Jahr: 2015

Ohne Verfallsdatum Persönliche Anmerkungen zum literarischem Bestand über das Jahr 2015 hinaus

In den letzten Tagen habe ich so viele Blogs gelesen, in denen Rückschau auf das eigene Lesejahr gehalten und Buchempfehlungen ausgesprochen werden, dass ich schon erwog, genau aus dem Grund mich selbst zurückzuhalten. Aber der Rückblick auf die gelesenen Bücher ist auch ein Rückblick auf meinen Blog. Den habe ich im September begonnen, eine schon lange gehegte Idee und einen Wunsch in die Tat umgesetzt, aber nicht geahnt, dass er mir so schnell so viel bedeutet.…

Andreas Maier: Mein Jahr ohne Udo Jürgens

Genau vor einem Jahr, am 21. Dezember 2014, starb Udo Jürgens. Sein Tod überraschte die Öffentlichkeit und wurde, zumindest im deutschsprachigen Raum, zu dem vorweihnachtlichen Medienereignis. Doch das war Udo Jürgens eigenlich schon immer. Er gehörte für diejenigen, die nach 1960 geboren sind, zu den wenigen Gestalten, die eigentlich schon immer da waren, quasi zeitlos, am Rande der Unsterblichkeit.…

Robert Seethaler: Der Trafikant

Die Reihenfolge, in denen man die Bücher eines Autors liest, entspricht nur selten der Chronologie ihrer Veröffentlichung. So ist es mir  auch gegangen mit Robert Seethalers Roman Der Trafikant. Anfang des Jahres hatte ich Seethalers kleinen Roman Ein ganzes Leben gelesen und sah mich in die Reihe der Begeisterten eingereiht.…

Abgebrochenes 2015 Gescheiterte Lektüren des Jahres

In seinem mittlerweile über 20 Jahre alten wunderbaren Essay „Wie ein Roman“ formulierte Daniel Pennac zehn „unantastbare Rechte des Lesers“, die seither immer wieder aufgenommen werden und in eigene Überlegungen einfließen. Das dritte der Rechte, die Pennac in seinem Dekalog festhält, ist das Recht, ein Buch nicht zu Ende zu lesen.…

Jan Costin Wagner: Sonnenspiegelung

Kriminalromane sind kein literarischen Genre, in dem Heiterkeit und Freude einen hohen Stellenwert haben. Was mit dieser Aussage als Binsenweisheit daher zu kommen scheint, ist aber dann bemerkenswert, wenn vor deren Hintergrund eine Besonderheit hervorgehoben werden soll. Bei Jan Costin Wagners Kriminalromane um den finnischen Kommissar Kimmo Joentaa liegt diese Besonderheit in ihrer abgrundtiefen Traurigkeit, die sie beim Leser hinterlassen.…

Henning Mankell: Treibsand

Am 05. Oktober 2015 starb Henning Mankell in seinem Haus in der Nähe von Göteborg in der Folge seines Krebsleidens, das sein Leben seit mittlerweile fast drei Jahren prägte. Ziemlich genau eine Woche vorher war sein letztes zu Lebzeiten fertiggstelltes Buch auf dem deutschsprachigen Buchmarkt erschienen, das in Schweden schon 2014 veröffentlicht worden war.…

Stephan Enter: Im Griff

 

Zwanzig Jahre ist es her. Eine Gruppe von vier Studenten, drei Männer und eine Frau, reisen auf die Lofoten, um dort einen Kletterurlaub zu machen. Weit nördlich des Polarkreises, auf der Insel Moskenesøy, unternehmen sie mehrere Bergtouren, die die vier immer mehr zueinander führt, obwohl sie bei Lichte besehen wenig miteinander gemein haben außer dle Leidenschaft fürs Klettern.…

Peter Richter: 89/90

Der Titel des Romans verweist lapidar auf das, worum es geht: grob gesagt um die letzten beiden Jahren der DDR zwischen Siechtum und Auflösung. Aha, so könnte man meinen, ein weiterer „Wenderoman“ oder zumindest einer, von dem man annimmt, man könne ihm mit dieser Kategorisierung beikommen. Nein, in eine Reihe von Romanen wie Eugen Ruges „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, Lutz Seilers „Kruso“ oder Uwe Tellkamps“ Der Turm“ verbindet ihn zwar der äußerliche Umstand der alljährlichen Inszenierungen um die Frankfurter Buchpreisverleihung, denn 89/90 stand für 2015 immerhin auf der Longlist für den Preis.…

Friedrich Ani: Der namenlose Tag

Friedrich Ani: Der namenmlose Tag

Würde man gefragt, mit welchen Farbassoziationen man Friedrich Anis Roman verbinden würde, so würde man ganz sicher sofort an die Farbe Grau denken, Grau in nahezu all seinen Abschattierungen. Die dominierende Grundfarbe wäre dabei allerdings nicht Weiß, sondern Schwarz. Selten drängt sich deshalb so stark der Eindruck auf, dass Bucheinband und Buchumschlag zum Erzählten passt wie hier.…

Christoph Wortberg: Der Ernst des Lebens…

Mein Bruder war ein Held.

So endet der Prolog von Christoph Wortmanns Jugendroman, der in wenigen Sätzen eine immer tiefgründigere Definition von Heldentum zu formulieren versucht und schließlich beim Bruder endet. Dann ist ja alles klar, könnte man meinen. Einen Erzähltext, der sich einreiht und Bezug nimmt auf eine hochkarätige Reihe von Bruderzwist-Geschichten habe ich als Leser wohl nicht zu erwarten.…

Regina Düring: 2 1/2 Gespenster

 

„I would prefer not to“ – dieser Ausdruck des Nichtwollens und der radikalen Verweigerung ist zu einer stehenden Redewendung der Literatur geworden. Der Schreiber Bartleby, diese stets schattenhaft bleibende Figur aus Herman Melvilles  1853 erstmalig veröffentlichter Erzählung, ist der Prototyp für all jene, die nicht mittun, mehr noch: die sich eben nicht nur einer Sache verweigern, sondern durch ihr Handeln und ihre Haltung der Mitwelt keinerlei Angebot machen, in welcher Weise man auf sie eingehen kann.…

Dörte Hansen: Altes Land

Dörte Hansen: Altes Land

 

Eigentlich habe ich dieses Buch erst gar nicht lesen wollen, dann habe ich es trotzdem getan, weil mich ein paar Fragen, die sich an den Roman stellen lassen,  näher interessierten. Ich wollte es dann zwischenzeitlich weglegen und habe es dann doch zügig zu Ende gelesen. Genug Gründe also, um über den Roman ein paar Worte zu verlieren.…

John Williams: Butcher’s Crossing

Der Ort, an dem sich die Wege der Schlächter kreuzen, das ist Butcher’s Crossing, eine Kleinstadt in Kansas, am Rande des Nirgendwo, das man den „Wilden Westen“ nannte. Hier treffen sich die Büffeljäger, um die erbeuteten Bisonfelle auf den Markt zu bringen. Hier erholen sich rastlose Männer von den Strapazen ihrer Beutezüge und geben eine Menge des schnell verdienten Geldes ebenso schnell wieder aus.…

Heinz Rein: Finale Berlin

Sagen wir es gleich vorweg: Dass der Autor literarisch Figuren zeichnen könne, die stereotype Denk- und Verhaltensmuster hinter sich lassen und individuelle Charaktere darstellen, kann man eigentlich schon nach den ersten 30-40 Seiten dieses fast 760 Seiten dicken Romans bei allem guten Willen nicht mehr behaupten. Und am Ende der Lektüre bleibt dieser Eindruck auch weiterhin haften.…

Sjón: Der Junge, den es nicht gab

Der Junge, den es nicht gab,

  • heißt Máni Steinn, wird aber im Roman durchgängig nur als „der Junge“ bezeichnet,
  • ist im Jahr 1918, in dem die Handlung im Wesentlichen zeitlich spielt, sechzehn Jahre alt,
  • verbrachte seine frühe Kindheit weithin auf einer Leprastation bei Reykjavik und musste erleben, wie seine Mutter an der Krankheit verstarb,
  • wurde dann aufgenommen und liebevoll großgezogen von einer alten Frau, die behauptete, in einem weitläufigen verwandschaftlichen Verhältnis zu ihm zu stehen,
  • wächst in ärmlichen Verhältnissen auf,
  • kommt zu Geld, indem er sich, seiner eigenen homosexuellen Neigung folgend, an Männer prostituiert,
  • ist ausgesprochen fasziniert von einem etwa gleichaltrigen Mädchen, das ein Motorrad fährt; eine Faszination ohne sexuelles Interesse,
  • wird schließlich beim Sex mit einem Mann erwischt und auf dubiose Weise aus Island ausgewiesen,
  • lebt seither in London und kommt 11 Jahre nach seinem Weggang zurück nach Reykjavik.