Christoph Hein: Gegenlauschangriff

Ob die Sammlung von insgesamt 28 kurzen Texten, die unter der Gattungsbezeichnung „Anekdoten“ zusammengestellt wurden, tatsächlich Christophs Heins „persönlichstes Buch“ sind, wie der Ankündigungstext auf dem Deckelrücken behauptet, sei einmal dahingestellt. Sein autobiographischstes Buch – man möge nachsichtig umgehen mit diesem sprachlich schrägen Superlativ – ist es allemal. Hein hat zwar schon immer bereitwillig Auskunft gegeben über seine eigene Lebensgeschichte und den darin eingebetteten Ereignissen und Erfahrungen. Das tat er aber zumeist in Interviewform und verstreut. Viel Aufhebens hat er letztlich darum aber nie gemacht. Wer aber sein Werk kennt, insbesondere seine Romane, weiß, dass davon viel in seine Figuren und deren Geschichten eingeflossen ist. Lebenserfahrung wurde und wird bei ihm zu fiktionaler Literatur. Mit Gegenlauschangriff ändert sich das ein wenig.

Dieser ganz offensichtlich anlässlich seines 75. Geburtstag zustande gekommene Band mit Texten erzählt in gekonnt gesetzten Blitzlichtern von tatsächlichen Ereignissen und Zusammenhängen aus Heins Leben. Wenn darin von einem „Ich“ die Rede ist, ist unmissverständlich immer der Autor selbst gemeint. Die Texte „Anekdoten“ zu nennen … nun ja. Die Reminiszenz an Kleists „Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege“ von 1810 ist augenscheinlich, vielleicht etwas zu augenscheinlich, aber sie erfolgt sicherlich mit Bedacht. Die typischen Merkmale einer Anekdote als Genrebezeichnung einer bestimmten Form von Kurzprosatexten weisen allerdings bei weitem nicht alle der hier abgedruckten Texte aus. Umso mehr lohnt es aber vielleicht, an den Inhalt der Kleistschen Anekdote zu erinnern, um die Perspektive Heins auf zeitgeschichtliche und zeitgenössische Zusammenhänge deutlich zu machen.

In der „Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege“ erzählt ein Gastwirt aus einem Dorf in der Nähe von Jena von einer Begegnung mit einem offensichtlich versprengten Soldaten aus dem Korps des Prinzen von Hohenlohe, das von den Napoleonischem Armee in der Schlacht um Jena im Oktober 1806 längst aufgerieben war. Obwohl das Dorf von Soldaten des französischen Kaisers in der irrigen Annahme umzingelt wurde, dort hielten sich noch versprengte preußische Truppenteile auf, taucht dieser Soldat vor der Dorfschenke auf, verlangt dreimal hintereinander in offensichtlicher Seelenruhe einen Schnaps, um damit seinen Durst zu stillen, und zündet sich schließlich sogar noch völlig entspannt eine Pfeife an. Immer drängender werdende Bitten des Gastwirts, doch endlich zu verschwinden und damit nicht nur sein eigenes Leben zu retten, sondern auch den Wirt selbst und die übrigen Dorfbewohner nicht zu gefährden, ignoriert er. Als schließlich drei berittene Soldaten vor dem Tor erscheinen, greift der Preuße, das Überraschungsmoment nutzend, sie tollkühn an, haut sie aus den Satteln, schnappt sich die Pferde und sprengt davon. Dem Gastwirt wiederum ist als Augenzeuge und Erzähler der Vorkommnisse nachdrücklich daran gelegen zu verdeutlichen, wie sehr ihn diese Aktion beeindruckt hat. Hätten, so meint er gleich zu Beginn wie am Ende seiner Rede erneut, alle preußischen Soldaten so gekämpft wie dieser eine Hasardeur, so hätten die Franzosen besiegt werden können.

Anekdoten aus dem letzten deutsch-deutschen Kriege, Heins so deutliche Anlehnung an das Kleistsche Vorbild provoziert geradezu eine Analogiebildung, und das eben nicht in erster Linie in gattungstypologischen, sondern in inhaltlichen Zusammenhängen. Dabei treten mehrere Denkfiguren zutage, die auf die Texte Heins interessante Sichtweisen eröffnen. Konstitutiv für das literarische Vorbild aus dem Jahr 1810 ist die Figur der (militärischen) Übermacht, die die erzählte Situation erst hervorbringt. Ironisch gebrochen wird sie dadurch, dass sie eine Belagerungssituation an einem Ort entstehen lässt, an dem es bei genauer Betrachtung nichts mehr zu belagern gibt; der geschlagene Feind ist längst paralysiert. Dieser Figur der Übermacht steht die des Muts, ja der Tollkühnheit entgegen, die, engagiert und richtig gewendet, den Feind sogar hätte besiegen können. Man könnte den Gedanken sogar noch weitertreiben und sich in biographischen Zusammenhängen an Kleists antifranzösische, eigentlich antinapoleonische Erzählimpulse erinnern. Die tauchen bei Hein im Untertitel vergleichbar wieder auf, auch wenn der Widersacher ein anderer ist. Aber auf diesem Zusammenhang hinzuweisen, ist nicht einmal nötig, um den Eindruck zu bekräftigen. Es sind diese Denkfiguren, die aufgrund der aufdringlichen Reminiszenz ans literarische Vorbild Heins Buch ideologisch angreifbar machen und, bei allem konkret sich einstellenden Vergnügen bei der Lektüre, auch in nicht wenigen Teilen problematisch erscheinen lassen.

Die Formulierung vom „deutsch-deutschen Krieg“ taucht in einigen der Anekdoten auf: „Nach Moskau, nach Moskau!“, „Leere Schubladen“, „Die allerletzte Schlacht des Krieges“. In den beiden erstgenannten Texten erfährt diese Formulierung eine einschränkende Konkretisierung durch den jeweiligen Hinweis, dass dieser Krieg als ein „kalter“ geführt worden sei. Mag sein, dass die Beifügung „kalt“ die Ironie der Formulierung stark machen soll, bei Lichte besehen aber ist sie – Quatsch. Wie moralisch fragwürdig, machtpolitisch zweifelhaft und angesichts der Übermacht der gegeneinander agierenden Großmächte USA und UdSSR hilflos die deutsch-deutschen Politikbemühungen auch zu sein schienen, mit „Krieg“ sind sie nicht angemessen zu fassen. Die Zuschreibung wird zudem nicht richtiger, wenn sie durch Wortfelder des ‚heißen‘ Krieges aufgewertet werden. Mehrfach spricht Hein von letzten „Schlachten“, von „Kampftruppen“, „Frontlinien“ und schließlich, als Sieger und Besiegte festzustehen scheinen, von „Reparationszahlungen“. Wenn es Hein in seinen gelungenen Romanen – und davon gibt es einige – auszeichnet, dass gerade im chronikalen Erzählen eine Wahrhaftigkeit eindringlich aufscheint, die der historischen Dokumentation kaum gelingen mag, so muss man hier konstatieren, dass eben diese Wahrhaftigkeit in Schieflage gerät.

An ihre Stelle tritt beharrlich die Opferrolle, die moralische Selbstgewissheit, immer auf der richtigen Seite gewesen zu sein, und die Neigung, das politische und moralische Versagen der DDR zu relativieren. Freilich, Hein erzählt in seinen „Anekdoten“ von Machtmissbrauch, von Unterdrückung, Lüge und Zensur in der DDR. Er gibt lesenswerte Einblicke in eine Schriftstellerexistenz, die sich eben deutlich anders gestaltete als in der Bundesrepublik. Aber in ihrer übergeordneten Rahmung durch die vermeintliche Omnipräsenz einer Sieger-Verlierer-Situation wirken die Geschichten aus dem Innenleben der DDR auf eine merkwürdige und beklemmende Art verharmlosend. Diese Wirkung drängt sich umso mehr auf, je deutlicher wird, dass sich die erzählerisch herausgearbeiteten Machtstrukturen nach der Wiedervereinigung scheinbar nahtlos und systemunabhängig fortzusetzen scheinen.

Am deutlichsten wird das vielleicht am längsten der Texte mit dem Titel „Der Neger“, in dem Hein die Intrigen um die Besetzung der Intendantenstelle am Deutschen Theater aufarbeitet. Ohne Zweifel eine üble Schmierenkomödie, aber eben dennoch anders als staatliche Zensur, Berufsverbot oder rassistische Ausgrenzung. Es stellt sich ein schaler Beigeschmack ein, wenn der Eindruck entsteht, hier würde über ironische Anspielungen oder erzähldramaturgische Zuspitzungen systematisches Unrecht und strukturelle Unrechtmäßigkeiten auf eine Ebene gebracht.

In seinen Romanen zeigt Christoph Hein eine beeindruckende Sorgfalt und Genauigkeit, wenn es ihm darum geht, historische Fakten zu recherchieren und Zusammenhänge abzusichern. Vor diesem Hintergrund erstaunt es zwar, dass er sich bei Gegenlauschangriff offensichtlich an der einen oder anderen Stelle etwas blauäugig auf sein Erinnerungsvermögen verlassen zu haben scheint. Trotzdem sind es nicht die in den Medien geführten Debatten um seine Rolle bei der Entstehung von Henckel von Donnersmarcks Kinoerfolg „Das Leben der Anderen“ oder Heins Vorwürfe gegen Volker Hage, der habe in schuftiger Absicht dessen Stasi-Akte studiert, die Gegenlauschangriff verschatten. Derlei Irrtümer und Fehler lassen sich in Folgeauflagen in der Tat korrigieren. Nein, es sind die stereotypen Unterlegenheitsphantasmen und Okkupationsmythen, die den Geschichten um ein Schriftstellerleben in deutsch-deutschen Verhältnissen eingeschrieben sind, welche die Lektüre unleidlich macht. Man möchte sich gar nicht vorstellen, was geworden wäre, hätte es am Ende eines deutsch-deutschen Krieges einen tollkühnen Hasardeur gegeben, der die Übermacht hätte herausfordern wollen.


Christoph Hein: Gegenlauschangriff. Anekdoten aus dem letzten deutsch-deutschen Kriege. – Berlin: Suhrkamp Verlag 2019.

Nachweis

Das Beitragsbild beruht auf einem Foto von Johannes Plenio auf Pixabay.

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