Juli Zeh: Unterleuten

Zeh, Unterleuten

Im Regelfall bin ich nicht verlegen, eine eindeutige Gefallensäußerung oder ein Urteil über einen literarischen Text zu formulieren. Bei Juli Zehs Unterleuten tue ich mich aber, das muss ich gestehen, schwer. Ob dieses Zögern auch etwas mit dem Umstand zu tun hat, dass ich vier Wochen benötigte, um den Roman zu Ende zu lesen? Es hatte sich leider aus vielerlei Gründen nicht anders einrichten lassen. Vor allem der Brotberuf forderte gerade jetzt viel Zeit und Aufmerksamkeit. Dabei war es nie …

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Hans-Ulrich Treichel: Tagesanbruch

Treichel, Tagesanbruch

Die Pietà ist in der christlichen Bildkunst das Sujet, das am intensivsten den Schmerz und die Trauer der Mutter verkörpert, die ihr verstorbenes Kind beweint. Bis in mittelalterliche Vesperbilder zurückreichend ist der Aufbau der Bilder und Skulpturen nahezu identisch. Der verstorbene, gerade von Kreuz genommene Christus wird in den Schoß der Mutter gelegt oder liegt dort schon. Die bekannteste Pietà ist vielleicht die sogenannte „römische“ des Michelangelo, die um 1500 herum entstand. Sie reduziert das Geschehen auf die unmittelbare und …

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Warum ich lese

lesen literatur

Im Mai veröffentlichte Sandro Abbate auf seinem Blog novelero einen sehr persönlichen Artikel, in dem er der Frage nachging, warum er liest. Dieser Beitrag erfuhr unter Buch- und Literaturbloggern eine große Resonanz. In deren Folge wurden eine Vielzahl von Beiträgen veröffentlicht, in der sich die Autoren mit ihrer eigenen Lesebiographie beschäftigten. Entstanden sind ganz unterschiedliche Perspektiven auf die Bedeutung des Lesens, die sich, so verschieden sie mit der Frage „Warum lese ich?“ umgingen, in einem Punkt zusammenlaufen: ihrer Liebe zur …

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Sander Kollaard: Stadium IV

S. Kollaard, Stadium IV

Nicht umsonst prägen die Farben Blau und Gelb, die Nationalfarben Schwedens, den Umschlag. Es zeigt ein Rapsfeld in voller Blüte. Die Kameraperspektive suggeriert dem Betrachter einen harten Übergang zwischen Land und Wasser, genauer und wenn man weiß, dass das Motiv auf Öland fotografiert wurde, zwischen Küste und Meer. Schweden, Öland – das ist der Sehnsuchtsraum für das Ehepaar Sarie und Barend Vervoort. Dorthin kehren sie zurück und erinnern sich an die Ursprünge ihrer Liebe, sie vergewissern sich ihrer Liebe noch …

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Jürgen Becker: Jetzt die Gegend damals

Jürgen Becker Gegend

Der Titel ist Programm: Jetzt die Gegend damals. Jürgen Becker beweist in seinem letztes Jahr im August erschienenen Roman ein ausgesprochen sensibles Auge für die „Gegend“. Gegend ist all das, was ihn umgibt, vor allem aber Landschaften, Siedlungsformationen am Rande der Stadt und auf dem Land und natürlich die Menschen und Tiere, die sich in diesen Räumen bewegen. Zugleich aber weiß dieses Auge auch immer um das Gewachsensein dieser Räume, um ihre Veränderungen und um das Hineinragen von Geschichte. Das …

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Michael Köhlmeier: Das Mädchen mit dem Fingerhut

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Erst am Ende gibt Michael Köhlmeier die bis dahin weitgehend durchgehaltene Erzählperspektive auf, wird auktorial und appelliert an den Leser: Wenn es wahr ist, dass an Gottes rechter Seite sein Liebling steht, bei allem, was er tut, was er pflanzt und segnet, wenn das wahr ist, so hör die Schritte, die kleinen, die großen, das Trippeln und das Stampfen! Warte, bis sich deine Augen an die Dunkelheit gewöhnen! Und nun? Kannst du sie sehen? Kannst du sie beide sehen? Derjenige, …

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Hans Platzgumer: Am Rand

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HITOTSU – das ist das erste Wort der fünf Grundregeln des Karate. In diesen sogenannten Dōjōkuns verbirgt sich fast die gesamte Ethik des ostasiatischen Kampfsports; sie betonen gerade nicht das Kämpferische, sondern Respekt, Disziplin und Charakterstärke. HITOTSU bedeutet in diesem Zusammenhang so viel wie „erstens“ und signalisiert, dass alles gleich wichtig ist. HITOTSU – so beginnt dann auch jedes Kapitel des Romans Am Rand; dessen Bedeutung erschließt sich in Laufe der Handlung. HITOTSU – das gleich Wichtige wird aber nicht …

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Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit

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Es ist bekannt, vielleicht; es bewegt, zumeist: Mondnacht Es war, als hätt‘ der Himmel Die Erde still geküsst, Daß sie im Blüten-Schimmer Von ihm nun träumen müßt‘. Die Luft ging durch die Felder, Die Ähren wogten sacht, Es rauschten leis die Wälder, So sternklar war die Nacht. Und meine Seele spannte Weit ihre Flügel aus, Flog durch die stillen Lande, Als flöge sie nach Haus. Und was hat das Eichendorff-Gedicht mit dem Roman zu tun? Ich schloss die Augen. Es …

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