Jahr: 2018

Andreas Dury: Der Chor der Zwölf

Dury, Chor der Zwölf

Ob der Grundgedanke, dem das im Roman geschilderte KAIRA-Projekt zugrunde liegt, physikalisch und informationstechnologisch einen Machbarkeitskern enthält, mag nur jemand letztgültig beurteilen, der die notwendige Sachkenntnis mitbringt. Zu dieser Personengruppe gehöre ich nicht. Bestechend und faszinierend zugleich erscheint die Grundidee jedoch allemal. In den letzten rund 100 Jahren hätten die Menschen eine Art neuer Atmosphäre um die Erde gebaut, eine immaterielle, aus elektromagnetischen Feldern bestehende zusätzliche Hülle.…

Bernhard Schlink: Olga

Schlink, Olga

„Sie macht keine Mühe, am liebsten steht sie und schaut.“

Überlegungen, die sich um erste Sätze ranken, sind Legion. Letztere sind bekanntlich von besonderer Bedeutung und haben, sind sie wohl überlegt gesetzt, das Potential, einen langen Roman zu strukturieren.Schlinks erster Satz aus einem neuen Roman Olga wird wohl nicht in die Reihe der schönsten Romananfänge eingehen.…

Marc-Uwe Kling: Qualityland

Kling, Qualityland

Leseempfehlung

H. ist ein ausgesprochen freundlicher, belesener und gebildeter Mann. Ihn zu kennen, ist ein großes Glück, nicht zuletzt weil man immer wieder bemerken darf, dass seine Charakterzüge  und Eigenschaften nicht auf Haltungen von gestern, sondern auf das weisen, was notwendig ist. Dabei treten sie auf angenehm zurückhaltende Art in Erscheinung.…

Martin Walser: Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte

Walser, Gar alles

In Martin Walsers philosophisch-religiösem Essay Über Rechtfertigung, eine Versuchung aus dem Jahr 2012 heißt es an einer Stelle lapidar: „Wer nur gerechtfertigt leben kann, kann nicht leben. Es sei denn, er könne seine Rechtfertigungsnot durch das Auflegen von Debussy-Platten narkotisieren.“ Da der Hauptfigur des jüngsten Walser-Prosatextes, der die meiste Zeit Justus Mall heißt, die ohnehin ironisch gebrochene Option nicht zur Verfügung steht, erscheint er als  tragikomisch daherkommender Mann von letztlich ganz trauriger Gestalt.…

Peter Stamm: Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt

Stamm, Gleichgültigkeit

Auf seiner Facebook-Seite hat Peter Stamm ein Album angelegt mit Fotos von Hotelzimmern, in denen er sich während seiner zahrleichen Lesereisen aufgehalten hat. Eines dieser Fotos zeigt ihn in einem Aachener Hotel, an dessen Namen er sich nicht mehr erinnern kann. Er steht vor einem Spiegel im Badezimmer, an dessen gegenüberliegender Wand ebenfalls ein Spiegel angebracht ist, so dass beim Fotografieren der Eindruck eines unendlichen Spiegelraums entsteht.…

Milena Michiko Flašar: Herr Katō spielt Familie

Flasar, Kato

„Denn ich, ohne Bücher, bin nicht ich.“

Das Zitat ist Christa Wolfs Essay Lesen und Schreiben entnommen, den sie 1972 erstmalig veröffentlichte. Darin geht sie der Frage nach, welche Bedeutung Literatur für ihr Leben habe, und macht ein Gedankenexperiment. Sie stellt sich vor, wer sie sei, wenn sie all die Bücher nicht gelesen hätte, die sie im Laufe ihres Lebens kennenlernen durfte.…

Jochen Missfeldt: Solsbüll

Solsbüll

Der vergessene Roman

Bücher haben ihre Zeit, auch wenn die Halbwertszeit, in der ihnen Aufmerksamkeit geschenkt wird, immer kürzer zu werden scheint. Aber es gab und es gibt auch immer wieder Bücher, die kommen zur falschen Zeit. Beachtung finden sie kaum bis gar nicht; der Gedanke, wie wirksam sie sind, waren oder hätten sein können, erübrigt sich.…

Martin Walser; Jakob Augstein: Das Leben wortwörtlich. Ein Gespräch

Walser - Augstein

Was für ein Buch wird es denn werden?“, so heißt es gleich zu Beginn. Die Frage, die der Journalist dem Schriftsteller, der Jüngere dem Älteren, der Sohn dem Vater stellt, gilt, vom Ende her gesehen, auch dem Leser. Was für ein Buch ist es denn geworden?

„Ein Gespräch“, das will es der Untertitel zu verstehen geben.…

Theodor Fontane: Grete Minde. Nach einer altmärkischen Chronik

Fontane, Grete Minde

Die Erinnerung trügt, fast immer. Dieser Umstand ist von solcher Gewissheit, dass es schon fast peinlich wirkt, wenn jemand meint, darauf einmal mehr hinweisen zu müssen. Was anderes aber ist der Moment, in dem das Trügerische der Erinnerung bewusst wird. Ein Zögern entsteht, sei es in der Bewegung, die gerade ausgeführt wird, sei es in dem Satz, den man aussprechen will und nicht zu Ende bekommt, sei es im Gedanken, den man nicht halten kann.…

Heinrich von Kleist: Die Marquise von O…

Kleist, Marquise

Irgendetwas hindert daran, der Marquise von O…, dieser „Dame von vortrefflichen Ruf, und Mutter von mehreren wohlerzogenen Kindern“, wie es gleich am Anfang der Erzählung heißt, zu trauen. Was dieses Misstrauen auslöst, ist schwer zu beschreiben, vielleicht nur zu umkreisen.

Da macht zuerst der Erzähleinstieg stutzig. Warum wird gleich zu Beginn so dick aufgetragen?…