Schlagwort: Krieg

Peggy Mädler: Wohin wir gehen

Der Zug fährt am See entlang, am Ufer schaukeln Boote. Kristine versucht sich den Sommer vorzustellen, sie stellt sich Almut in einem sonnenbeschienenen Kirchmöser vor und sieht in der Scheibe Ellis Gesicht.

Jetzt bist du der Mensch, der mich am längsten kennt, sagt das Gesicht in der Scheibe, und ist dabei voller Regentropfen.

Stephan Thome: Gott der Barbaren

Thome, Gott der Barbaren

Eingeständnis

Keine Ahnung!
Noch nie etwas vom Zweiten Opiumkrieg gehört?
Ja,  doch, vage, äußerst vage. Ein Konflikt, ich glaube oder vermute,
zwischen China und Großbritannien, irgendwann im 19. Jahrhundert.
Ja, Großbritannien wohl. Denn wer tummelte sich sonst in dieser Zeit
mit Kolonialambitionen in Ostasien? Wahrscheinlich ging es um
den Zugang zum Opium, wozu auch immer man das zu brauchen
glaubte.…

Ralf Rothmann: Der Gott jenes Sommers

Rothmann, Gott jenes Sommers

I

Lesen weckt Vorstellungen, erzeugt Assoziationen und Gedanken, die dann auch wegvagabundieren können vom Gelesenen, sich in ein freies Feld bewegen der eigenen Erlebnisse, Erfahrungen und Einsichten. Gleichgültig, ob sie nun haltbar sind oder nicht. Im Schreiben aber über das Gelesene muss das Herumstreunen wieder gebändigt werden, damit das Geschriebene lesbar bleibt.…

Bernhard Schlink: Olga

Schlink, Olga

„Sie macht keine Mühe, am liebsten steht sie und schaut.“

Überlegungen, die sich um erste Sätze ranken, sind Legion. Letztere sind bekanntlich von besonderer Bedeutung und haben, sind sie wohl überlegt gesetzt, das Potential, einen langen Roman zu strukturieren.Schlinks erster Satz aus einem neuen Roman Olga wird wohl nicht in die Reihe der schönsten Romananfänge eingehen.…

Jochen Missfeldt: Solsbüll

Solsbüll

Der vergessene Roman

Bücher haben ihre Zeit, auch wenn die Halbwertszeit, in der ihnen Aufmerksamkeit geschenkt wird, immer kürzer zu werden scheint. Aber es gab und es gibt auch immer wieder Bücher, die kommen zur falschen Zeit. Beachtung finden sie kaum bis gar nicht; der Gedanke, wie wirksam sie sind, waren oder hätten sein können, erübrigt sich.…

Heinrich von Kleist: Die Marquise von O…

Kleist, Marquise

Irgendetwas hindert daran, der Marquise von O…, dieser „Dame von vortrefflichen Ruf, und Mutter von mehreren wohlerzogenen Kindern“, wie es gleich am Anfang der Erzählung heißt, zu trauen. Was dieses Misstrauen auslöst, ist schwer zu beschreiben, vielleicht nur zu umkreisen.

Da macht zuerst der Erzähleinstieg stutzig. Warum wird gleich zu Beginn so dick aufgetragen?…

Heinrich Böll: Und sagte kein einziges Wort

Böll, Und sagte ...

Am 21. Dezember jährt sich zum 100. Mal Heinrich Bölls Geburtstag. Grund genug, sich noch einmal mit ihm zu beschäftigen. Es sollte dabei ein mir bis dahin unbekannter Roman von ihm werden, den ich neu kennenlernen wollte. SO hoffte ich, der Antwort auf die Frage ein Stück näher zu kommen, was er, Böll, mir heute noch sagen könne.…

Johannes Bobrowski: Gesammelte Gedichte

Bobrowski, Gesammelte Gedichte

Bobrowski war anders, ist anders. Das erscheint sicherlich als merkwürdiger Charakterisierungsversuch für einen Schriftsteller, für einen Künstler. Denn das Anderssein, das Anders zur Welt gestellt sein als das Gängige, das Hergebrachte, die Konvention ist doch eine genuine Eigenschaft von Literatur und Kunst. Angepasstheit an das Gewohnte ließe sie erstarren im Trivialen, machte sie im besseren Fall zum Kunsthandwerklichen, im Regelfall überflüssig.…

Emmanuelle Pirotte: Heute leben wir

Pirotte, Heute leben wir

Ein Begleiter des Euregio-Schüler-Literaturpreises von Beginn an bin ich nicht, aber ich verfolge ihn seit Jahren, meist lesend, ab und an auch Veranstaltungen besuchend. Unter den zahlreichen und durchweg sinnvollen Literaturpreisen in unserem Land ist er mir letztlich der liebste. Nicht einmal in erster Linie, weil er den regionalen Bezug zu meinem Lebensraum, zu meiner Heimat hat, sondern weil er von Schülerinnen und Schülern vergeben wird.…

Christoph Hein: Trutz

Hein, Trutz

Christoph Hein gilt als „Chronist ohne Botschaft“. Diese Charakterisierung begleitet ihn seit Anfang der 90er Jahre und ist so fest mit ihm verbunden, dass immer wieder angenommen wurde, es handele sich dabei um eine Selbstbeschreibung Heins als Autor. Man hält sie für eine literaturästhetische Grundorientierung seines Schreibens, die sich bis in seine aktuellen Romane hinein beobachten lasse.…

Jean-Christophe Rufin: Das rote Halsband

Rufin, Halsband

Der 1. Weltkrieg ist seit zwei Jahren vorbei. Wir befinden uns in einer französische Kleinstadt, die reichlich südliches Flair ausstrahlt. Auf den großen Platz mitten in der Stadt lastet eine drückende Hitze, ein Platz, der auf der einen Seite von typischen städtischen Gebäuden, auf der anderen Seite von einer Kaserne eingefasst wird.…

Henning Mankells „Sofia“-Trilogie

Mankel, Sofia-Trilogie

Henning Mankells Gesamtwerk umfasst deutlich mehr als 50 Romane, Erzählungen, Dramen und Essays. Die zahlreichen Drehbücher, Audioproduktionen, verstreut publizierten Texte und Interviews sind dabei noch unberücksichtigt. Bei dieser Fülle kann man leicht den Überblick verlieren. Deshalb wundert es nicht, wenn immer wieder versucht wird, das Werk zu ordnen. Möglich sind gleich vielerlei Kategorien.…

Friedrich Christian Delius: Die Liebesgeschichtenerzählerin

liebesgeschichtenerzählerin

Eine Binsenweisheit: Man liest nie voraussetzungslos. Auszuschließen ist deshalb auch nicht, dass derlei Voraussetzungen im wesentlichen Maße nicht nur den Eindruck, sondern auch das Urteil über das Gelesene prägen. Das gilt natürlich ebenso für jene Voraussetzungen, die man nicht hat und die deshalb andere Voraussetzungen generieren.

Warum sagt er das?…

Heinz Rein: Finale Berlin

Sagen wir es gleich vorweg: Dass der Autor literarisch Figuren zeichnen könne, die stereotype Denk- und Verhaltensmuster hinter sich lassen und individuelle Charaktere darstellen, kann man eigentlich schon nach den ersten 30-40 Seiten dieses fast 760 Seiten dicken Romans bei allem guten Willen nicht mehr behaupten. Und am Ende der Lektüre bleibt dieser Eindruck auch weiterhin haften.…