Burkhard Spinnen: Die letzte Fassade Wie meine Mutter dement wurde

Vorsicht, persönliche Betroffenheit!

Einzelne Texte von Burkhard Spinnen kannte ich sicherlich, auch wenn mir spontan kein Titel einfällt. Aber ich habe zuvor nie ein Buch von ihm gelesen. Das spricht nicht gegen den Autor, das bezeugt nur meine selektive Wahrnehmung. Dann hörte ich Ende letzten/Anfang diesen Jahres einen Podcast der Sendereihe Deutschlandradio Kulturfragen, in dem Spinnen zum Thema Sterbehilfe interviewt wurde. Was macht ihn, so fragte ich mich, zu einem Mann, der zu diesem Thema profund Auskunft geben kann? Die Antwort war schnell gegeben: Die persönliche Erfahrung mit der Demenz seiner Mutter hat ihn geradezu gezwungen, sich mit dem Thema intensiv und unter verändertem Blickwinkel auseinanderzusetzen. In diesem Gespräch wurde zugleich auf sein neues, im Februar erscheinendes Buch hingewiesen. in dem er seine Erfahrungen mit der Demenz seiner Mutter verarbeitet. Aus eigener Betroffenheit heraus wurde ich hellhörig und wusste, dass ich dieses Buch lesen wollte. Und so kam ich zu meinem ersten Buch von Burkhard Spinnen.

Beim Lesen ist es mir nicht gelungen, die eigenen Erfahrungen klein zu dimmen. Das zunächst unbewusste, im Laufe der Lektüre aber immer deutlicher zutage tretende Bedürfnis, das Erzählte unvermittelter als vielleicht sonst beim Lesen üblich auf Analogien und auf Differenzen zur eigenen Erfahrung hin zu befragen, habe ich nicht ablegen können. Vielleicht auch deshalb nicht, weil neben der mütterlichen Demenzgeschichte auch immer die gemeinsame Generationserfahrung zwischen mir und dem nur fünf Jahre älteren Autor spürbar war. Gleichwohl: Was Spinnen erzählt, ist …

… die Demenz seiner Mutter

Die einleitenden Hinweise zu der angesprochenen Radiosendungen würden missverstanden, hegten sie die Erwartung, Burkhard Spinnen würde die Demenzgeschichte unter den Auspizien einer Sterbehilfediskussion erzählen. Ein solcher thematischer Zusammenhang wird überhaupt nicht hergestellt. Es sind im wesentlichen zwei Apekte, die der Autor in den Vordergrund rückt. Das ist zum einen die Krankheit selbst und das, was sie aus seiner Mutter macht; und das ist zum anderen das, was aus der Erkrankung folgt, insbesondere was es für das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn bzw. etwas allgemeiner zwischen den an Demenz erkrankten Eltern und ihren Kindern bedeutet.

Das Buch beginnt mit einem Brief an die Mutter, die ihn nicht mehr wird lesen können. Darin rechtfertigt sich Spinnen, dass er sie überhaupt zum Gegenstand eines Buches macht. Zugleich legt er dar, warum es ihm weder gelingt, die Erkrankung der Mutter literarisch zu verarbeiten, noch möglich ist, sich in die lange Reihe der Ratgeberliteratur einzureihen. Der Grund dafür liegt im Monströsen, das er an dieser Krankheit wahrnimmt.

Nach meiner Erfahrung wächst immer weiter ins Ungeheure und ins Schwarze, was man klein und schön zu reden versucht. Und gerade die Demenz mit allen ihren Folgen beim richtigen Namen zu nennen, scheint mir äußerst wichtig. Diese Krankheit ist heute, was früher die Pest war, eine Geißel der Menschheit, gegen die es bislang keine Medikamente und Therapien gibt. Jahr für Jahr arbeitet sie sich weiter vorwärts in unsere alternde Gesellschaft, droht sie immer mehr Menschen und ihren Angehörigen. Da kann es einstweilen wenigstens helfen, die richtigen Worte zu finden. […]
Deshalb, liebe Mama, dieses Buch.

Schaut man auf das Inhaltsverzeichnis des Buches, so sieht man schnell, dass Spinnen Kapitelbezeichnungen wählt, die die Entwicklung der Demenz schlagwortartig beleuchten und zugleich einen durchaus typischen Werdegang der Krankheit verdeutlichen. Der ist, und dessen ist sich der Autor vollkommen bewusst, nicht ungewöhnlich. Er schildert die ersten Verwirrtheiten der Mutter, von denen der Außenstehende annehmen darf, dass sie auf eine einfache altersspezifische Vergesslichkeit nicht mehr so ohne weiteres zurück zu führen sind, die Versuche der Mutter, die wachsende Hilflosigkeit durch allerlei Anstrengungen zu kaschieren, den endgültigen Zusammenbruch und letztlich den Verlust jedweder Autonomie. Sensibel wahrgenommen, sorgfältig beobachtet, aber alles nicht außergewöhnlich. Man mag ergänzen: leider nicht außergewöhnlich. Denn das Gewöhnliche ist das Grauen.

Die Demenz und der Sohn

Der Reiz der Lektüre liegt aber darin, dass Burkhard Spinnen sein eigenes Verhältnis zu der Erkrankung seiner Mutter immer sogleich mitdenkt. Sein eigenes Leben war lange Zeit geprägt von dem, was er als “Stillstellung der Beziehung zwischen meinen Eltern und mir” und als “Einfrieren des Kinder- wie des Elternbildes” bezeichnet. Damit beschreibt er den Verlust an Nähe, der einhergeht mit dem Umstand, dass das Kind in jungen Jahren das Elternhaus verlässt und seiner eigenen Wege in räumlicher wie auch in der Folge emotionaler Distanz geht. Diese Distanz, in der man sich auf beiden Seiten eingerichtet hat, geht durch die Krankheit verloren und zwingt zu einer gewöhnungsbedürftigen Nähe. Sie ist alternativlos, wenn man wie Spinnen Einzelkind ist und sich trotz aller Ferne mit der Mutter verbunden fühlt. Er beschreibt den zugleich damit einhergehenden Rollenwechsel, nicht mehr nur Sohn und damit Kind, sondern zugleich Verantwortlicher zu sein für einen in besonderem Maße hilfsbedürftigen Menschen. Die Rollen verschieben sich also in zentralen Aspekten. Aber das ist nicht alles:

Und dann gibt es noch einen Punkt auf der Liste der Erschwernisse im Verhältnis zwischen demenzkranken Eltern und ihren Kindern, den auch wir abarbeiten mussten. Es ist ein besonders heikler Punkt: Menschen, deren Eltern dement und pflegebedürftig werden, stehen in der Regel selbst bereits an der Schwelle zum Alter. Ihre eigenen Kinder verlassen vielleicht gerade das Haus, sie selbst ringen um ein neues Lebenskonzept für die kommenden Jahre; und ausgerechnet jetzt stoßen der Vater a.D. und die pensionierte Mutter wieder zur Familie. Sie tun das als uneinsichtige oder sogar aufsässige Schutzbefohlene. Überdies tun sie es als dauernd präsente Anschauungsobjekte dafür, wie ein spätes Stadium des Alters aussehen könnte. Da sieht man selbst gerade die Sechzig am Horizont aufscheinen; Pensionierung und Ruhestand, über Jahrzehnte nichts als abstrakte Begriffe, werden zu gefährlich konkreten Daten. Und ausgerechnet in dieser Situation soll man sich nun mit dem Altern und Sterben der Eltern befassen. Etwas lässig gesagt: Das passt nun gar nicht!

Es sind Passagen wie diese, die das Buch stark machen. Erst recht wenn es gelingt, diese verallgemeinernden Einsichten durch die Schilderung konkreter Erfahrungen und Erlebnisse zu bebildern. Deshalb ist Burkhard Spinnens Buch ein uneingeschränkt lesenswerter autobiographischer Essay, der die Zumutungen und Zurichtungen, die eine Demenz bewirkt, kenntlich macht. Bei den Alten, die als Person immer mehr verschwinden, aber als Mensch bleiben, wie auch bei denen, die sich ihnen zuwenden.


Burkhard Spinnen:  Die letzte Fassade. Wie meine Mutter dement wurde. – Freiburg im Breisgau: Verlag Herder 2016 (19,99 €)

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