aurich so sehr mag. Aber schließlich habe ich es nicht mehr ertragen. Was ich las waren stereotype Figurenzeichnungen, hölzerne DIaloge, ein enervierend behäbiger Handlungsverlauf, kurz: Es war grottenlangweilig. Auf absehbare Zeit hat mich der ostfriesische  Regionalkrimi als Leser verloren. Ein Glück, dass nicht lange danach der neue Roman von Friedrich Ani auf den Tisch kam.

Für den Urlaub hatte ich mir als erste Lektüre Michael Schneiders Roman Das zweite Leben zurechtgelegt. Ein Kulturwissenschaftler hat sich nach einer Art Burnout in eine Rehaklinik zurückgezogen, auch um über den Tod seiner Frau hinwegzukommen. Dort lernt er nicht nur andere Burnout-Schicksale kennen, die durchaus das Zeug haben, ein Ursachenpanorama unserer gehetzten Zeitläufte zu entfalten, er lernt auch eine neue Frau kennen. Nur: bevor sich diese Motive entfalten konnten, war ich eigentlich schon raus dem Roman. Das überzogen verklärte und verklärende, vor keiner Idealisierung Halt machende Bild, das die Hauptfigur von seiner verstorbenen Frau entwirft, ist nicht nur therapierbedürftig, nein, es hat mich so genervt, dass ich nach rund 50, 60 Seiten ausgestiegen bin.

Viel weiter, tatsächlich fast bis zum Ende kam ich mit Björn Bickers Projekttext Was glaubt ihr denn. Urban Prayers, in dem der Autor sich mit den religiösen Räumen unserer Zeit auseinandersetzt, einer Zeit, die doch augenscheinlich durch ihren Laizismus geprägt scheint. Bicker lässt in sieben (eine Zahl, die in diesem Zusammenhang wohl auch nicht von ungefähr kommt) Konstellationen einen “Chor der gläubigen Bürger” zu Wort kommen, dessen Stimmen sich ergänzen, korrigieren, gegenseitig ins Wort fallen bis nicht mehr zu unterscheiden ist, aus welcher religiösen Glaubenshaltung gesprochen wird. Orchestriert werden diese Stimmencollagen von wohl offensichtlich authentischen Erzählungen fünf unterschiedlicher Personen, die über den Einfluss des Religiösen auf ihren Lebensalltag Auskunft geben. Und schließlich dokumentieren ausdrucksstarke Fotografien von Andrea Huber Gebetsstätten in München in einer Weise, die eine weitere Kommentarebene hervortreten lässt. Das ist beeindruckend, es ist ein schön gemachtes Buch. Nur irgendwann verschleißt sich die Dramaturgie des Chores der gläubigen Bürger. Die Intention ist schließlich klar, sie weiter zu besprechen, zu be-sprechen im wahrsten Sinne des Wortes, ermüdend. Dann war es genug.

Bilanz und Ausblick

Kein schlechtes Lesejahr 2016; einmal mehr wurde deutlich, wie wichtig die Lektüren sind, um mit dem Lebensjahr umzugehen. Lesejahr und Lebensjahr, das hatte was Symbiotisches, das wird sich nicht ändern. Vorsätze, Projekte? Nichts, was nicht schon angefangen wurde. Fontane lesen gilt es weiterzubringen. Ein Vorsatz aber ist fest im Blick: sich dem Neuerscheinungshype zu den Buchmessen zu entziehen. Ich fürchte, der unbeabsichtigte, wie im Sog vollzogene und gleichzeitig zum Unerfüllbaren verurteilte Reflex, dem beizukommen, hat im letzten Jahr den Blick für das eine oder andere nicht mehr ermöglicht. Schade drum.

Ich wünsche allen, die dankenswerter Weise meinem Blog folgen, ein symbiotisches Leselebensjahr 2017!


Der Vollständigkeit halber:

Björn Bicker: Was glaubt ihr denn. Urban Prayers. Bilder von Andera Huber. – München: Verlag Antje Kunstmann 2016 (24,95€)

Michael Schneider: Ein zweiten Leben. Roman. – Köln: Kiepenheuer & Witsch 2016 (24,90€)

Klaus-Peter Wolf: Ostfriesenschwur. Der zehnte Fall für Ann Kathrin Klaasen. – Frankfurt/M.: Fischer Taschenbuchverlag 2016 (9,99€)

Bildquelle: https://pixabay.com/de/schreibmaschine-buch-notebook-801921/

3 Kommentare

  1. Lieber Peter,
    ich wollte mich zu Ihrem Beitrag über Siegfried Lenz “Der Ueberläufer” äussern. Zunächst einmal Ihre Verwunderung über den Erfolg des Buches abhaken. In der Tat ist das Buch auch meiner Meinung nach – sagen wir handwerklich nicht überragend. Manchmal habe ich das Gefühl, das Buch war noch nicht fertig und hätte hier und da etwas abspecken können, dann habe ich wieder das Gefühl, alles es so wie es sein sollte und der Plot ist einfach zu zäh man “versumpft” im wahrsten Sinne. Doch dann wiederum bin ich etwas überrascht, das in der Rezeption (vor allem auf Grund der Entstehungsgeschichte und des Motives von Dr. Görner, das Buch nicht veröffentlichen zu wollen, da SS Vergangenheit) das Buch so oberflächlich gelesen wird. Siegfried Lenz ist dafür bekannt, mehrer Ebenen miteinander zu verknüpfen. Weiter ist der Titel seiner Romane immer auch ein Hinweis darauf, das es mehrere Deutungs-Möglichkeiten gibt. Vor allem aber legte Lenz immer wert darauf, die sogenannte “Wahrheit” seiner Geschichte dadurch in Frage zu stellen, da die Zeitlichkeit des Erinnerns und die Wahrnehmung der “Ich-Erzähler” (Proska sehe ich als solchen, auch wenn entsprechende Pronomen (noch) nicht verwendet wurden) immer verzerrt und verwässert sind. So auch wird es im Buch angedeutet, wenn Poppek und Zacharias das Spiegelbild des anderen im Fluss betrachten.
    Die Initialzündung der Erzählungen sind immer Akte einer bestimmten Wahrnehmung. Das Schreiben des Aufsatzes in der “Deutschstunde” ist wohl das beste Beispiel, da die Geschichte beim Schreiben neu erschaffen wird und der Leser sich sicher sein kann, das die “Wahrheit” und die Fakten der Fiktion nicht deckungsgleich sein können. Bei der “Schweigeminute ist es ähnlich. Und fast immer geht es, wie bei Lenz selbst, um die Auseinandersetzung der eigenen Vergangenheit.
    Warum wird dies beim Ueberläufer nicht berücksichtigt? Der Ueberläufer muss nicht nur auf das Desertieren Bezug nehmen. Pubertierende Wildschweine zum Beispiel werden auch als Ueberläufer bezeichnet und werden, damit das ökologische Gleichgewicht nicht leidet, alle zwei Jahre massenhaft geschossen. Poppek, der die Bäume zerstört – Angeln, die Ratte erschiessen, Proskas “mir brauchen sie nur noch den Fangschuss geben”, die Symbolischen Vergleiche zu Tieren wie Aboneit, der wie ein Reh schaut, der Oberschlesier, der selber wie ein echt aussieht usw.
    Mythologische Anspielungen wie Wanda, die sich in der Weichsel stürzt, Wodan, Willy und Ve (Loki), das Milchbrötchen, das doch seh an den Belzebub und Verführer erinnert, die Mongolenanspielungen und der Totenkult, der übrigens zur Sonnenwende etwas mit den sogenannten Hungergeistern zu tun hat, die, um sie zufrieden zu stellen nur Narung geben kann, indem man Flüssigkeit in ein Gefäss zum überlaufen bringt … dies alles ist erst die Spitze des Eisbergs. Die Frage, ob Proska nicht stirbt und einen Fiebertraum hat (sein Greifen ins leere, der ständige Trigeminusschmerz – es nimmt kaum ein Ende.
    Ich habe das Buch nun schon sechs mal gelesen und muss sagen, das ich weniger das Gefühl habe, einen Kriegsroman zu lesen als viel mehr eine Art Kreuzworträtsel oder Detektivgeschichte, wobei man selbst der Detektiv als Leser mimt. Auch das passt zu Siegfried Lenz`s sogenannte Vorliebe, eine Art Komplizenschaft zwischen Leser und Story zu erzeugen. Auch nicht vergessen darf man Siegfried Lenz polnische Indentität unabhängig von historischer Korektheit, wann denn Ostpreussen zu welcher Nation gehört. Meine Eltern sind Oberschlesier und daher bin ich mir sehr darüber im Klaren, das in den polnischen Gebieten die slawisch-germanischen Mythen und Märchen eine grössere Rolle spielen als wir es hier und heute in Deutschland kennen.
    Ich habe unzählige Rezeptionen gelesen und noch nirgends etwas darüber gelesen, welche Ebenen beim Ueberläufer sonst noch eine Rolle spielen.
    Letztlich gibt Lenz sehr sporadische Hinweise, die ich am Anfang als Unzulänglichkeit abgetan habe, da ich mich nur über die ober-schlesische Mundart im Buch erfreute, wo ich dies so selten zu Gesicht bekomme. Kurt Rogalski wurde einmal von Proska gezielt getroffen und einmal wird gegen Ende gesagt, das er ihm in den Lauf gesprungen ist, was mehrere bezeugen konnten. Eine der beiden Behauptungen sind also falsch. Und von wegen Seiten wechseln. Bis auf Swedlow habe ich nicht im Buch feststellen können, das Proska mit Polen oder Russen kämpft. Sowohl der Offizier als auch der Schwabe sind Deutsche, mit denen er umherzieht in der Ostfront. Warum? “Wer wird schiessen” fragt der sterbende Soldat. Und genau das ist die Frage.

    Falls Interesse besteht, weiter zu philosophieren, bin ich gerne bereit dazu. Am 23.01. werde ich übrigens eine inoffizielle Fassung auf der Bühne in einer Schauspielschule der Schweiz aufführen.

    Liebe Grüsse,

    Michael

    • Peter Peters

      Danke für die ausführliche Stellngnahme zum “Überläufer”. Ich bin beeindruckt von der Vielzahl entdeckter Anspielungen und Zusammenhänge.
      Meine Frage nach dem Erfolg richtet sich aber weniger an die produktionsästhetische Ebene des Romans als vielmehr an eine diskursive Praxis, in die der Roman bei seinem Erscheinen 2106 eingebettet ist. Eine Frage, die wohl derzeit offen bleiben wird. Sei’s drum.
      Viele Grüße nach Zürich
      Peter

  2. Obwohl Henning Mankell als Autor nicht mag, habe ich schon viel von dem Buch den schwedischen Gummistiefel. Wenn es wirklich ist das es einen berührend ist, lese ich vielleicht doch.

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