Jahr: 2016

Friedrich Christian Delius: Die Liebesgeschichtenerzählerin

liebesgeschichtenerzählerin

Eine Binsenweisheit: Man liest nie voraussetzungslos. Auszuschließen ist deshalb auch nicht, dass derlei Voraussetzungen im wesentlichen Maße nicht nur den Eindruck, sondern auch das Urteil über das Gelesene prägen. Das gilt natürlich ebenso für jene Voraussetzungen, die man nicht hat und die deshalb andere Voraussetzungen generieren.

Warum sagt er das?…

Ein bisschen zur Person

Es war wahrscheinlich naiv anzunehmen, der Blog solle nur „aus sich heraus“ bestehen, es gehe nur um die Literatur, die hinter den Beiträgen stehende Person sei vollkommen belanglos, uninteressant und könne weithin unsichtbar bleiben. Er, der Blog, brauche also keine Informationen zu seinem Urheber, außer die natürlich, die aus rechtlichen Gründen notwendig sind.…

Friedrich Ani: Nackter Mann, der brennt

Die Beschäftigung mit Verschwundenen – das ist, um es etwas flappsig auszudrücken, Friedrich Anis Ding. Er versteht es, daraus ebenso anspruchsvolle wie spannende Kriminalhandlungen zu entwickeln und zugleich zerrüttete Lebenszusammenhänge und gesellschaftliche Fehlentwicklungen ins Tageslicht zu rücken. So, dass man hinschauen kann, ja hinschauen muss.

Ein solch Verschwundener ist auch Ludwig Dragomir.…

Jahrestag Null Eins

Am 15. August des letzten Jahres postete ich meinen ersten Beitrag in meinem Blog, eine Rezension zu Ulrich Woelks Krimi „Pfingstopfer“. Seither ist einiges passiert, Erhofftes, Erwartetes, Erwünschtes, Unerwartetes, Unerwünschtes, das es verdient, nicht zu schnell in den sich anhäufenden Erinnerungen zu verblassen.

Eine kurze, aber etwas weitere Vorgeschichte

Vor wenigen Tagen suchte ich aus beruflichen Gründen ein älteres Word-Dokument, von dem ich wusste, dass ich es nicht auf dem aktuellen Arbeitsplatzrechner finden würde.…

Joakim Zander: Der Bruder

Zander, Der Bruder

Der Berliner Literaturwissenschaftler und Publizist Walter Delabar schilderte kürzlich die Beobachtung, dass das Krimi-Genre von einer „Empfehlungswelle“ geradezu überschwenmmt werde, während eine, auch den Verriss nicht scheuende Literaturkritik weitgehend fehle. Leseempfehlungen würden begründet mit aktueller gesellschaftlicher und politischer Relevanz; stilistische und konzeptionelle Mängel blieben dem gegenüber unerwähnt oder unberücksichtigt. Joakim Zanders neuer Roman Der Bruder, der im Juli 2016 erschien, scheint mir durchaus ein aktuelles Beispiel zu sein, das in der Lage ist, diesen Eindruck zu bestätigen.…

Hinter der neuen Tapete … ... ist immer noch die gleiche Wand

Klauseln, die festlegen, wann Renovierungs- oder Schönheitsarbeiten zu erfolgen haben, gibt es für Blogs nicht. Glücklicherweise! Vorrangig ist, zumindest solange man den Blog nicht professionell betreibt, einzig das persönliche Empfinden, ob die selbst geschaffenen digitalen Räume, in denen man sich täglich aufhält, noch den Schreib- und Lesegewohnheiten – oder sollte ich nicht sagen: Lebensgewohnheiten?…

Hans-Ulrich Treichel: Tagesanbruch

Treichel, Tagesanbruch

Quelle: By Juan M Romero (Own work) [CC BY-SA 4. (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], via Wikimedia CommonsDie Pietà ist in der christlichen Bildkunst das Sujet, das am intensivsten den Schmerz und die Trauer der Mutter verkörpert, die ihr verstorbenes Kind beweint. Bis in mittelalterliche Vesperbilder zurückreichend ist der Aufbau der Bilder und Skulpturen nahezu identisch. Der verstorbene, gerade von Kreuz genommene Christus wird in den Schoß der Mutter gelegt oder liegt dort schon.…

Warum ich lese

lesen literatur

Im Mai veröffentlichte Sandro Abbate auf seinem Blog novelero einen sehr persönlichen Artikel, in dem er der Frage nachging, warum er liest. Dieser Beitrag erfuhr unter Buch- und Literaturbloggern eine große Resonanz. In deren Folge wurden eine Vielzahl von Beiträgen veröffentlicht, in der sich die Autoren mit ihrer eigenen Lesebiographie beschäftigten.…

Sander Kollaard: Stadium IV

S. Kollaard, Stadium IV

 

Nicht umsonst prägen die Farben Blau und Gelb, die Nationalfarben Schwedens, den Umschlag. Es zeigt ein Rapsfeld in voller Blüte. Die Kameraperspektive suggeriert dem Betrachter einen harten Übergang zwischen Land und Wasser, genauer und wenn man weiß, dass das Motiv auf Öland fotografiert wurde, zwischen Küste und Meer. Schweden, Öland – das ist der Sehnsuchtsraum für das Ehepaar Sarie und Barend Vervoort.…

Jürgen Becker: Jetzt die Gegend damals

Jürgen Becker Gegend

Der Titel ist Programm: Jetzt die Gegend damals. Jürgen Becker beweist in seinem letztes Jahr im August erschienenen Roman ein ausgesprochen sensibles Auge für die „Gegend“. Gegend ist all das, was ihn umgibt, vor allem aber Landschaften, Siedlungsformationen am Rande der Stadt und auf dem Land und natürlich die Menschen und Tiere, die sich in diesen Räumen bewegen.

Michael Köhlmeier: Das Mädchen mit dem Fingerhut

Erst am Ende gibt Michael Köhlmeier die bis dahin weitgehend durchgehaltene Erzählperspektive auf, wird auktorial und appelliert an den Leser:

Wenn es wahr ist, dass an Gottes rechter Seite sein Liebling steht, bei allem, was er tut, was er pflanzt und segnet, wenn das wahr ist, so hör die Schritte, die kleinen, die großen, das Trippeln und das Stampfen!

Hans Platzgumer: Am Rand

HITOTSU – das ist das erste Wort der fünf Grundregeln des Karate. In diesen sogenannten Dōjōkuns verbirgt sich fast die gesamte Ethik des ostasiatischen Kampfsports; sie betonen gerade nicht das Kämpferische, sondern Respekt, Disziplin und Charakterstärke. HITOTSU bedeutet in diesem Zusammenhang so viel wie „erstens“ und signalisiert, dass alles gleich wichtig ist.…

Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit

Es ist bekannt, vielleicht; es bewegt, zumeist:

Mondnacht

Es war, als hätt‘ der Himmel
Die Erde still geküsst,
Daß sie im Blüten-Schimmer
Von ihm nun träumen müßt‘.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

Peter Stamm: Weit über das Land

Las man die Vorankündigungen seitens des Verlags zum neuen Roman von Peter Stamm oder wirft man einen Blick auf den Klappentext, so steigt im Leser vielleicht die Ahnung, bei dem einen oder anderen auch die Befürchtung auf, man höre beim Lesen im inneren Ohr immer das Mundharmonika-Solo aus Udo Jürgens‘ Evergreen „Ich war noch niemals in New York“.…