Jahr: 2022

Theodor Fontane: Stine

Fontane macht es seinen Leserinnen und Lesern nicht leicht – damals nicht und heute erst recht nicht. Irritierte die Zeitgenossen wohl eher eine sich auf äußerster Schwundstufe entwickelnde Handlung, so erschwert uns Heutigen der voraussetzungsschwere Anspielungsreichtum die Lektüre. Ohne erläuternde Kommentare ist Stine selbst für den an historischen Vorkenntnissen reichen Leser kaum noch mit Genuss und Freude lesbar.…

Hervé Le Tellier: Die Anomalie

Augenreiben. Kopfschütteln. Hatte ich irgendetwas missverstanden oder mich schlicht vertan? Die Anomalie stand auf der Weihnachtswunschbücherliste 2021. Auf diese Liste war der Roman gelandet, weil über unterschiedliche Kanäle mein Interesse geweckt worden war und ich mir einbildete, die Story zu kennen. Aber nach dreißig, vielleicht vierzig Seiten stellte ich mir dann doch die Frage, wann denn nun das Ereignis eintrete, das die Romanhandlung tragen soll und von dem in jeder Rezension, in jedem Blogbeitrag, in jedem Podcast, die sich dem Roman widmen, die Rede ist?…

Kent Haruf: Ein Sohn der Stadt

Zu Beginn des Romans fährt ein roter Cadillac über den Highway 34 auf die Main Street von Holt, dieser aus allen Romanen Kent Harufs bekannten, fiktiven Kleinstadt in Colorado, und parkt dort. Sofort ploppen Bilder des Vertrauten auf, der Leser ist wieder da, wo er schon einmal war. An dem Ort, den er kennt oder zu kennen meint, weil ja schon Vorstellungsbilder da sind, seien sie jetzt zurückgewonnen aus den vorherigen Romanen, seien sie generiert aus den anderweitig medial vermittelten Klischees einer typischen amerikanischen Kleinstadt mitten … – und das kann man auch topographisch nahezu wörtlich nehmen – mitten in den Vereinigten Staaten.…